«Es wird immer hässlicher»

Der Chinakenner Michael Pettis erklärt die Bedeutung von Chinas Reformen für die Weltwirtschaft und warum das aktuelle Welthandelssystem hochgradig instabil ist.

Michael Pettis kritisiert Chinas Wirtschaftspolitik. Foto: Nelson Ching (Bloomberg/Getty Images)

Michael Pettis kritisiert Chinas Wirtschaftspolitik. Foto: Nelson Ching (Bloomberg/Getty Images)

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Zum ersten Mal reist mit Xi Jinping der mächtigste Mann Chinas in die Schweiz und dann ans WEF nach Davos. Ein Zeichen dafür, dass China immer mehr die Rolle der USA übernimmt?
Die USA werden sich wahrscheinlich von ihrer zentralen Rolle im globalen Handel zurückziehen. Aber in der Weltwirtschaft wird China nicht die gleiche Rolle einnehmen können.

Warum nicht?
Das Handelssystem der USA baut auf US-Aussenhandelsdefiziten auf, das chinesische Handelssystem dagegen auf chinesischen Exportüberschüssen. Kein Land wird bereit und in der Lage sein, fortlaufend die Überschüsse Chinas aufzunehmen und Defizite zu verzeichnen, denn das würde ein deutlich geringeres Wirtschaftswachstum zur Folge haben. Deshalb wird ein Rückzug der USA auf keinen Fall dazu führen, dass China nachrückt. Ein Rückzug der USA würde daher zu einem höchst instabilen Handelsumfeld führen. Das aktuelle Handelssystem funktioniert schlicht nicht.

In den USA kritisiert man aber China wegen der hohen Nettoexportüberschüsse. Wie hängt das mit dem Modell der Wirtschaft in China zusammen?
China hat für viele Jahre die Zinsen künstlich tief gehalten. So wurden die Investitionen subventioniert. Das ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb der Einkommensanteil der Haushalte dort rapide sank. Jetzt ist er wahrscheinlich der geringste, der je bei einer grossen Volkswirtschaft gemessen wurde. Deshalb fiel auch der Konsumanteil. Und deshalb waren Haushaltsüberschüsse notwendig, um angesichts des zu geringen Konsums ein Steigen der Arbeitslosigkeit zu verhindern.

Würden sie denn Trump zustimmen, dass China die eigene Währung manipuliert?
Die Währung war nie das Problem, wie erwähnt waren es die Zinsen.

Wie erklären Sie sich, dass die chinesische Währung gegenüber dem Dollar an Wert verliert?
Die Kapitalabflüsse aus China sind hoch, und die Regierung in Peking ist sehr besorgt darüber. Es ist für sie aber nicht einfach, Massnahmen dagegen zu ergreifen, ohne etwas zu tun, was die inländische Unsicherheit schürt. Der Renminbi ist wahrscheinlich unterbewertet. Dass der Kurszerfall der Währung nicht aufhört, liegt daran, dass die Zentralbank aufgehört hat, mit Interventionen diese Entwicklung zu stoppen

Wie wirken sich die Drohungen von Trump aus, hohe Zölle auf den Produkten aus China einzuführen?
Das würde für China alles schlimmer machen. China braucht Exportüberschüsse, um das Problem der noch ungenügenden inländischen Nachfrage zu lösen. Diese Überschüsse entsprechen etwa der Hälfte aller Aussenhandelsüberschüsse weltweit. Andere Länder könnten sie kaum aufnehmen. Geringere Überschüsse würden daher in China die Arbeitslosigkeit steigen lassen, ausser die Regierung erhöht die Investitionen weiter und damit die Verschuldung. Ohne Nettoexportüberschüsse bleibt daher nur die Wahl einer noch höheren Verschuldung oder einer steigenden Arbeitslosigkeit.

Dass Chinas Wandel von den US-Konsumenten abhängt, ist aber auch nicht nachhaltig.
Ja, weltweit hängt sehr viel von den amerikanischen Konsumenten ab.

Kein Wunder also, dass sich die Produzenten in den USA ärgern und Donald Trump wählen.
Das ist richtig. Freihandel ist für die USA schon seit einiger Zeit ein Problem. Die USA können nicht immer weiter grosse Aussenhandelsdefizite machen, weil der Rest der Welt Probleme damit hat, die eigenen Volkswirtschaften in ein nachhaltiges Gleichgewicht zu bringen.

Eine Lösung für China schafft also den USA Probleme und umgekehrt...
Ja. Ich sage seit Jahren, dass das Handelsumfeld immer hässlicher wird. Es ist nicht nachhaltig.

Hat die Wahl von Donald Trump bereits Konsequenzen in China?
Eine der Konsequenzen des Sieges von Donald Trump war eine deutliche Steigerung des Dollarkurses und eine deutliche Zunahme von Kapitalzuflüssen aus dem Ausland in die USA. Das bedeutet, dass das Aussenhandelsdefizit der USA trotz aller Absichtserklärungen von Trump weiter zunimmt. Und wenn es das tut, ist das gut für China, Deutschland und den Rest der Welt.

Ein grosses Thema ist auch das Wachstum der chinesischen Wirtschaft. Im letzten Jahr soll es 6,7 Prozent betragen haben.
Man kann jedes Wirtschaftswachstum haben, wenn man bereit ist, die Schulden in einem Ausmass auszuweiten, um dieses zu erreichen. Die Schweiz könnte auch 6 Prozent Wachstum haben, wenn man bereit wäre, unbeschränkt Geld zu leihen und es auszugeben. Das wäre kurzfristig möglich, aber langfristig sehr schlecht. Um in China 6,7 Prozent Wachstum zu generieren, war eine Zunahme der Verschuldung im Ausmass von etwa 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) notwendig. Das ist einfach nicht nachhaltig.

Was müsste denn China tun?
Wenn man das Schuldenproblem in China auflösen will, gibt es nur eine Lösung. Nach 30 Jahren raschen Wachstums, von dem die Lokalregierungen in China bzw. die dortigen Eliten überproportional profitiert haben, ist jetzt ein Wandel hin zu einem System nötig, in dem diese Eliten direkt oder indirekt für die Kosten der Reduktion der Schulden aufkommen müssen und für eine Erhöhung des Konsumanteils in der chinesischen Wirtschaft.

Wie realistisch ist das?
Die Art der Reformen, die China braucht, haben nur sehr wenige Länder erfolgreich geschafft. Das waren Demokratien wie die USA in den 1930er-Jahren, oder stark zentralisierte Autokratien wie China in den 1980er-Jahren. Das bedeutet, dass Präsident Xi Jinping die Macht dramatisch zentralisieren muss, damit die Reformen erfolgreich umgesetzt werden können.

Die Verschuldung in China geht auf massive Investitionen zurück. Was ist das Problem damit?
China verfügt über mehr Infrastruktur, als selbst ein reiches Land nutzen könnte. Es gibt Städte in Zentralchina, die über Flughäfen verfügen, die kaum benutzt werden. Und jetzt werden noch mehr Flughäfen in den Städten gebaut. Sie bauen die Untergrundbahnen bis tief in Gebiete auf dem Land aus, wo kaum jemand wohnt. Der Wert, den die Investitionen schaffen, ist geringer, als was sie kosten. Als Resultat steigen die Schulden stärker als die Fähigkeit, sie zu bedienen.

In diesem Zusammenhang wird auch von einer Blase gesprochen, die in China platzen könnte.
Es ist möglich, aber ich halte es nicht für wahrscheinlich. Die chinesische Regierung kontrolliert den grössten Teil des Bankensystems und kann daher jederzeit eine Restrukturierung der Verpflichtungen durchführen. Dass eine Krise deshalb unwahrscheinlich ist, ist aber nicht zwingend auch eine gute Sache. Denn manchmal ist eine Krise der Weg, wie ein Problem sehr rasch gelöst wird.

Kennen Sie ein Beispiel dafür?
Der klassische Fall ist jener von Japan. Japan hatte nie eine wirkliche Krise. Aber Japan ist über rund 25 Jahre praktisch nicht mehr gewachsen.

Wo würden sie nachhaltige Wachstumsraten für China sehen?
Das angemessene Wachstum ist jenes, das nicht durch eine Neuverschuldung erreicht wird. Ich denke, es ist nicht viel höher als rund 3 bis 4 Prozent. Das heisst, es muss noch deutlich geringer werden.

Das würde von vielen als Zeichen einer Krise gelesen.
Wenn die Wachstumsraten tiefer ausfallen, sollten wir applaudieren. Alles was man tun muss, ist, die Zahlen zur Verschuldung anzuschauen. Wenn ein Land Schulden im Ausmass von 40 Prozent gemessen am BIP generieren muss, um ein Wachstum von 6,7 Prozent zu erreichen, sollte jeder begreifen, dass das nicht nachhaltig sein kann.

Wie würde denn ein so viel tieferes Wachstum die gewöhnlichen Chinesen treffen?
Was für die Leute zählt, ist nicht das Bruttoinlandprodukt, sondern ihr Einkommen. Seit 30 Jahren wächst das BIP von China rund 10 Prozent jährlich. Aber das Einkommenswachstum der Haushalte belief sich auf 7 bis 8 Prozent, was sehr gut ist. Doch das bedeutet, der Anteil der Haushaltseinkommen an der Wirtschaft wurde immer geringer und der Anteil der Eliten und der lokalen Regierungen grösser.

Was muss denn Ihrer Meinung nach geschehen?
Zwei Sachen: Das Wachstum muss deutlich kleiner ausfallen, und es muss einen Transfer des Reichtums der Eliten zu den gewöhnlichen Haushalten stattfinden. Das bedeutet, dass das Einkommen und der Wohlstand der gewöhnlichen Haushalte schneller wächst als das BIP und damit auch der Konsum. Dann kann das BIP zum Beispiel mit 3 Prozent pro Jahr wachsen, das Haushaltseinkommen aber mit 4,5 bis 5 Prozent.

Erstellt: 14.01.2017, 00:09 Uhr

Michael Pettis

China-Experte und Ex-Barbesitzer

Michael Pettis ist Wirtschaftsprofessor an der Guanghua School of Management, die zur Peking-Universität gehört. Er zählt zu den renommiertesten Kennern der chinesischen Wirtschaft. In Peking hat er einst auch einen Punk-Rock-Nachtclub unterhalten. Pettis wurde als Sohn einer Französin und eines Amerikaners in Spanien geboren. (mdm)

Chinas Staatschef zu Besuch

Xi Jinping in der Schweiz

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