Haben Sie Ihr Ferienhaus versteuert?

Jetzt kommen in der Schweiz nicht deklarierte Immobilien ans Licht.

Strandhäuser in Spanien: Der zweiten und dritten Ausländergeneration in der Schweiz drohen Nachsteuern und die Kürzung von Sozialleistungen Foto: Getty Images

Strandhäuser in Spanien: Der zweiten und dritten Ausländergeneration in der Schweiz drohen Nachsteuern und die Kürzung von Sozialleistungen Foto: Getty Images

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Wie unbeschwert waren die Sommerferien im geerbten Landhaus im ligurischen Apennin! Beim Schwatz mit den Nachbarn, beim Heuen mit ihnen oder beim Baden im Bach kamen Kindheitserinnerungen auf. Abends unter der Pergola konnte man sich der Illusion hingeben, dass mit der richtigen Einstellung das Dasein leicht und heiter ist.

Der Haken: Das Haus ist den Schweizer Steuerbehörden nicht gemeldet. Das ging bisher gut. Doch mit dem Automatischen Informationsaustausch zwischen den 28 EU-Staaten und der Schweiz, der nächstes Jahr erstmals zur Anwendung kommt, riskiert man aufzufliegen. Auf dem schuldenfreien Haus lastet nun eine Hypothek der anderen Art.

«Der Plan der Gastarbeiter, das in der Schweiz hart verdiente Geld in ein Haus in der Heimat zu investieren, erweist sich für ihre Kinder als steuertechnischer Stolperstein», sagt Doris Bianchi, stellvertretende Sekretariatsleiterin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. «Nur die wenigsten Gastarbeiter» hätten deklariert, dass sie in ihrem Heimatdorf ein Haus oder eine Wohnung besitzen. «Wieso auch?», fügt Bianchi hinzu. «Sie zahlten ja dem Heimatstaat nicht wenig Steuern für eine Liegenschaft, die sie nur in den Ferien nutzten. Über diesen Liegenschaftsbesitz konnten die schweizerischen Steuerbehörden keine Kenntnis haben.»

«Wir haben es mit einem enormen Problem zu tun»

Die Problematik gilt für alle, die in der Schweiz steuerpflichtig sind. Da Secondos und Ausländer aber eher eine Liegenschaft ausserhalb der Schweiz besitzen, trifft es diese Bevölkerungsgruppen überdurchschnittlich. «Wir haben es mit einem enormen Problem zu tun, das primär Secondos belastet», sagt Francesco Miceli. Er präsidiert die Associazione Solidarietà e Diritti, die Beratungsdienste in Sozial- und Steuerfragen anbietet. Hinter dem schweizerischen Verein steht der italienische Gewerkschaftsbund Cgil. Die Angst vor dem Automatischen Informationsaustausch hat laut Miceli einen riesigen Informationsbedarf ausgelöst. An einer Veranstaltung in Bern habe er vor einem Monat 300 Besucher gezählt. In diesem Jahr hat er bereits 30 solcher Anlässe durchgeführt.

«Für die zweite Generation, die diese Liegenschaften geerbt hat oder sie erben wird, kommen Umtriebe und Unkosten auf sie zu», sagt Doris Bianchi. Dies für Häuser, die sich aufgrund der Immobilienkrise in vielen der betroffenen Länder, etwa in Italien oder Spanien, kaum mehr verkaufen oder vermieten liessen. Mit dem Automatischen Informationsaustausch soll die grenzüberschreitende Steuerhinterziehung erschwert werden. Die Eidgenössische Steuerverwaltung erhält Jahr für Jahr von den anderen Ländern unaufgefordert Daten, die ausländische Vermögenswerte von Steuerpflichtigen in der Schweiz betreffen. Die Informationen decken sich weitgehend mit den Vermögensausweisen, welche die Banken den Kontoinhabern ausstellen.

Die Eidgenössische Steuerverwaltung leitet diese Datensätze den kantonalen Steuerbehörden weiter. Stellen diese verdächtige Veränderungen bei einem ausländischen Konto fest, muss sich der Kontoinhaber erklären. Laut dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen könnte eine starke Zunahme des Saldos beispielsweise auf den Verkauf einer Liegenschaft im Ausland hinweisen, die nicht deklariert worden ist. Oder auf unversteuerte Mieteinnahmen. Suspekt sind auch massive Abnahmen, die etwa auf eine grosse Renovation oder einen Kauf hindeuten könnten.

Das Problem kann existenzielle Dimensionen annehmen

Eigentümer unversteuerter Finanzvermögen im Ausland können vor Beginn des Automatischen Informationsausstausches ihren Schaden begrenzen, indem sie sich zu einer straflosen Selbstanzeige aufraffen. Dabei müssen Nachsteuern und Zinsen bezahlt werden. Einer Busse oder gar Strafe entgeht man aber. Weil die Amnestie nur einmal im Leben in Anspruch genommen werden kann, ist dringend empfohlen, auch den ausländischen Immobilienbesitz offenzulegen, obwohl dieser nicht in den von den Banken ausgestellten Vermögensausweisen aufgeführt ist. Sonst gerät man in die Bredouille. «Das Problem wird akut, wenn das nicht deklarierte Haus verkauft und das Geld in die Schweiz transferiert beziehungsweise auf ein ausländisches Konto geparkt werden soll», sagt Markus Stoll vom VZ Vermögenszentrum. Grenzüberschreitender Steuerschwindel lohnt sich kaum: Die Vermögen und Einkommen erhöhen zwar den Steuersatz, doch dieser wird nur beim inländischen Vermögen und Einkommen angewandt.

Das Problem hat aber grössere Dimensionen. Stellt sich heraus, dass Bezüger von Sozialleistungen ausländische Vermögen oder Einkommensquellen haben, werden sie neu eingestuft – «selbst wenn es nur ein Häuschen von lächerlichem Wert ist», sagt Gewerkschaftsmann Francesco Miceli. Das könne dazu führen, dass Ergänzungsleistungen zur AHV und andere Sozialleistungen gekürzt oder Prämienverbilligungen zurückgenommen werden. «So wird aus einem Steuerproblem ein existenzielles.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.08.2016, 08:03 Uhr

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