Überraschender Abgang: Geldwäsche-Chef des Bundes geht

Zwei Topstellen im Kampf für einen sauberen Schweizer Finanzplatz sind unbesetzt – ausgerechnet jetzt gibt es so viel Arbeit wie noch nie.

In der Kantonshauptstadt hielt Ordolli häufig Vorlesungen: Blick auf die Genfer Seepromenade. Foto: Alamy

In der Kantonshauptstadt hielt Ordolli häufig Vorlesungen: Blick auf die Genfer Seepromenade. Foto: Alamy

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Im Verlauf dieser Woche ist Stiliano Ordolli aus dem elektronischen Staatskalender des Bundes gelöscht worden. Zuvor schon hatte das Bundesamt für Polizei Fedpol den Genfer von seinen Aufgaben als Leiter der Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) entbunden. Nun zieht der Jurist, der in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist, einen Schlussstrich. «Der Chef MROS hat den Wunsch geäussert, das Fedpol zu verlassen, um sich einer neuen beruflichen Herausforderung zu stellen», teilt Cathy Maret, die Kommunikationschefin des Bundesamts, auf Anfrage mit.

Damit endet eine heftige Auseinandersetzung innerhalb des Fedpol. Und vor allem wird innert kurzer Zeit eine zweite Top-Funktion in der Schweizer Verbrechensbekämpfung frei. Ebenfalls nicht aus freien Stücken hatte kürzlich Olivier Thormann seinen Posten als Leiter Wirtschaftskriminalität bei der Bundesanwaltschaft verlassen. Damit wirkt der Schweizer Kampf für einen sauberen Finanzplatz derzeit zumindest etwas kopflos. Zwei der Schlüsselstellen sind unbesetzt.

Die beiden Fälle liegen ganz unterschiedlich. Staatsanwalt Thormann, ein Lebemann, geschätzt bei vielen seiner Mitarbeiter, ist über seine vermeintliche Nähe zum Ex-Fifa-Chef­juristen gestolpert. Dem stillen Ex-Diplomaten Ordolli hingegen ist seine teilweise Unbeliebtheit innerhalb der MROS zum Verhängnis geworden. Der zurückhaltende Doktor der Jurisprudenz hat die Meldestelle seit 2013 geleitet. Doch zuletzt hatte der 45-Jährige sein Berner Büro einige Tage lang nicht mehr betreten dürfen. Was war passiert?

Stiliano Ordolli (rechts) ist als MROS-Chef abgetreten. Foto: Keystone

Am 6. November führte das Bundesamt für Polizei seinen jährlichen Mitarbeiteranlass durch, im Beisein von Justizministerin Simonetta Sommaruga. Beim Steh­apéro im Berner Kornhauskeller ging es gesittet zu und her, Alkohol gab es erst ab 18 Uhr und nicht auf Rechnung des Staates.

Ein MROS-Mitarbeiter oder eine MROS-Mitarbeiterin nutzte die Gelegenheit, Fedpol-Direktorin Nicoletta della Valle direkt anzusprechen. Der Rahmen des Anlasses war locker. Ernst war jedoch, was er oder sie über den Meldestelle-Chef preisgab.

Jedenfalls beunruhigte das Gesagte della Valle so sehr, dass die Direktorin ihren Geldwäscherei-Chef nach einer ersten Prüfung der Anschuldigungen bis auf weiteres von seinen Dienstpflichten entband. Das war keine formelle Suspendierung oder gar Entlassung, aber doch ein einschneidender Schritt. Die Fedpol-Leiterin setzte auch eine interne Untersuchung in Gang. Die rund 30 Mitarbeiter der Meldestelle wurden angehört, Ordolli eingeschlossen. Verschiedene der Befragten berichteten von einem schlechten Arbeitsklima und Führungsmängeln. Ordolli reisse die Fälle alle an sich, vertraue fast niemandem und verhalte sich zu seinem Personal mitunter sehr ungerecht.

Gutes Ansehen genossen

Selbst Kritiker attestieren ihm aber, dass er zuerst lange Zeit gute Arbeit geleistet habe, nachdem er 2011 zur Meldestelle gestossen war und nach zwei Jahren die Leitung übernommen hatte. Dort digitalisierte und modernisierte er die Abläufe. Auch international genoss der Chef der Schweizer Meldestelle lange und vielerorts gutes Ansehen.

Was die Direktorin des Fedpol beim Mitarbeiteranlass erfuhr, beunruhigte sie. Also liess sie Ordolli überprüfen.

Ordolli war nach seiner Dissertation über die albanische Verfassungsgeschichte an der Universität Genf als Fachreferent für Geldwäscherei bei der Genfer Kantonalbank tätig gewesen. Er bestand jedoch den diplomatischen Concours und trat 2009 in die Dienste des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten. Dort blieb er rund zwei Jahre und wechselte dann zur MROS.

An der Uni Genf hielt er immer wieder Vorlesungen. Seinen letzten Auftritt an seiner Alma Mater als MROS-Chef hatte er vor rund zwei Wochen im Rahmen einer Tagung für Banken- und Finanzrecht.

Abgänge mit Stillschweigen

Zu jener Zeit liefen in Bern bereits Abklärungen über sein Führungsverhalten. Gestern kündigte Ordolli, ohne die Resultate der Fedpol-internen Analyse abzuwarten, die ihn auch hätten entlasten können. Sein Anwalt wollte sich nicht zu den Vorwürfen und zum Austritt seines Mandanten beim Fedpol äussern. Er verwies auf eine Stillschweigeklausel. Beim Fedpol ist es jüngst zu mehreren, teils ebenfalls unfreiwilligen Abgängen von Führungskräften mit solchen Klauseln gekommen.

Der MROS-Posten wird gemäss Sprecherin Maret nun ausgeschrieben. Er ist zentral für die schweizerische Verbrechensbekämpfung. Die Meldestelle ist das Bindeglied zwischen Finanzintermediären und den Strafverfolgungsbehörden. Sie nimmt Hinweise auf Geldwäsche oder auf andere Verbrechen wie Terrorismusfinanzierung entgegen. Die Arbeitslast wächst und wächst: Letztes Jahr sind so viele Verdachtsmeldungen eingegangen wie noch nie – nämlich 4684. Das sind über 60 Prozent mehr als 2016, das mit 2909 Meldungen bereits als Rekordjahr vermeldet wurde.

Noch bemerkenswerter ist die Summe der verdächtigen Vermögen, die 2017 gemeldet wurden: Mit über 16 Milliarden Schweizer Franken war sie 2017 dreimal so hoch wie im Vorjahr. Etwa 7 Milliarden Franken davon standen in Zusammenhang mit einem einzigen Fallkomplex, mutmasslich Saudiarabien.

Nun soll das Geldwäscherei-Gesetz verschärft werden – was der Meldestelle noch mehr Arbeit bescheren dürfte: Der Bundesrat will Lücken in der Gesetzgebung schliessen, die die Financial Action Taskforce in ihrem Länderbericht über die Schweiz kritisiert hatte. Bei seinem vermutlich letzten öffentlichen Auftritt als MROS-Chef vor zwei Wochen in Genf hat Ordolli darüber geredet. Der Kampf geht weiter. Nur ohne ihn.

Erstellt: 30.11.2018, 06:48 Uhr

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