Finma warnt: Banken lassen Hypothekarnehmer im Ungewissen

Spätestens Ende 2021 gibt es keine Libor-Hypotheken mehr. Die Banken sind darauf wenig vorbereitet, wie die Finanzmarktaufsicht feststellt.

Zahllose Haushalte sehen sich als Hypothekarnehmer durch die Schaffung des Saron als Zinssatz betroffen: Eine Überbauung bei Dübendorf. Foto: Keystone/Steffen Schmidt

Zahllose Haushalte sehen sich als Hypothekarnehmer durch die Schaffung des Saron als Zinssatz betroffen: Eine Überbauung bei Dübendorf. Foto: Keystone/Steffen Schmidt

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Mitte Oktober erhielt Irène Wegmann*, eine Hausbesitzerin aus dem Kanton Solothurn, einen Anruf von der Kundenberaterin ihrer Bank. Diese machte die Kundin darauf aufmerksam, dass ihre einjährige Libor-Hypothek Ende Oktober auslaufe. Die Kundenberaterin wollte wissen, ob Wegmann eine feste oder erneut eine Libor-Hypothek abschliessen wolle. Und sie erwähnte, dass die Erneuerung der Libor-Hypothek in einem Jahr wohl nicht mehr möglich sein werde, weil der Libor als Referenzzinssatz zum Jahresende 2021 von einem neuen Referenzzinssatz, dem Saron, abgelöst wird.

Doch bei Wegmanns Bank scheint man darauf nicht vorbereitet. «Auf die Frage, was das heisse, was sich dadurch ändere und wie teuer das werde, sagte die Kundenberaterin, sie habe keine Ahnung», schildert Wegmann. «Sie sagte, dies stehe noch in den Sternen.» Wegmann wollte wissen, ob sie im Oktober 2020 darauf bauen könne, wieder so ein gutes Angebot zu erhalten, aber auch darauf wusste die auf Hypotheken spezialisierte Kundenberaterin keine Antwort. «Das fand ich sehr befremdlich», sagt Wegmann. «Je nach Antwort hätte ich mich vielleicht schon jetzt für eine dreijährige Hypothek mit einem günstigen Zinssatz entschieden.»

Finma sieht «deutlichen Nachholbedarf»

Das Beispiel von Irène Wegmann ist bezeichnend. Viele Banken sind nicht vorbereitet auf das Ende des Referenzzinssatzes Libor zum Jahresende 2021, obwohl es weithin spürbare Auswirkungen haben wird. Rund 150 Milliarden Franken sind in der Schweiz an Libor-Hypotheken ausstehend. Zahllose Haushalte sehen sich als Hypothekarnehmer unmittelbar betroffen, wenn mit dem Saron, dem Zinssatz für Franken-Tagesgeld, eine neue Referenzgrösse auf dem Schweizer Kreditmarkt geschaffen wird.

Die Banken gingen ein erhebliches Risiko von Rechtsstreitigkeiten mit Kunden ein.

Die Finanzmarktaufsicht Finma ist alarmiert. Diese Woche schrieb sie in ihrem neusten Risikobericht, sie sehe «einen ungeordneten Wegfall der Libor-Referenzzinssätze» als eines der sechs Hauptrisiken für den Finanzplatz Schweiz und für die Banken. Die meisten Banken hätten bezüglich der Libor-Ablösung «noch deutlichen Nachholbedarf». Die Folgen einer unvorbereiteten Ablösung des Libor könnten jedoch hoch sein. Die Banken gingen ein erhebliches Risiko von Rechtsstreitigkeiten mit Kunden ein.

Noch gibt es kein einziges Saron-Produkt

Was die Umstellung für heutige Schuldner von Libor-Hypotheken konkret bedeuten wird, lässt sich noch kaum abschätzen. Es gibt schlicht keine Saron-Produkte auf dem Markt. Eine Vorhersage darf man aber wagen: Künftige Saron-Hypotheken werden sich preislich kaum von Libor-Hypotheken unterscheiden. «Die zwei Zinssätze bewegen sich aktuell sehr nahe beieinander», sagt Alfred Ledermann, Leiter Produktmanagement Kreditprodukte bei UBS Schweiz. In den vergangenen fünf Jahren habe der Unterschied zwischen Libor und Saron, hochgerechnet auf gleiche Laufzeiten, lediglich 0,01 Prozentpunkte betragen.

«Alles in allem ist der Saron robuster.»Alfred Ledermann, Leiter Produktmanagement Kreditprodukte bei UBS Schweiz

Was aber, wenn die Finanzmärkte wieder mal in Turbulenzen geraten? «Der Libor ist sicher krisenanfälliger und könnte in einem solchen Fall stärker steigen als der Saron», sagt Ledermann. Der Grund: Beim Libor handelt es sich um einen Zinssatz für unbesicherte Ausleihungen, wogegen der Saron für Kredite mit unterlegten Sicherheiten gilt. «Alles in allem ist der Saron robuster», so Ledermann, «was für die Kunden von Vorteil sein wird.»

Verbreitete Passivität bei Firmen

Auch die Finanzchefs von Schweizer Grossunternehmen haben die Umstellung noch nicht weit oben auf ihrer Prioritätenliste. Dies, obwohl sie auf weitere Aspekte achten müssen: Ihre auf dem Libor beruhenden Kredite erstrecken sich über längere Laufzeiten. Gleiches gilt für Libor-basierte Derivate wie Swaps, mit denen sich Firmen gegen Zins- und Währungsrisiken absichern.

Abgesehen davon, verlangt der Übergang vom Libor zum Saron in vielen Unternehmen konzernweite Anpassungen verschiedenster technischer Applikationen. Auch müssen zum Beispiel Libor-basierte Verträge neu ausgestellt werden; je nachdem sind davon Tausende oder Zehntausende Kontrakte betroffen. «Allein schon in einem weitverzweigten, global tätigen Konzern herauszufinden, welche Stellen von der Libor-Ablösung tangiert sein werden, ist mit beträchtlichem Aufwand verbunden», warnt Ledermann.

«Wir haben uns vorgenommen, die Libor-Ablösung intensiv mit unseren Kunden zu diskutieren.»Roger Bieri, Leiter Multinationale Unternehmen & Strategische Transaktionen bei der UBS

Angesichts dessen erstaunt eine Umfrage, welche die UBS kürzlich an dem jährlich von ihr organisierten Treffen der Finanzchefs der grössten heimischen Firmen durchgeführt hat. Von den rund drei Dutzend Antwortenden gab jeder Zweite an, das absehbare Ende des Libor sei für ihn noch kein Thema. Nur in zwei Fällen hiess es, vorbereitende Massnahmen seien getroffen worden. Laut den übrigen Finanzchefs haben gerade mal erste Diskussionen stattgefunden.

«Dieses Ergebnis hat uns überrascht», sagt Roger Bieri, Leiter Multinationale Unternehmen & Strategische Transaktionen bei der UBS. «Wir haben uns vorgenommen, die Libor-Ablösung intensiv mit unseren Kunden zu diskutieren.» Als möglichen Grund für das geringe Interesse der Finanzchefs nennt Bieri den Umstand, dass es noch keine Saron-basierten Kreditprodukte gibt.

Darauf deutet jedenfalls die besagte Umfrage hin: Gefragt nach den Herausforderungen beim Übergang vom Libor zum Saron, nannten die meisten Finanzchefs, nämlich jeder zweite, «fehlende Marktstandards». Bieri zieht daraus den Schluss, dass «Saron-Produkte erst mal erhältlich sein müssen, um die Unternehmen in grösserer Zahl für das Thema der Libor-Abschaffung zu sensibilisieren».

Nationalbank mahnt Banken, sich vorzubereiten

Diesen Aspekt hat am Donnerstag auch Andréa Maechler, Direktoriumsmitglied der Schweizerischen Nationalbank, herausgestrichen: Für eine erfolgreiche Ablösung des Libor sei die Entwicklung Saron-basierter Kreditprodukte zentral. «Ich möchte betonen», so Maechler vor den Medien, «dass das Ende des Franken-Libor klar absehbar ist.» Nun sei es an den Marktteilnehmern, die Zeit bis Ende 2021 für die verbleibenden Umstellungsarbeiten zu nutzen.

Bezüglich neuer Saron-Produkte übernimmt nun die UBS eine Vorreiterrolle. Sie konnte zwei ihrer Kunden für ein Pilotprojekt gewinnen: Mit der Bau- und Immobiliengruppe Halter und der Immobiliengesellschaft Senioresidenz hat die Grossbank zum ersten Mal Saron-basierte Immobilienfinanzierungen im Wert von über 25 Millionen Franken vereinbart. Ausserdem plant sie im Laufe des nächsten Jahres, erste Saron-Hypotheken anzubieten.

* Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 14.12.2019, 12:49 Uhr

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Saron, das neue Zinsmass

Der Saron (Swiss Average Rate Overnight) ist der Franken-Zinssatz für besicherte eintägige oder «Über Nacht»-Geldausleihungen zwischen Banken. Er wird täglich auf Basis abgeschlossener Transaktionen im Schweizer Geldmarkt berechnet. Ab 2022 soll der Saron den Franken-Libor als neuer Referenzzinssatz in der Schweiz ablösen. Er wird damit zum Richtmass für variable Hypotheken und eine Vielzahl anderer Kredite für Haushalte und Unternehmen.

Beim Übergang vom Libor zum Saron ist indes ein «Problem» zu überwinden: Während der Saron für Tagesgelder gilt, sind es beim Libor Laufzeiten von drei bis zwölf Monaten. Zur Überbrückung dieser Fristendifferenz dient der Saron Compound. Berechnet wird dieser aus dem Durchschnitt der aufgezinsten Tagessätze über die entsprechende Frist von zum Beispiel drei Monaten hinweg. Für Schuldner heisst das, dass sie erst am Schluss der Dreimonatsfrist wissen, welchen Zins sie für eine dreimonatige Saron-Hypothek bezahlen müssen. Die Schweizerische Nationalbank ist aber bestrebt, den Saron möglichst nahe beim geltenden Negativzins von –0,75 Prozent zu halten. (rm.)

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