Übergriffe an Spendengala: Nobler Männerclub löst sich auf

Berichte über sexuelle Belästigungen an einer Wohltätigkeitsgala leiteten das Ende des Londoner Presidents Club ein.

In diesem Londoner Luxushotel fand das Nachtessen statt: The Dorchester.

In diesem Londoner Luxushotel fand das Nachtessen statt: The Dorchester. Bild: Philip Toscano/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die #MeToo-Debatte scheint keinen nachhaltigen Effekt gehabt zu haben: Berichte von sexueller Belästigung an einer Londoner Spendengala erschüttern Grossbritannien. Beim reinen Männerevent im noblen Londoner Dorchester Hotel beim Hyde Park war es zu Grapschereien und Übergriffen gekommen.

Zwei Reporterinnen der «Financial Times» hatten sich als Hostessen an das Dinner geschmuggelt und darüber berichtet. Der Skandal hat mittlerweile derartige Wellen geworfen, dass der Club nach 33 Jahren seine Auflösung bekannt gegeben hat. Zwei Spitäler, denen Spenden der Gala zugeflossen waren, wollen die Gelder zurückgeben.

Sexy Unterwäsche obligatorisch

Bei dem Event am vergangenen Donnerstag mit rund 300 männlichen Gästen waren die einzigen Frauen die 130 Hostessen. Sie wurden nach den Kriterien «gross, dünn und hübsch» ausgewählt. Die Frauen sollten schwarze Unterwäsche unter den knackengen, kurzen Röckchen tragen und «sexy schwarze Schuhe» mitbringen. Für den Abend bekam jede Servicemitarbeiterin 150 Pfund (rund 175 Franken).

Handys wurden den Frauen abgenommen, und sie mussten eine Schweigeklausel unterschreiben. Zeit, das Dokument durchzulesen, gab es nicht. Auch Kopien durften nicht gemacht werden. Die Serviererinnen wurden angehalten, sich «sexy» zu geben und sich mit nervigen Männern zu arrangieren.

Penis entblösst

Die FT-Reporterin Madison Marriage berichtet, dass während der sechs Stunden des Dinners viele der jungen Frauen begrapscht, lüsternd angequatscht und aufgefordert wurden, mit in ein Hotelzimmer zu kommen. Männer hätten ihnen immer wieder die Hand unter den Rock geschoben, berichteten viele der Frauen. Einer der Gäste habe vor einer der Hostessen seinen Penis entblösst. Eine andere Frau wurde gefragt, ob sie eine Prostituierte sei.

Nach dem Abendessen, an dem neben geräuchertem Lachs mit Kaviar und Steak auch Champagner, Whisky und Wodka in rauen Mengen serviert wurde, ging es zur Versteigerung. Hier konnten die Teilnehmer einen Landrover, einen Tesla, ein Essen mit Aussenminister Boris Johnson oder auch einen Abend in einem Stripclub ersteigern. Eine Schönheits-OP mit dem Motto «Mach deine Frau wieder scharf» wurde ebenfalls angepriesen.

TV-Koch bis Hotelkettenmogul

Nach den Medienberichten haben mittlerweile auch mehrere Organisationen, die Gegenstände für die Auktion des Wohltätigkeitsevents gespendet hatten, diese zurückgezogen. Darunter auch Tesla und BMW. Die britische Zentralbank zog das Angebot eines Tee-Dates mit dem Gouverneur der Bank Mark Carney, das als Preis gegolten hatte, zurück. Carney sagte, er sei zutiefst bestürzt, dass ein solches Event stattfinden konnte.

Auf einem Sitzplan für das Event stehen prominente Namen: der berühmte TV-Koch Gino D'Acampo, Hotelkettenmogul Rashid Al Habtoor, mehrere ehemalige Goldman-Sachs-Banker, Detailhandelsmilliardär Sir Philipp Green und Dutzende weitere wohlbetuchte Männer. Ob diese Personen tatsächlich teilnahmen, ist nicht bestätigt.

Sogar Premierministerin Theresa May äusserte sich zu den Geschehnissen: Bei der Geschichte sei ihr «unwohl», liess zunächst ein Sprecher verlauten. Später hiess es dann, May sei entsetzt. Der Druck auf die Premierministerin stieg derweil, den Familienminister Nadhim Zahawi zu entlassen. Er soll ebenfalls am Galadinner teilgenommen haben. Er sagte allerdings, er habe das Event frühzeitig verlassen, weil er sich «unwohl fühlte». Zu gewissen Personalrochaden haben die Berichte aber geführt: Ein Vorsitzender des Presidents Club und Organisator des Abends, David Meller, soll inzwischen seine beratende Rolle im Bildungsministerium aufgegeben haben.

Eine Undercover-Aufnahme der FT-Reporterinnen:

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2018, 19:21 Uhr

Artikel zum Thema

Aus #MeToo wird #WoYeShi

Die ersten Missbrauchsvorwürfe aus China wurden laut. Wie reagiert das kommunistische Regime auf den Aufruf? Mehr...

Verändert #MeToo heute auch die Oscars?

Am Nachmittag werden die Nominationen bekannt gegeben – verfolgen Sie die Veranstaltung ab 14.15 Uhr live. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Fakelträger: Junge Ungaren ziehen in Erinnerung an die Studentenproteste von 1956 durch die Strassen von Budapest. (22. Oktober 2018)
(Bild: Szilard Koszticsak) Mehr...