«Fast unerträglich, dass wir unseren Mitarbeiter bespitzelt haben»

Das sagt Präsident Urs Rohner nach einem denkwürdigen Tag für die Credit Suisse.

«Ich habe mit allen Geschäftsleitungsmitgliedern gesprochen – sie stehen alle hinter Thiam.»: Rohner im Interview am Zürcher Paradeplatz. Foto: René Ruis

«Ich habe mit allen Geschäftsleitungsmitgliedern gesprochen – sie stehen alle hinter Thiam.»: Rohner im Interview am Zürcher Paradeplatz. Foto: René Ruis

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CS-Präsident Urs Rohner nimmt exklusiv Stellung zu den Widersprüchen und stellt sich hinter Bankchef Thiam. Dessen Zwist mit Khan sei keine Ursache für die Beschattung gewesen.

Herr Rohner, glauben Sie, dass die Beschattungsaffäre mit der Veröffentlichung der internen Untersuchung für die Bank beendet ist?
Nein. Ich hoffe, dass nun aber Klarheit über die wichtigsten Punkte herrscht und dass es wieder ruhiger wird für die Bank. Die Sache war auch für die Mitarbeiter sehr belastend. Wir wollten die Vorgänge seriös untersuchen lassen. Keine Fragen, wir haben Fehler gemacht. Dafür habe ich mich entschuldigt. Aber ich bin auch nicht naiv: Es wird nicht so schnell ruhig werden.

Wie gross ist der Rufschaden für die Bank?
Das ist schwierig abzuschätzen. Es ist ein Rufschaden entstanden, das ist klar. Keine Bank will öffentlich am Pranger stehen, schon gar nicht mit einer solchen Geschichte. Es war für mich fast unerträglich einzugestehen, dass wir unseren eigenen Mitarbeiter bespitzelt haben. Das geht so nicht. Wir heissen das nicht gut. Ich glaube auch, dass das jeder in der Firma verstanden hat. Es handelte sich aber um einen Einzelfall. Wir haben keine Kenntnis darüber, dass es zu weiteren Überwachungen gekommen wäre.

Thiam ist ein starker Firmenchef und hat in den letzten Jahren für die Bank viel erreicht.

Von der Überwachung Iqbal Khans sollen nur zwei Personen gewusst haben, der operative Chef Pierre-Olivier Bouée und Sicherheitschef Remo Boccali. Bouée gilt als die rechte Hand von Bankchef Tidjane Thiam. Verstehen Sie, dass es deshalb Zweifel gibt, dass Thiam nicht im Bild war?
Die Untersuchung hat gezeigt, dass der Auftrag für die Überwachung im Geheimen ablief. Tidjane Thiam hat mir bestätigt, dass er nichts von dem Auftrag wusste. Es gibt für mich keinen Grund, daran zu zweifeln. Die Untersuchung hat ergeben, dass sich die handelnden Personen bewusst waren, dass sie ein hohes Risiko eingehen, und darum nicht wollten, dass das breiteren Kreisen bekannt wird.

Ist aber Thiam als Bankchef jetzt nicht geschwächt?
Das glaube ich nicht. Ich habe mit allen Geschäftsleitungsmitgliedern gesprochen – sie stehen alle hinter Thiam. Er ist ein starker Firmenchef und hat in den letzten Jahren für die Bank viel erreicht. Die Geschichte hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig in einem grossen Unternehmen starke Kontrollorgane sind.

Urs Rohner (links) und Flavio Romero von der Anwaltskanzlei Homburger nach der Medienkonferenz vom Dienstag, dem 1. Oktober. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Wenn der Chef von solchen Vorgängen nichts weiss, hat er doch seinen Laden nicht im Griff?
Ein Unternehmen unserer Grösse kann die besten Prozesse haben, aber es wird nie davor gefeit sein, dass eine kleine Gruppe von Personen ohne das Wissen der Chefs handelt. Das kommt nur heraus, wenn es schiefläuft.

Wieso hat Homburger nicht das Verhältnis von Thiam und Khan untersucht? So hätten Sie den Verdacht entkräften können, dass es sich um eine private Rache handelt?
Die Beziehung zwischen Iqbal Khan und Tidjane Thiam war für diese Untersuchung nicht relevant. Beide haben mir Anfang Jahr versichert, dass sie weiter vernünftig zusammenarbeiten. Das hat sich auch bestätigt, denn beide haben in den vergangenen Monaten gute Ergebnisse geliefert. Auch waren mit der Austrittsvereinbarung von Khan alle zufrieden. Damit war für uns ein einvernehmlicher Schlusspunkt gesetzt.

War das Verhältnis der beiden nach dem Eklat an der Cocktailparty in Thiams Villa im Januar nicht gestört?
Ich habe damals mit mehreren Mitgliedern der Geschäftsleitung gesprochen. Alle haben mir bestätigt, dass der Umgang und der Ton in der Geschäftsleitung auch nach diesem Vorfall absolut professionell waren.

Beide sind anschliessend bei Ihnen gewesen, haben aber den Vorfall laut Ihrer Aussage unterschiedlich dargestellt. Wo gingen die Aussagen auseinander?
Mehr in der Bewertung des Falls und der Tonalität. Ich will da jetzt aber nicht in die Details gehen, das ist eine private Sache gewesen.

Der Auftrag zur Überwachung wurde erst erteilt, als klar wurde, dass Khan zur UBS wechselt.

Es halten sich aber Gerüchte, dass Khan sich nach dem Vorfall bedroht gefühlt hat. Haben Sie davon Kenntnis?
Nochmals, weil ich selber bei diesem Vorfall nicht dabei war, kann ich mich über diese private Angelegenheit hier nicht äussern.

Der Abschlussbericht lässt Fragen offen: Als die Affäre publik wurde, hiess es, das Ganze sei eine «private Angelegenheit». Jetzt wird die Überwachung damit begründet, die Bank vor Abwerbeversuchen zu schützen. Was stimmt denn nun?
Es war so, dass beide private Differenzen haben. Die Untersuchung hat aber ganz genau geschaut, ob es andere Motive für den Auftrag gab, als zu prüfen, ob Iqbal Khan Kunden und Mitarbeiter abwerben will. Das war eindeutig nicht der Fall. Der Auftrag zur Überwachung wurde erst erteilt, als klar wurde, dass Khan zur UBS wechselt. Diese Schlussfolgerung des Berichts ist eindeutig.

Weiterer Widerspruch: Im Memo hiess es, dass Khan nur tagsüber beschattet worden sei. Im Abschlussbericht dagegen heisst es, er sei auch abends überwacht worden.
Diese Fragen werden im Zuge der laufenden Strafuntersuchung angeschaut. Meines Wissens erfolgte die Überwachung vor allem tagsüber. Aber diese Frage war für uns bei der Entscheidung, eine Untersuchung einzuleiten, letztlich nicht relevant.

Mit dem Suizid des Mittelsmanns, der zwischen der Bank und der Detektei stand, hat der Fall eine neue Wende genommen. Wird jetzt noch geklärt, wer den Namen des Mittelsmanns an die Medien weitergereicht hat?
Der Fall ist tragisch und macht mich auch persönlich betroffen. Ich will hier nicht über die Ursache des Suizids spekulieren. Sofern es Aspekte geben sollte, die für unsere Bank relevant sind, werden wir diese selbstverständlich aufnehmen.

Die Frage ist, wie man mit den Fehlern umgeht

Haben Sie schon Hinweise, dass sich Mitarbeiter und Kunden wegen des Falls von der Bank abwenden?
Nein, das haben wir nicht. Im Gegenteil, viele Kunden haben uns den Rücken gestärkt. Auch unsere Aktionäre tun das, einige haben sich ja auch bereits öffentlich geäussert. Ich kriege von Kunden recht viel Post. Und es gibt immer ein paar Leute, die auch mal einen nicht so freundlichen Brief schreiben. Aber in der letzten Woche sind es insgesamt weniger als zehn gewesen. Mir ist nicht bekannt, dass ein grösserer Kunde die Bankbeziehung wegen des Falls beendet hat.

Die Affäre wird Thiam aber sicher weiter begleiten und damit belasten. Wie geht die Bank damit um?
Indem man das Geschäft so gut und so transparent wie möglich betreibt. Ich habe viele Diskussionen mit dem CEO gehabt, er führt das Geschäft absolut professionell und wird das auch in Zukunft so machen. Dass in einer Organisation mit 50'000 Mitarbeitern Fehlern geschehen, das ist normal. Die Frage ist, wie man mit den Fehlern umgeht und die Fehlerquote möglichst gering hält.

Wie lange wird Thiam noch Chef der Bank bleiben?
Aus meiner Sicht noch lange. Das Wichtigste ist, dass der Verwaltungsrat für jede Position in der Geschäftsleitung und im Verwaltungsrat selber einen Nachfolgeplan hat. Den haben wir. Das Zweitwichtigste ist, über diese Pläne nicht zu sprechen.

Wie sieht denn die Abgangslösung für Herrn Bouée aus?
Es gibt da keine Sonderregelung für ihn, das Arbeitsverhältnis wird also ganz normal unter Beachtung der üblichen Kündigungsfrist beendet. Die Details regelt der Vergütungsausschuss; soweit diese publikationspflichtig sind, werden wir darüber im nächsten Frühjahr im Vergütungsbericht Rechenschaft ablegen.

Erstellt: 01.10.2019, 19:52 Uhr

Der CS-Präsident

Urs Rohner ist seit mehr als acht Jahren Verwaltungsratspräsident der zweitgrössten Schweizer Bank. Der 59-jährige Anwalt war davor vier Jahre lang der Chef des deutschen Medienkonzerns Prosieben Sat 1. Danach wurde er zum Chefjuristen der Credit Suisse, von diesem Posten wechselte er in den Verwaltungsrat. Im Frühling 2021 erreicht er die von ihm selbst eingeführte Amtszeitbegrenzung von zwölf Jahren. Dann muss aber nicht zwingend Schluss sein: Unter bestimmten Bedingungen könnte die Amtszeit weiter verlängert werden. Während des Studiums wurde Rohner zweimal Schweizer Meister im 110-Meter-Hürdenlauf. (red)

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