«Weibliche Ökonomen sind lauter geworden»

Sie besetzen Top-Posten in der Wirtschaft und heimsen Preise ein – diese Frauen widerlegen ein tiefsitzendes Vorurteil.

Die amerikanisch-indische Doppelbürgerin Gita Gopinath ist seit Jahresbeginn Chefökonomin beim IWF. Foto: Shawn Thew (EPA)

Die amerikanisch-indische Doppelbürgerin Gita Gopinath ist seit Jahresbeginn Chefökonomin beim IWF. Foto: Shawn Thew (EPA)

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«Haben Sie alle etwas bemerkt?», fragte jüngst an einer Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) dessen Chefin Christine Lagarde in die Runde. Ohne dass sie es sagen musste, wussten alle, auf welche Besonderheit sie anspielte. Auf einem Podium der Tagung sassen die drei «Chefökonomen» der internationalen Wirtschaftsorganisationen IWF, Weltbank und OECD.

Aber zum ersten Mal in der Geschichte sind alle drei Posten von Frauen besetzt. Seit Jahresbeginn ist die amerikanisch-indische Doppelbürgerin Gita Gopinath Chefökonomin beim IWF, seit letztem Herbst hat die Griechin Pinelopi Goldberg diesen Posten bei der Weltbank inne und seit dem vergangenen Sommer die Französin Laurence ­Boone jenen bei der OECD. Und erst vor wenigen Wochen war es mit der 38-jährigen Kanadierin Emi Nakamura wiederum eine Frau, die die wichtigste Auszeichnung der Ökonomen nach dem Nobelpreis gewann: die John Bates Clark Medal der US-Ökonomenvereinigung American Economic Association.

Laurence Boone, Chefökonomin bei der OECD. Foto: Imago

Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Geld und Wirtschaft galten lange als Männersache. Es könne an den Genen und daher an der Begabung liegen, dass es Frauen in einigen Wissenschaften schwerer haben, meinte noch im Januar 2005 der renommierte Ökonom Larry Summers, damals Präsident der Eliteuniversität Harvard und Ex-US-Finanzminister.

Die missachtete Professorin

Wie sich solche Vorurteile in der Schweiz auswirkten, davon berichtete einst die jüngst verstorbene Heidi Schelbert. Als die ­erste Wirtschaftsprofessorin der Universität Zürich gemeinsam mit ihrem Mann eine Hypothek aufnehmen wollte, verweigerte ihnen das die Bank, weil ihr Mann sie übervorteilen könnte. Denn er als Mann müsse grundsätzlich mehr von Wirtschaft verstehen. In Tat und Wahrheit hatte ihr Mann im Gegensatz zu ihr mit Ökonomie nichts am Hut.

Die jüngsten Erfolge der Frauen stehen bestenfalls für das Frühstadium eines Wandels. Unter den bisherigen 41 Gewinnern der erwähnten John Bates Clark Medal befinden sich erst vier Frauen. Sie alle haben den Preis in den vergangenen zwölf Jahren erhalten. Schon eine ganze Reihe Gewinner der Medaille haben später auch den Nobelpreis erhalten beziehungsweise den von der Schwedischen Reichsbank gestifteten Alfred-Nobel-Gedächtnispreis, wie er richtig heisst.

Weil der Nobelpreis für lange zurückliegende Forschungen verliehen wird, sind die Frauen unter den Preisträgern fast gar nicht vertreten. Von den 81 seit 1969 jährlich vergebenen Auszeichnungen an Wirtschaftswissenschafter ging bisher nur eine an eine Frau. Im Jahr 2009 hat die drei Jahre später verstorbene Amerikanerin Elinor Ostrom den Nobelpreis für ihre Erforschung des kollektiven Handelns bei knappen Ressourcen zusammen mit Oliver Williamson erhalten.

Emi Nakamura gewann wichtigste Auszeichnung. Foto: PD

Noch immer haben es Frauen in der Ökonomie schwerer als Männer: «Die Frauen haben leider gar nicht zulegen können, dies ganz im Gegensatz zu den Naturwissenschaften», sagt zum Beispiel Monika Bütler, Wirtschaftsprofessorin an der Universität St. Gallen. «Was sich geändert hat, ist, dass weibliche Ökonomen in den letzten fünf Jahren lauter geworden sind und sich für ihre Anliegen einsetzen.» Bütler gehört zusammen mit Iris Bohnet und Beatrice Weder Di Mauro zu jenen Ökonominnen, die schon seit einigen Jahren zu den international bekanntesten aus der Schweiz zählen.

Die USA sind weiter

Das Lauterwerden der Ökonominnen trägt vor allem in den USA Früchte: «Das Selbst­bewusstsein der Wissenschafterinnen ist in den USA stärker ausgeprägt», sagt Monika Bütler. «Das ist aber auch das Ergebnis einer längeren Entwicklung dort. In der Schweiz kommt zudem ein selbstbewusstes Auftreten von Frauen auch weniger gut an.» Am jüngsten Jahrestreffen der US-Ökonomen im Januar in Atlanta waren die Schwierigkeiten, die Ökonominnen haben, auch Thema einer eigenen Veranstaltung.

Renommierte Ökonominnen kamen auf einem Podium zum Schluss, dass das Klima in wissenschaftlichen Diskursen Frauen oft abschreckt und sie nicht selten deshalb auch das Studium abbrechen. Kritik werde meist nicht konstruktiv, sondern oft vernichtend geäussert. Wie die einstige Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, anmerkte, ­seien gemeinsame Arbeiten im Fach entscheidend. Und weil Frauen in den Netzwerken der Männer weniger vertreten sind, hätten sie es zuweilen auch schwererer, davon zu profitieren.

Hindernis Nomadentum

Erschwerend kommt das Nomadentum hinzu: Aufenthalte in anderen Ländern sind für die Karriere heute unabdingbar. «Ich habe mir lange nicht zugetraut, neben der akademischen Karriere noch eine Familie zu gründen. Wie viele Kolleginnen meiner Generation hatte ich meine Kinder erst spät», sagt dazu Monika ­Bütler. Immerhin scheint hier ein Wandel eingesetzt zu haben: «Heute haben Forscherinnen wieder früher Kinder als früher. Noch immer ist das aber schwierig mit der Laufbahn in der Wirtschaftswissenschaft zu vereinbaren», so Bütler.

Pinelopi Goldberg, Chefökonomin bei der Weltbank. Foto: Keystone

Das Vorpreschen der Frauen liegt auch an der Entwicklung des Fachs: «Im Vergleich zu früher spielen theoretische Modelle und Ideologien eine viel geringere Rolle», sagt Bütler. «Wer sich nicht auf empirische Analysen abstützt, kann heute nicht mehr in renommierten Fachzeitschriften publizieren.» Sie selber hätten ideologische Debatten schon immer angeödet, sagt die Ökonomin. Auch die Bewegung der Ökonomie hin zu mehr politischen und gesellschaftlichen Fragen ziehe mehr Frauen an, ist Bütler überzeugt.

Es ist kaum Zufall, dass auch die Arbeiten der eingangs genannten Ökonominnen sich um hoch relevante aktuelle Themen drehen. Die neue IWF-Chef­ökonomin Gita Gopinath hat sich einen Namen gemacht mit ihren Arbeiten zur Bedeutung des ­Dollars in den Handelsströmen von Schwellenländern. Pinelopi Goldberg ist Expertin für den Welthandel und hat eine viel zitierte Arbeit zu den Folgen von Trumps Handelskrieg mitverfasst. Und Emi Nakamura hat ­anhand von detaillierten Daten­analysen fehlende Grundlagen für die moderne Konjunkturpolitik geliefert, vor allem für jene der Notenbanken.

Erstellt: 15.05.2019, 14:05 Uhr

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