«Es werden so viele Häuser gebaut, dass eine Immoblase droht»

Marianne Wildi ist eine der wenigen Bankchefinnen der Schweiz. Im Interview spricht sie über Negativzinsen, Technologie und Frauen in der Branche.

«Ich habe in letzter Zeit einige Headhunter kennen gelernt»: Marianne Wildi. Foto: Samuel Schalch

«Ich habe in letzter Zeit einige Headhunter kennen gelernt»: Marianne Wildi. Foto: Samuel Schalch

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Frau Wildi, Sie sagen von sich, Sie seien eine Sparerin. Lohnt sich sparen heute noch?
Ich weiss es nicht. Ich bin so aufgewachsen, dass man sparen soll. Ich habe nur einige ausgewählte Aktien. Im Geschäftsbericht der Hypi kann man nachlesen, dass ich über Wertschriften der eigenen Bank verfüge.

Weshalb halten Sie nicht mehr Wertpapiere?
Bargeld und Kontoguthaben passen für mich. Ich verfolge die Börse nicht aktiv und will daher kein zusätzliches Risiko eingehen. Auch will ich keine Immobilien kaufen, nur mit dem Zweck, sie zu besitzen.

Bei Ihnen kann ein Kunde Bargeld horten.
Ja, das kann er. Ich finde, für das Sparen sollte man nicht bestraft werden. Eine Ausnahme gibt es aber, wenn es in die Millionen geht und wir Negativzinsen bezahlen müssten oder wenn es Kunden gäbe, die uns wirklich nur wählen, weil sie bei ihren eigenen Banken Negativzinsen zahlen. Die Chance, dass wir Negativzinsen generell weiterbelasten, ist aktuell relativ klein. Wir haben nur wenige Kunden, bei denen das der Fall sein könnte. Für mich wäre es schlimm, wenn der Kleinsparer Negativzinsen bezahlen müsste.

Wieso?
Das hat vielleicht mit meiner Erziehung zu tun. Mein Vater hatte eine Schreinerei, ich bin in einem gewerblichen Umfeld aufgewachsen.

«Für mich wäre es schlimm, wenn der Kleinsparer Negativzinsen bezahlen müsste.»

Die Kritik der Banken an den Negativzinsen wird grösser. Wie sehen Sie das?
Die Negativzinsen und ihre Auswirkungen sind gefährlich, daher lohnt sich die Auseinandersetzung mit dem Thema. Jetzt spüren wir den Anlagenotstand. Investoren gehen Risiken ein, die sie nicht schultern sollten. Es werden so viele Häuser gebaut, dass eine Immobilienblase droht. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass unsere Vorsorgewerke nicht mehr funktionieren. Die Unabhängigkeit der SNB stelle ich aber nicht infrage. Die unterschiedlichen Interessen gilt es gut abzuwägen.

Die Hypi Lenzburg geht Kooperationen mit Jungfirmen aus der Finanzbranche ein und ist mutiger als andere. Wieso?
Weil das das ureigenste Geschäft einer Regionalbank ist. Wir leben von der Zusammenarbeit mit KMU. Wir werden irgendwann nicht mehr von den Bankgebühren leben können, wenn alle mit der Bezahl-App Revolut bezahlen. Also brauchen wir Kunden, die an einer langfristigen Beziehung zur Bank interessiert sind.

Und wo liegt das Risiko?
Jede Firma bringt ein gewisses Risiko mit sich. Viele glauben einfach, dass sich das Risiko einer Schreinerei besser einschätzen lässt als dasjenige einer Kryptofirma. Das ist nicht per Definition so. Wichtig ist, dass man seine Kunden kennt und versteht, dass man nahe bei ihnen ist. Es ist somit eigentlich keine grosse Sache und ein ganz normales Bankgeschäft.

Wieso arbeitet Ihre Bank mit Jungfirmen wie Sonect, Neon (an der Tamedia beteiligt ist) oder Savedo zusammen und nicht die UBS oder die CS?
Weil wir die einzige Schweizer Bank sind, deren Informatiksystem offene Schnittstellen hat, und wir agil in der Umsetzung sind.

Ziehen andere Banken nach?
Wir sind in einer Gruppe mit dem Namen OpenBankingProjekt.ch. Mit dabei sind auch die grossen Bankensoftwareanbieter Avaloq und Finnova. Ihre Teilnahme zeigt, dass die Banken ein Interesse an dem Thema haben.

Was bringt der Hypi die Zusammenarbeit mit den Jungfirmen?
Durch die Partnerschaft mit Neon haben wir so viele Kunden gewonnen wie in den letzten Jahren nicht. Wir hätten das selber nicht gekonnt – und hätten nur schon nicht eine so coole neonfarbige Bankkarte herausgebracht.

Sind andere Banken neidisch?
Die anderen Banken anerkennen, dass wir einzigartige Voraussetzungen haben. Wir tauschen uns stark mit anderen Instituten aus. Offenheit ist wichtig. Im Bankensektor werden die meisten Angebote schnell kopiert, die Banken können sich dann nur noch über den Preis und natürlich über die Kundenberatung unterscheiden.

Wie wichtig ist es, dass die Schweizer Banken bei Revolut et cetera mitziehen?
Der Kunde findet den Weg zu den neuen Anbietern problemlos. Es kann sein, dass ein Kunde deswegen künftig ein einfaches Produkt nicht mehr von uns will. Wir sollten ihm aber trotzdem zu den neuen Anbietern Auskunft geben können. Wir müssen ihm sagen können, wann sich Revolut lohnt oder nicht, wo allenfalls die Gefahren sind. Denn sobald er wieder ein komplexeres Produkt braucht, sind wir interessant für ihn – und ich will, dass der Kunde bei uns bleibt.

Können die neuen Anbieter zulegen, weil viele Banken ein Vertrauensproblem haben?
Nein, es geht um die Bequemlichkeit und den Preis. Revolut und Co. sind aktuell noch schneller und günstiger.

Viele Banken wollen eigene Ökosysteme entwickeln. Also nicht nur Hypotheken vergeben, sondern auch bei der Haussuche helfen und die Liegenschaft auch versichern.
Ich will, dass es noch weiter geht. Es braucht ergänzende Dienstleistungen, nur so wird ein Kunde zum Fan. Wenn der Gärtner auch im Ökosystem ist, erhält ergleich nach getaner Arbeit die Gutschrift. Das kann nur eine ökosystemfähige Regionalbank. Deshalb haben wir nun mit der Avobis Group und der Gebäudeversicherung Bern die Investmentgesellschaft Swiss Immo Lab gegründet, die in digitale Start-up-Projekte im Immobilienbereich investiert.

«Der Job braucht künftig mehr Kreativität und wird so vielleicht spannender für Frauen.»

Warum ist die Hypi so offen für neue Technologien?
Das liegt in der Geschichte der Bank. Sie hatte schon lange keinen typischen Banker mehr als Chef. Als ich ausgesucht wurde, war wohl schon klar, dass man keinen reinen Bankenfokus haben kann.

Sie kommen aus der Informatik. Andere Banken suchen händeringend nach IT-Experten für die Geschäftsleitung.
Sie müssen dann zuerst ein Umfeld schaffen, in dem diese wirken können. Wenn eine veraltete Software die eigenen Ideen verhindert, bringt es auch nichts. Manche glauben noch immer, sie würden das Geschäft digitalisieren, indem sie neue Tablets verteilen.

Kommen andere Banken auf Sie zu?
Immer öfter, wir machen gerne Werbung für unsere Kernbankenlösung Finstar und verkaufen sie auch an andere Banken.

Ich meine auf Sie persönlich.
Ja, ich habe in letzter Zeit einige Headhunter kennen gelernt. Das war noch interessant. Aber grundsätzlich mache ich das, was ich zurzeit mache, wirklich gerne.

Was war das spannendste Angebot?
Das darf ich nicht sagen. Sicher gibt es anderswo mehr zu verdienen, aber interessanter ist es dort nicht. Meinen jetzigen Job finde ich spannend, und der Lohn ist gut. Unsere Bank hat eine gute Grösse, hier kann ich viel bewegen. Ich fühle mich in meinem Team gut aufgehoben.

Sie wollen nicht zu einem Konkurrenten wechseln, bei dem Sie mehr verdienen?
Nein, das macht mich ja nicht glücklicher. Vor allem wenn ich nur spare. (lacht) Sonst muss ich ja befürchten, bald noch Negativzinsen zahlen zu müssen.

Laut einer Studie sind nur 7 Prozent im Führungsgremium von Retailbanken Frauen. Nur zwei haben eine Chefin.
Gegenfrage: Wie hoch ist das Durchschnittsalter der Geschäftsleitungsmitglieder?

Deutlich über 50.
Das habe ich erwartet. Ich glaube, das hat mit der Generation zu tun. Früher waren die Banken sehr hierarchisch. Vielleicht war es bislang nicht attraktiv für Frauen, in die Geschäftsleitung einer Bank zu kommen. Die nächste Generation der Führungskräfte wird mehr Frauen haben. Die Herausforderungen werden sich ändern. Der Job wird künftig mehr Kreativität brauchen, und dann wird er spannender für Frauen.

Erstellt: 23.12.2019, 15:05 Uhr

Informatikerin und Bankchefin

Marianne Wildi ist seit 2010 Chefin der Hypothekarbank Lenzburg. Die Bank ist mit einer Bilanzsumme von über 5 Milliarden Franken und rund 270 Beschäftigten eher klein, fällt aber mit einer Offenheit für Innovationen auf. Die 54-Jährige startete ihre Karriere bei der Bank als Programmiererin. (jb)

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