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Geld? Glück? Oder beides? Eine Frau denkt die Wirtschaft neu

Islands Premierministerin Katrin Jakobsdottir will das BIP neu definieren: Umweltschutz statt Wachstum. Sie hat bereits prominente Verbündete.

Die isländische Regierungschefin Katrin Jakobsdottir fordert: «Eine alternative Zukunft auf der Grundlage von Wohlstand und Wachstum, an dem alle teilhaben können». Foto: Toby Melville (Reuters)
Die isländische Regierungschefin Katrin Jakobsdottir fordert: «Eine alternative Zukunft auf der Grundlage von Wohlstand und Wachstum, an dem alle teilhaben können». Foto: Toby Melville (Reuters)

In Island gibt es einen schlüpfrigen Witz, der auf die Schwächen wirtschaftlicher Kennzahlen anspielt. «Sex mit der Ehefrau zählt im Bruttoinlandprodukt nicht, aber mit einer Prostituierten schon.» Die isländische Premierministerin Katrin Jakobsdottir erzählt ihn bei öffentlichen Auftritten, um ihre Haushaltspolitik zu erläutern.

Die 43-Jährige hat sich mit Schottlands Erster Ministerin Nicola Sturgeon und der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern zusammengetan, um eine «Wohlfahrtsagenda» vorzuschlagen.

Jakobsdottir fordert «eine alternative Zukunft auf der Grundlage von Wohlstand und Wachstum, an dem alle teilhaben können». Neben den traditionellen Daten des Bruttoinlandprodukts seien auch soziale Kennzahlen zu berücksichtigen.

Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern. Foto: Nick Perry/AP
Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern. Foto: Nick Perry/AP

Das Bruttoinlandprodukt misst den Gesamtwert aller Güter und Produkte, das ein Land innerhalb eines Jahres herstellt. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Island mit seinen 350’000 Einwohnern ein Bruttoinlandprodukt von umgerechnet knapp 25,6 Milliarden Franken. Zum Vergleich: In der Schweiz betrug es knapp 690 Milliarden Franken.

Jakobsdottir sagte, die Umweltzerstörung sei ein Schlüsselfaktor, der Island dazu veranlasse, neue soziale Indikatoren neben dem Wirtschaftswachstum in seine Haushaltsplanung aufzunehmen. Die Vorsitzende der Links-Grünen Bewegung führt ein Regierungsbündnis mit der Fortschrittspartei und der Unabhängigkeitspartei an.

Wie der britische Sender BBC berichtet, stellte die isländische Premierministerin diese Woche ihre Pläne bei der Londoner Denkfabrik Chatham House vor. In ihrer Rede ging sie zuerst auf das Verschwinden des isländischen Gletschers Okjokull ein. Für Wissenschaftler ist das Schmelzen von Gletschern ein Hinweis auf die globale Erwärmung, ausgelöst durch den Ausstoss von Kohlendioxid.

Sport und Kunst im Kampf gegen Antidrepressiva

Weiter würdigte Jakobsdottir die Fortschritte Islands in der familienfreundlichen Politik, sagte aber, dass ihr Land immer noch vor grossen Herausforderungen stehe. Als Beispiele nannte sie den öffentlichen Verkehr, der zu verbessern sei, und die Bekämpfung von psychischen Erkrankungen wie Depression.

«Island verwendet mehr Antidepressiva als die Nachbarländer», sagte sie. «Wir müssen die Prävention stärken, durch Sport und Kunst.»

In den vergangenen zwei Monaten hatten bereits die schottische Erste Ministerin Nicola Sturgeon und die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern Kritik am Ziel des reinen Wirtschaftswachstums geübt.

Ardern sagte im September, Wirtschaftswachstum sei zwecklos, wenn die Menschen nicht davon profitieren. Sturgeon plädierte im August dafür, dass moderne Volkswirtschaften mehr Ressourcen für die Bereiche psychische Gesundheit, Kinderbetreuung, Elternurlaub sowie grüne Energie bereitstellen.

Die schottische Erste Ministerin Nicola Sturgeon. Foto: Kirsty O'Connor/Press Association
Die schottische Erste Ministerin Nicola Sturgeon. Foto: Kirsty O'Connor/Press Association

Die von ihr und ihren Amtskolleginnen geförderte Initiative dürfe jedoch nicht als weibliche Gegenreaktion gegen den Populismus angesehen werden, sagte Jakobsdottir. «Es ist sehr wichtig, alle Geschlechter am Tisch zu haben – es beeinflusst die Art und Weise, wie man denkt, und dann werden verschiedene Entscheidungen getroffen.»

Andere Länder wie Bhutan haben sich bereits von reinen wirtschaftlichen Messwerten verabschiedet. Das Himalaja-Königreich erfasst bei seinen Einwohnern mit einem Fragebogen das sogenannte Bruttonationalglück.

Dieser Messwert ist seit dem Jahr 2008 in der Verfassung als Alternative zum Bruttoinlandprodukt verankert. Er misst nicht bloss subjektives Wohlbefinden und Glück, sondern auch soziale und ökologische Lebensumstände, wie sie sich für die unmittelbar davon Betroffenen darstellen.

Kritik auch von renommierten Ökonomen

Die Wachstumskritik treibt inzwischen auch renommierte Ökonomen um. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz gehört zu mehreren Wirtschaftswissenschaftlern, die argumentieren, dass das Bruttoinlandprodukt die Folgen von Klimawandel, Ungleichheit, digitalen Dienstleistungen und anderen Phänomenen, die moderne Gesellschaften prägen, nicht erfasst.

In einem Artikel in der britischen Zeitung «The Guardian» von vergangenem Monat schrieb Stiglitz, die globale Finanzkrise 2008 sei «das ultimative Beispiel für die Mängel bei den häufig verwendeten wirtschaftlichen Kennzahlen». So habe das Bruttoinlandprodukt keine Verzerrungen auf dem aufgeblähten US-Wohnungsmarkt aufdecken können, welche die Krise ausgelöst haben.

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