Genossenschafter fordern mehr Einfluss bei Raiffeisen

Die regionalen Raiffeisen-Verbände verschaffen sich mehr Gehör in der St. Galler Zentrale. Nun wollen sie auch Vertreter im Verwaltungsrat.

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Kaum ein Tag vergeht ohne neue Details zur Affäre um den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Gegen den einstigen Topbanker wird ermittelt, weil er sich bei Übernahmen durch Raiffeisen und den Kreditkartenanbieter Aduno, an dem die Bank beteiligt ist, persönlich bereichert haben soll.

Die regionalen Raiffeisen-Genossenschaften verschaffen sich in den turbulenten Zeiten mehr Gehör in der St. Galler Zentrale. «Wir wollen eine bessere Vertretung im Verwaltungsrat, damit die Firma stärker in unserem Sinne geführt wird», so Kurt Sidler. Sidler ist Präsident des wichtigen Raiffeisen-Regionalverbandes Luzern, Ob- und Nidwalden und leitet die Koordinationsgruppe der Raiffeisen-Verbände. Dort werden die Interessen der regionalen Genossenschaften gebündelt.

Die Genossenschafter wollen künftig auch über die Spitze der Bank mitbestimmen. «Wir werden bei der Wahl des neuen Präsidenten ein Wort mitreden und sie nicht alleine dem Verwaltungsrat überlassen», so Sidler. Es seien schon Überlegungen angestellt worden, wer als Kandidat infrage komme.

Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser zu Pierin Vincenz. (Video: Lea Koch, Patrick Kühnis)

Das war früher anders, denn auf die Kandidatenfindung hatten die regionalen Genossenschaften kaum Einfluss. Doch nach den jüngsten Ereignissen wollen viele wichtige Genossenschaften nicht mehr nur die im Verwaltungsrat bereits gekürten Kandidaten abnicken.

Die regionalen Raiffeisen-Verbände hätten sich bereits in den letzten zwei Jahren vermehrt untereinander ausgetauscht. Ein wichtiger Grund dafür war die gemeinsame Kritik an den vielen Beteiligungen, die in der Ära Vincenz von Raiffeisen hinzugekauft wurden.

In diesen Jahren ist die Bank im Kerngeschäft bei der Immobilienfinanzierung stark gewachsen, hat aber auch für viel Geld in neue Geschäftsfelder diversifiziert. Das hat sich nicht ausbezahlt. Zu den gewichtigen Beteiligungen gehören etwa die Privatbank Notenstein LaRoche, die Derivatefirma Leonteq oder auch die Beteiligungsfirma Investnet. Sie spielt im Verfahren gegen Vincenz eine wichtige Rolle.

Mehr Kontrolle über St. Gallen

Laut der «SonntagsZeitung» war das Unternehmen Investnet pleite, als es von der Bank übernommen wurde. Von den Geschäften von Raiffeisen mit Investnet sollen aber Vincenz und sein Geschäftspartner, der ehemalige Aduno-Chef Beat Stocker, profitiert haben. Zudem soll Stocker laut dem Finanzportal «Inside Paradeplatz» von Raiffeisen monatlich 54'000 Franken als Beratungshonorar kassiert haben.

Bei vielen Genossenschaftern dürfte diese Summe schlecht ankommen. «Sollten die Zahlen stimmen, würde uns das gewaltig ärgern», so Sidler. Das passe nicht in die Raiffeisen-Philosophie und würde einen Anlass bieten, dass die Zentrale in St. Gallen künftig bei den Genossenschaftern stärker Rechenschaft über die Ausgaben ablegen müsste.

Wechsel war fällig

Übergangspräsident Pascal Gantenbein soll nun die Vorgänge bei der drittgrössten Schweizer Bank aufklären. Gantenbein ist der Nachfolger von Johannes Rüegg-Stürm, der zwar noch vor wenigen Tagen eine weitere Amtszeit anstrebte, dann aber von seinem sofortigen Rücktritt überzeugt werden konnte. Offenbar war er auch für viele Genossenschafter nicht mehr tragbar. «Wir waren der Meinung, dass es einen Wechsel beim Verwaltungsratspräsidenten braucht», so Sidler.

Interimspräsident Gantenbein geniesst bei den Genossenschaftern hingegen eine hohe Wertschätzung. Mit ihm sei nun eine starke Führungsperson gefunden, so Sidler. Es gibt aber auch bereits einen klar formulierten Auftrag an den Finanzprofessor: «Wir wollen, dass er die Wünsche der Basis umsetzt.»

Das Vertrauen spricht Sidler auch dem für seine Rolle in der Affäre stark kritisierten Raiffeisen-Chef Patrik Gisel aus. «Wir haben bislang keine Fakten gesehen, die für uns ein Problem wären.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2018, 21:35 Uhr

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