Gebt uns unsere Daten

Die Krise nach dem Fall Cambridge Analytica könnte die Chance für einen echten Neubeginn der digitalen Welt werden.

Steckt in der Krise: Das Profil von Facebook-Chef Mark Zuckerberg.

Steckt in der Krise: Das Profil von Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Bild: Mladen Antonov/AFP

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Die Wut über Facebook und den Fall Cambridge Analytica war so gross, dass sie sogar Donald Trump aus den Schlagzeilen pustete. Die Enthüllungen waren packender als Netflix. Eine Realityshow über Daten, Manipulation, Macht und Fahrlässigkeit. Das Problem: Wir sind die Opfer. Noch vor kurzem fürchtete man die Allmacht digitaler staatlicher Überwachung. Nun kennen wir die realeren Gefahren der kommerziellen Überwachung.

Eine Serie von Enthüllungen des «Guardian», der «New York Times» und des britischen Nachrichtensenders Channel 4 News hat aufgedeckt, wie ein junger Forscher namens Aleksandr Kogan – der sich kurzzeitig Dr. Spectre nannte – im Auftrag der britischen Politmarketingfirma Cambridge Analytica die Daten von rund 50 Millionen nichts ahnenden US-Facebook-Nutzern sammelte; wie die Firma daraus Psychoprofile jedes US-Wählers erstellte und dieses Wissen dann für Donald Trumps Wahlkampf einsetzte. Wer sich in der Hoffnung wog, Cambridge Analytica sei eine normale Digitalmarketingbude, musste verfolgen, wie Alexander Nix, der damalige CEO, vor versteckter Kamera anbot, mithilfe von Prostituierten, Spionen, Bestechung und gefälschten Enthüllungsvideos zu arbeiten. Aus dem Schatten anonymer Schachtelfirmen heraus und unter falscher Identität.

Dass die Firma an Facebook-Daten kam, ist gegen Facebooks Regeln, doch Facebook kümmerte sich nie wirklich darum, das Problem zu beheben. Im Gegenteil, Facebook drohte noch vor der Veröffentlichung, mit Klagedrohungen und Vorabmeldungen die Neuigkeiten zu sabotieren. Als sie trotzdem erschienen, tauchte Facebook-Chef Mark Zuckerberg tagelang ab. Die Enthüllungen machten sichtbar, wie die Techgiganten uns, ihre Nutzer, ans Messer skrupelloser Akteure liefern.

Dass so etwas laufend passiert in unserer digitalen Gratisrealität hatte den jungen Mathematikprofessor Paul-Olivier Dehaye schon 2015 bewogen, auf das Team des «Tages-Anzeiger-Magazins» zuzugehen. Sein Ausgangspunkt war die Sorge, dass sein Arbeitgeber, die Uni Zürich, private Daten ihrer Studenten preisgab, indem sie mit Plattformen für Onlinekurse kooperierte. So stiess er auf einen im «Guardian» publizierten Vorfall, dass an der Universität Cambridge ein gewisser Aleksandr Kogan Forschungserkenntnisse und Daten an eine Digitalfirma namens Cambridge Analytica weitergegeben hatte. Diese arbeitete damals für den Präsidentschaftskandidaten Ted Cruz. Was zu Beginn der «Magazin»-Recherchen wie ein Uniskandal aussah, entpuppte sich als jener digitale Thriller, der nun diskutiert wird. Am 4. Dezember 2016 veröffentlichte das «Magazin» den Fall – mit weltweitem Feedback.

Es wirkt befreiend: Facebook ist doch nicht allmächtig.

Jetzt, nach dem zweiten Knall, knicken die Player ein. Facebook steckt in der schwersten Krise jemals. Cambridge Analytica hat CEO Alexander Nix suspendiert, und Mark Zuckerberg, der schon als möglicher Präsidentschaftskandidat galt, gelobte am Mittwoch bei CNN mit feuchten Augen Besserung. Die Situation hat etwas Befreiendes. Facebook ist nicht allmächtig. Und Dehaye wird kommende Woche vor dem englischen House of Commons aussagen.

Alles okay? Können wir wieder beruhigt liken? Nein. Denn das Problem ist noch grösser als Facebook und Cambridge Analytica. Beide sind nur Teil eines gigantischen Systems.

Zuckerberg selber verkündete, Facebook müsse jetzt Zehntausende Geschäftskunden überprüfen, ob sie «weitere Cambridge Analyticas» seien. Das heisst: Es gibt wohl noch weitere Fälle. Genauso auf der Datenseite: Dem «Magazin» erklärte Alexander Nix, dass er Daten auch ohne Facebook bekommen könne. Durch riesige internationale Handelshäuser, Data-Broker, die persönliche Daten sammeln und handeln. Kreditkartenabrechnungen, Mitgliedschaften, Namen und Kontakte. Unser digitales Leben steht zum Verkauf, ohne dass wir darüber die Kontrolle haben. An diesen Datenmärkten können sich nicht nur zwielichtige Firmen bedienen, sondern auch Staaten wie Nordkorea oder China.

Der Fall Cambridge Analytica hat bewiesen, dass die Verantwortung sogar für die grössten Unternehmen der Branche zu gross wird. 

In Zukunft werden noch mehr Daten über uns erhoben werden, vom smarten Kühlschrank bis zur mit Sensoren vollgepackten Smart City. Gleichzeitig werden sich die Auswertungs­methoden verbessern. Damit wachsen sowohl die Gewinnchancen wie auch die Risiken durch gefährlichere Techniken.

Daher erklären Technologiefirmen jetzt, dass sie Verantwortung übernehmen und «ihre» Daten noch besser schützen wollen, indem sie sie weniger teilen. Sie wollen die Kontrolle über die Daten. Forscher wie Nutzer werden damit noch weniger sehen, was die Techgiganten über uns wissen. Die Machtasymmetrie wächst mit der Ungleichverteilung des neuen Kapitals.

Es gilt, den Technologiefirmen die Verantwortung zu entziehen. Der Fall Cambridge Analytica hat bewiesen, dass die Verantwortung sogar für die grössten Unternehmen der Branche zu gross wird. Es ist die ewige Tragödie der Grossreiche, dass sie langfristig weder Sicherheit noch Freiheit ihrer Bürger wahren. Dasselbe gilt im Digitalen.

Die wahre Lösung wäre einfach: Uns das Recht zu übertragen, selber zu bestimmen, was gehandelt wird und für was es verwendet werden darf. 

Immer weitere Datenschutzgesetze sind der falsche Ansatz, denn dabei eilt man Entwicklungen stets hinterher. Am Schluss profitieren die Firmen, die sich die meisten Juristen leisten können. Daher liebäugelt Zuckerberg nun mit Regulationen.

Die wahre Lösung wäre einfach. Den Menschen ihre Daten zu geben. Uns das Recht und damit die Verantwortung zu übertragen, selber zu bestimmen, was gehandelt wird und für was es verwendet werden darf. Ergebnis wäre ein neues digitales Einkommen, ein Anteil an den Gewinnen aus den Daten, die es ohne uns nicht gäbe, und mehr Kontrolle.

In den USA wird das Eigentum an Daten nun diskutiert. Neue Technologien könnten deren Verwaltung automatisiert ermöglichen. Die im Mai in Kraft tretende EU-Datenschutzverordnung räumt Nutzern weitgehende Besitzrechte wie Einsicht, Portabilität und Löschung ein. In der Schweiz verhandelt man aktuell die neue Digitalstrategie. Es bietet sich also eine Möglichkeit.

Erstellt: 24.03.2018, 00:12 Uhr

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