Ghosn tritt bei Interpol-Stiftung ab

Carlos Ghosn sammelte bis vor kurzem Geld für die globale Polizei. Die Ermittlungen gegen ihn wurden aber zum Problem.

Sein Ruf hat gelitten: Carlos Ghosn. Foto: Reuters

Sein Ruf hat gelitten: Carlos Ghosn. Foto: Reuters

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Er war bis vor kurzem einer der einflussreichsten Automanager der Welt. Carlos Ghosn leitete die Autobauer Renault und Nissan, ehe die Affäre um überhöhte Bezüge bei Nissan zu seinem unfreiwilligen Rücktritt führten. Seither ermitteln die Behörden gegen ihn. Ghosn bestreitet alle Vorwürfe.

Seine Position nutzte Ghosn davor lange, um Geld für die Verbrechensbekämpfung zu sammeln. Seit 2014 sass er im Verwaltungsrat der Genfer «Fon­dation Interpol pour un monde plus sûr». Dabei handelt es sich um eine Stiftung, die die internationale Polizeiorganisation Interpol unterstützt. Sie wurde 2013 gegründet und ist rechtlich unabhängig. Von ihr fliessen jährlich mehrere Millionen Euro zu Interpol.

Lage genau abgeklärt

Schon kurz nachdem die Ermittlungen gegen Ghosn Schlagzeilen machten, wurde die Frage aufgeworfen, ob er für die Interpol-Stiftung eine Hilfe oder eher eine Belastung ist. Die Stiftung wollte damals nichts überstürzen. Man werde die Lage genau abklären, so ein Sprecher gegenüber der «Financial Times». Nun ist klar: Ghosn passt nicht mehr zur Stiftung. Aus dem Handelsregister geht hervor, dass Ghosn kürzlich zurückgetreten ist. Die Interpol-Stiftung bestätigt seinen Abgang auf Anfrage dieser Zeitung.

Ghosn machte eine eindrückliche Karriere. In den Neunzigern gelang es ihm, Nissan zu sanieren, bei Renault schaffte er das gleiche Kunststück. Er entwickelte sich danach zur treibenden Kraft hinter der Autoallianz von Renault, Nissan und Mitsubishi. Dies, bis im letzten November die Vorwürfe von Nissan gegen den Firmenlenker öffentlich wurden. Dieser soll sich insgeheim jahrelang ein höheres Einkommen ausbezahlt haben, als die Firma eigentlich auswies. Zudem soll er persönliche Verluste auf die Firma übertragen haben. Die Tokioter Polizei nahm den Manager daraufhin fest. Ghosn teilte vor wenigen Tagen mit, dass er nicht nur seine Unschuld beweisen, sondern auch die Umstände aufklären werde, die zu seiner ungerechtfertigten Verhaftung führten. Die Inhaftierung offenbare Schwächen des japanischen Justizsystems, kritisieren auch Menschenrechtler.

Ghosn teilte vor ­wenigen Tagen mit, dass er seine ­Unschuld beweisen werde.

In Frankreich sorgte Ghosns Hochzeitsfest im Marie-Antoinette-Stil auf Schloss Versailles für Aufsehen. Die Miete von 50 000 Euro wurde zuerst von einem Sponsoren bezahlt. Ghosn habe laut Medienberichten zuerst angenommen, es sei gratis. Nun wolle er aber für die Kosten aufkommen.

Der Verwaltungsrat der Stiftung ist auch nach seinem Abgang noch prominent besetzt. Fürst Albert von Monaco gehört dazu, das gilt auch für den französischen Grossindustriellen Olivier Dassault oder Scheich Mansour bin Zayed al-Nahyan, Besitzer des Fussballclubs Manchester City und Halbbruder des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate. Zum Gremium gehört auch der Interpol-Generalsekretär Jürgen Helmut Stock.

Auch der Beirat der Interpol-Stiftung ist prominent besetzt. Dort gehören laut deren Internetseite der deutsche Ex-Innenminister Otto Schily, der indische Unternehmer Ratan Tata oder der ehemalige Julius-Bär-Chef und heutige Partner bei der Genfer Privatbank Pictet, Boris Collardi, dazu.

Pech im Verwaltungsrat

Ghosn ist nicht der erste Manager, der der Stiftung Kopfzerbrechen bereitet. Stuart Gulliver, der ehemalige Chef der britischen Grossbank HSBC, war 2014 in ihren Verwaltungsrat eingetreten. Zwei Jahre später gab er bereits wieder seinen Abschied bekannt. Dies, nachdem die von mehreren internationalen Medien gemeinsam koordinierte Swiss-Leaks-Recherche 2015 aufgezeigt hatte, in welchem Umfang die Genfer Filiale der Grossbank ihrer vermögenden Kundschaft bei der Steuervermeidung half.

Auch der pakistanische Unternehmer Arif Naqvi half dem Ruf der Stiftung nicht. Investoren seiner in Dubai heimischen Investmentunternehmen Abraaj Group beklagten Unregelmässigkeiten. Das Unternehmen bestritt ein Fehlverhalten, es ging dennoch vor wenigen Monaten unter. Naqvi trat im letzten Jahr aus dem Verwaltungsrat der Interpol-Stiftung zurück.

Eine Rückkehr von Ghosn ist für die Stiftung nicht ausgeschlossen. Sollten sich die Anschuldigungen gegen ihn als haltlos erweisen, könne er wieder zurückkehren, heisst es dort.

Erstellt: 25.02.2019, 23:33 Uhr

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