Mit diesen Tricks macht Google Geld

Die Suchmaschine beantwortet Fragen immer häufiger selber – und zwingt Firmen so, Anzeigen zu schalten. Das sei «Lösegeld», kritisiert ein Unternehmer.

Mehr als die Hälfte der Suchanfragen bei Googld lösen keinen weiteren Klick aus. Foto: iStock

Mehr als die Hälfte der Suchanfragen bei Googld lösen keinen weiteren Klick aus. Foto: iStock

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Vor 15 Jahren existierte das iPhone nur im Kopf von Steve Jobs, neun von zehn Menschen surften via Internet Explorer. Und Google wollte an die Börse. In den Unterlagen für den Börsengang zeigt sich, wie fundamental sich Google verändert hat. «Wir wollen, dass Sie zu Google kommen und schnell finden, was Sie wollen», sagte Larry Page. «Dann schicken wir Sie gern weiter zu anderen Seiten.»

Heute hat Google nichts mehr mit dem Unternehmen zu tun, das Page beschrieb. Früher war Google ein Bibliothekar, der wissbegierigen Menschen sagte, in welchen Büchern sie die hilfreichsten Informationen finden. Heute kennt der Bibliothekar Standort und Klappentext aller Bücher sowie deren Inhalt. Und beantwortet viele Fragen einfach selbst.

Antworten statt suchen

Bequem für Besucher: Sie müssen keine Bücher mehr aufschlagen, sondern erfahren sofort, was sie wissen wollten. Die ­Autoren aber sind weniger begeistert. Lesen immer weniger Menschen, verliert ihre Arbeit an Wert. Kurzfristig trifft das nur Schriftsteller, langfristig die ganze Bibliothek: Hören Autoren auf, Bücher zu schreiben, weil sie nicht davon leben können, dass der Bibliothekar ihre Werke zusammenfasst?

Der Bibliothekar ist Google, die Bibliothek das Web, und die Antwort auf die Frage betrifft ein paar Milliarden Menschen sowie die Zukunft des offenen Netzes. Das zeigen Zahlen der Analysefirma Jumpshot: Mehr als die Hälfte der Suchanfragen lösen keinen weiteren Klick aus. Menschen googeln und finden auf der ersten Seite der Suchergebnisse, was sie wissen wollen.

Wie ist aus dem digitalen Wegweiser eine gigantische Wissensdatenbank geworden? Das sollte doch Google selbst wissen. Die Frage «Was macht Google?» ­beantwortet die Suchmaschine über den Suchergebnissen in einem Kasten: «Google ist Marktführer unter den Internet-­Suchmaschinen und die meistbesuchte Website der Welt.» Aha. Weiter gehts: «Was ist eine Suchmaschine?» Diesmal steht die Antwort rechts neben der Ergebnisliste: «Eine Suchmaschine ist ein Programm zur Recherche von Dokumenten im World Wide Web.»

Ein bisschen konkreter, bitte: «Was ist das Ziel von ­Google?» Jetzt blendet die Suchmaschine eine kleine Box über der Liste ein: «Ziel von Google ist, die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nutzbar zu machen.» Drei Fragen, drei Antworten, null Klicks. Alle Suchen hat Google selbst beantwortet. Zwei Erklärungen stammen aus Wikipedia, die dritte aus einem Blogpost der Youtube-Chefin Susan Wojcicki.

Milliarden von Daten

Dahinter steckt der «Knowledge Graph», den Google seit 2012 pflegt. In diese Sammlung fliessen Informationen von Milliarden Seiten ein, die Google systematisch durchsucht, indexiert und aufbereitet. Früher glichen sich fast alle Ergebnisseiten: zehn Links, manchmal eine Anzeige. Wer heute googelt, sieht bei manchen Suchanfragen auf den ersten Blick nur noch Informationen aus dem Knowledge Graph und Ergebnisse, für die Google Geld erhält.

Viele Ergebnisse bestehen aus mehreren Werbeanzeigen, Youtube-Videos, einem Kasten mit häufigen Nutzerfragen und einem Auszug aus dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag. Um das erste klassische Suchergebnis zu sehen, muss man mehrfach nach unten scrollen. Manche Unternehmen sehen sich gezwungen, Anzeigen auf ihren eigenen Namen als ­Suchbegriff zu schalten, damit ihre Webseite überhaupt ge­funden wird. «Es ist Lösegeld», klagt ­Jason Fried, dessen Firma ­Basecamp Projekt-Management-Software anbietet.

Songtexte zeigt Google gleich selber an: Das ist für Plattformen wie Genius problematisch. Foto: Tamedia

Ein Google-Sprecher verweist auf einen Brief seines Chefs Sundar Pichai an Investoren von 2018: Das Unternehmen habe sich weiterentwickelt. Man ­wolle Menschen nicht nur Antworten geben, sondern ihnen helfen, Dinge zu erledigen. Nachvollziehbar, denn Behalten ist lukrativer als Weiterleiten: Wenn ­Nutzer mehr Zeit mit Google, Youtube, Maps oder G-Mail verbringen, kann das Unternehmen ihnen entweder mehr Werbung zeigen oder mehr Daten sammeln.

Wenn sich die meistbesuchte Webseite neu erfindet, schlägt das auf das gesamte Netz durch – und dabei gibt es Verlierer. Am häufigsten bedient sich Google bei Wikipedia. «Grundsätzlich ist es gut, dass die Informationen überhaupt auffindbar sind», sagt Jan Apel von Wikimedia. «Aber wenn Google unser Wissen darstellt, birgt das eine Gefahr: Menschen bekommen nicht mehr mit, dass sie dazu beitragen können, dieses Wissen zu pflegen.» Auf Wikipedia selbst sei ein­deutig, dass alle Einträge von Freiwilligen erstellt würden. «Googles Knowledge Graph bietet keinen Rückkanal. Das entspricht nicht unserer Idee von Medienkompetenz.» In Wikipedias Anfangsphase hätten sich Menschen aktiver beteiligt. Heute entwickle sich das Netz zu einem Medium des passiven Konsums. Rechtlich sei Googles Verhalten aber sauber, sagt Apel. «Alle Informationen aus Wiki­data und der Wikipedia stehen unter einer freien Lizenz.» Google kann sich einfach bedienen.

Existenzbedrohender Streit

Anschaulich ist der Streit zwischen Genius und Google. Auf dem Portal laden Künstler und Fans Songtexte hoch und diskutieren über ihre Bedeutung. Im Juni warf Genius Google vor, Texte illegal kopiert und komplett in den Suchergebnissen angezeigt zu haben, ohne auf Genius als Originalquelle zu verweisen.

Für Genius ist dies existenzbedrohend: Seit Google immer mehr Songtexte direkt und prominent anzeigt, finden weniger Menschen den Weg zu Genius. Das gefährde das Geschäftsmodell, sagt Chefstratege Ben Gross. «Ursprünglich sollte Google ­Nutzern helfen, ein freies und offenes Netz zu erkunden. Was Google jetzt macht, bedroht dieses Ökosystem.» Viele Webseiten teilen dieses Schicksal. Eine Suchmaschine ist aber nur so hilfreich wie die Inhalte, die sie findet – und die erstellt Google eben nicht selbst. Wenn Angebote wie Genius leiden, Webseiten dichtmachen müssen, der Informationsfluss versiegt, schadet das langfristig auch Google.

Der Bibliothekar des World Wide Web hat unvorstellbar viel Information angehäuft. Doch selbst der weiseste Bibliothekar wird ohne Bibliothek arbeitslos.

Erstellt: 02.10.2019, 19:48 Uhr

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