Genf hat siebenmal mehr Ausgesteuerte als Uri

Der Anteil der Langzeitarbeitslosen unterscheidet sich von Kanton zu Kanton stark – auch wegen der Maturitätsquote.

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Wer den Anteil der ausgesteuerten Personen an der Gesamtbevölkerung vergleicht, stellt von Kanton zu Kanton erhebliche Unterschiede fest. Genf mit dem höchsten Anteil hat siebenmal mehr Ausgesteuerte als Uri. Bei den 15- bis 29-Jährigen ist der Unterschied sogar noch grösser: In Neuenburg gibt es zehnmal so viele ausgesteuerte junge Menschen wie in Uri.

Woher rühren diese erstaunlich grossen Unterschiede? Einen starken Einfluss hat die wirtschaftliche Lage. «Die Arbeitslosenquote wie auch die Dauer der Arbeitslosigkeit sind in der Westschweiz im Schnitt höher als in der Deutschschweiz», sagt Michael Siegen­thaler, Arbeitsmarktökonom bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Eine Ursache ist, dass sich Arbeitslose in der Deutschschweiz tendenziell weniger oft beim RAV melden als in der Westschweiz. Die Gründe für die Zurückhaltung in der Deutschschweiz sind unklar. Womöglich empfinden Deutschschweizer Arbeitslose das Stigma, sich bei RAV und Sozialhilfe zu melden, als gravierender.

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Doch die kantonal unterschiedlichen Arbeitslosenquoten alleine können die grossen Unterschiede bei der Ausgesteuertenzahl nicht erklären. Genf hat fünfmal mehr Arbeitslose als Uri – aber siebenmal mehr Ausgesteuerte.

«Je höher die Maturitätsquote in einem Kanton, desto grösser ist der Anteil der Jungen, die Sozialhilfe beziehen.»Theo Ninck, Berufsbildungsämter-Konferenz

Die Gründe müssen also woanders liegen, etwa in der Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur. Besonders in Regionen mit schwach ausgebauter Infrastruktur und geringer Attraktivität für Unternehmen ist eine Entwicklung sehr schwierig. Aber auch Ausländerquote oder Branchenstruktur einer Region haben einen Einfluss auf die Zahl der Ausgesteuerten. Diese steigt mit der Zahl der Ausländer. Westschweizer Kantone haben einen höheren Anteil an Ausländern als beispielsweise Innerschweizer Kantone. Und was die Branchenstruktur angeht, ist in Regionen mit bedeutendem Gastgewerbe die Arbeitslosigkeit tendenziell höher – dies unter anderem wegen saisonaler Auslastungsschwankungen.

RAV arbeiten nicht gleich gut

Die strukturellen Gründe sind schwierig zu beeinflussen. Doch es gibt Faktoren, bei denen mehr Handlungsspielraum besteht, um Langzeitarbeitslosigkeit und Aussteuerung einzudämmen. Michael Siegenthaler nennt als Beispiel die Qualität der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). «Es steht fest, dass die RAV sehr unterschiedlich vorgehen.» Die Wirksamkeit gewisser Vermittlungsstellen könnte erhöht werden, sagt Siegen­thaler. Dies wäre ein taugliches Mittel, um die Zahl der Ausgesteuerten zu senken.

Die Regionalen Arbeitsvermittlungen sind unterschiedlich erfolgreich. Genf, Neuenburg, Tessin und Jura vermitteln Arbeitslose am schlechtesten, wie die vor einem Jahr veröffentlichte «Wirkungsmessung 2016» des Staatssekretariats für Wirtschaft zeigt. Die besten Chancen, mithilfe der RAV einen Job zu finden, haben Arbeitslose in Uri, im Wallis und in Schwyz.

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Aber auch ganz andere Gründe, die keinen direkten Zusammenhang mit der Arbeitsvermittlung haben, können den Anteil der Menschen beeinflussen, die aus dem Arbeitsprozess fallen und ausgesteuert werden. Theo Ninck, Präsident der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz und Leiter des bernischen Mittelschul- und Berufsbildungsamts, nennt die kantonalen Bildungssysteme. «Je höher die Maturitätsquote in einem Kanton, desto grösser ist in der Regel auch der Anteil der jungen Menschen, die Sozialhilfe beziehen müssen», sagt er. Oder andersherum: In ländlichen Regionen, wo die meisten jungen Menschen dem Gymnasium eine Berufsbildung vorziehen, ist der Anteil der jugendlichen Arbeitslosen und Ausgesteuerten in der Regel tiefer.

Das erscheint ETH-Arbeitsmarktökonom Michael Siegenthaler plausibel: «Rein schulisch ausgebildete junge Leute bringen das notwendige praktische Rüstzeug für einen Einstieg ins Berufsleben teilweise nicht mit und müssen sich deshalb oft von Praktikum zu Praktikum hangeln.»

Viele Junge ohne Ausbildung

Stefan Wolter, Bildungsökonom an der Universität, warnt vor voreiligen Schlussfolgerungen. Er hält es zwar für möglich, dass es einen «Zusammenhang zwischen hoher Maturitätsquote und Personen ohne nachobligatorische Ausbildung» gibt. Diese sind tatsächlich häufiger arbeitslos und somit auch ausgesteuert. Ein Beweis für die Ursache liege aber bisher nicht vor. Zudem ziehen Berufstätige heute nach ihrer Ausbildung oft in einen anderen Kanton um. «Besonders aus kleinen, ländlichen Kantonen wandern Leute mit einer Maturität in Hochschulkantone ab», sagt Wolter. Das erschwere es, einen Zusammenhang zwischen kantonalem Bildungssystem und Maturitätsquote herzustellen.

Das grösste Risiko bei der Bildung sieht Theo Ninck bei den Jugendlichen, die auf der Sekundarstufe II weder eine Matur noch eine Berufsbildung schaffen. In der Schweiz sind das pro Jahrgang ungefähr 7000 junge Menschen. Um sicherzustellen, dass sie aufgefangen werden, brauche es gute Begleitmassnahmen und Brückenangebote. Als «sehr gutes Instrument» bezeichnet Ninck das sogenannte Case Management, das bis zu einem gewissen Grad eine individuelle Betreuung und Förderung erlaubt.

Doch auch dieses wird kantonal unterschiedlich umgesetzt. Könnten hier striktere Vorgaben durch den Bund helfen, diese Form der Integration wirkungsvoller umzusetzen? Ninck bezweifelt das: «Das Case Management muss angepasst sein an die kantonalen Verhältnisse auf dem Lehrstellen- und Arbeitsmarkt.» Und da gebe es kantonal grosse Unterschiede.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2018, 11:12 Uhr

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