«Die Schweiz tut nicht genug für die Umwelt»

Die Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan fordert am WEF, Klimawandel zum zentralen Thema zu machen – und dabei auf Schüler zu hören.

«Die Schweiz ist in Sachen Klimaschutz kein Vorreiter, obwohl sie die Mittel dazu hätte», sagt Jennifer Morgan. Foto: Marcel Giger (Snow-world.ch)

«Die Schweiz ist in Sachen Klimaschutz kein Vorreiter, obwohl sie die Mittel dazu hätte», sagt Jennifer Morgan. Foto: Marcel Giger (Snow-world.ch)

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Davos ist der Ort der ­Mächtigen. Was tun Sie hier? Fühlen Sie sich nicht als das Feigenblatt der Organisatoren?
Doch. Aber hier sind alle die versammelt, die die grossen Probleme geschaffen haben – vom Klimawandel bis zur Ungerechtigkeit bei der Verteilung des Reichtums. Darum sind wir hier. Wir brauchen jeden CEO und jeden Staatschef, um den Klimaschutz voranzubringen. Wenn Greenpeace in Davos die Chance hat, Massnahmen gegen den Klimawandel zu beschleunigen, dann muss ich sie wahrnehmen.

Erhalten Sie denn Termine? Etwa mit dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, den Umweltschützer als Totengräber des Klimaschutzes brandmarken?
Mit Bolsonaro habe ich bisher keinen Termin. Ich werde versuchen, ihn irgendwo unterwegs zu schnappen oder mit ihm über das Kommunikationssystem des WEF in Kontakt zu kommen.

Video: Bolsonaro besucht das WEF

«Bolsonaro wollte in erster Linie Investoren für Brasilien finden»: Markus Diem Meier, Chefökonom Tamedia, berichtet direkt vom WEF in Davos und fasst die Geschehnisse des ersten Tages zusammen.

Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, Sie hätten in Davos etwas bewirken können?
Ich habe zweimal ein Erfolgserlebnis gehabt. Das war in Kombination mit einer Greenpeace-Kampagne. An einem persönlichen Treffen habe ich dem CEO gesagt, was er ändern muss, und das hat etwas bewirkt. Aber Davos ist nur ein Zwischenhalt, nicht das Ziel. Hier treffen sich die Mächtigen, und ich will, dass das WEF den Klimawandel ins Zentrum stellt.

Wie meinen Sie das?
Es gibt jedes Jahr ein Motto.

Dieses Jahr «Globalisierung 4.0». Was immer das heisst ...
Genau. Nächstes Mal muss das Motto die Bekämpfung des Klimawandels sein. Die Welt muss rasch handeln, und ich finde, dass Klaus Schwab in der Verantwortung steht. Er muss folgende Fragen thematisieren: Wie kommen wir weg von den fossilen Energieträgern? Wie schaffen wir, zusammen mit den Gewerkschaften, den Kohleausstieg? Stattdessen wird zwar viel geredet, aber am Rand des WEF.

Haben Sie das Schwab schon vorgeschlagen?
Ja.

Wie lautete seine Antwort?
Dass er viele Gespräche organisiert.

Sehen Sie keine Fortschritte?
Nein. Davos, das sich eine «better world» auf die Fahnen geschrieben hat, hat bisher keine bessere Welt geschaffen. Erst wenn Davos die grösste Krise unserer Welt, die Klimakrise, ins Zentrum stellt, dann sind sie für eine bessere Welt. Bis dahin hat diese Familie hier im Gegenteil die Probleme geschaffen, die uns bedrohen.

Bilder: Die Besucher des WEF 2019

Sowohl in den USA wie auch in Brasilien haben wir Präsidenten an der Macht, die für Klimafragen kein Verständnis haben.
Im Fall der USA ist es schlimm. Trump geht offensiv gegen den Klimaschutz vor. Aber es gibt auch grosse Unterstützung. Kalifornien will klimaneutral werden, es gibt Abgeordnete, die einen «Green New Deal» wollen, und in zwei Jahren ist Trump hoffentlich weg.

Zurück zu Brasilien.
Dort sind wir sehr besorgt wegen des Amazonas-Regenwalds. Schon die ersten Signale Bolsonaros sind schlecht. Aber wenn einige beim Klimaschutz nicht mitmachen wollen, dann müssten andere umso mehr tun. Etwa Frau Merkel.

«Leider ist die Schweiz kein Vorreiterland, obwohl sie die Mittel dazu hätte.»Jennifer Morgan, Chefin Greenpeace

Deutschland versteht sich als Vorbild, aber es stellt Strom mit Kohle her. Ist das deutsche Umweltbewusstsein eine Lebenslüge?
Ich glaube, Deutschland ist in den nächsten vier Wochen das wichtigste Klima-Land weltweit. Es verhandelt über den Kohleausstieg. Wir denken, das muss bis 2030 geschehen. Wenn Merkel wirklich etwas tun will, dann muss es jetzt sein, sonst verpasst Deutschland seine Klimaziele.

Und die Schweiz?
Leider ist die Schweiz kein Vorreiterland, obwohl sie die Mittel dazu hätte. Die Banken könnten vorangehen und keine Ölförderung mehr finanzieren, und die Politik ist viel zu passiv.

Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigste Massnahmen, die beschlossen werden müssen?
Nummer eins: kein Verbrennungsmotor mehr. Nummer zwei: erneuerbarer Strom für jene, die doch noch Auto fahren wollen. Nummer drei: ein Mobilitätskonzept mit öffentlichem Verkehr. Vor allem in der Dritten Welt. Dort steht der Verkehr still. Es muss mehr Geld in öffentlichen Verkehr statt in Strassen gesteckt werden. Es gibt die Technologien, es gibt die Konzepte, aber keine Politiker und Unternehmer, die sie umsetzten. Die Politik muss anfangen, den Menschen und den Schülern zuzuhören, nicht nur der Grossindustrie.

Glauben Sie, dass die Schülerbewegung gegen den Klimawandel etwas bewirken wird?
Ja, denn wenn nichts passiert, dann werden die heutigen Schüler mit Mitte 20 mit einer Klimaerwärmung von 1,5 Grad leben müssen. Es geht nicht mehr um Fakten, es geht um Werte. Um die Frage, führt das Herz oder der Geldbeutel? Dafür sind die Jungen unglaublich wichtig.

Erstellt: 23.01.2019, 08:49 Uhr

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