Greta im Dilemma

Umweltaktivistin Greta Thunberg sucht in Davos die Aufmerksamkeit für ihre Sache – welchen Preis muss sie dafür bezahlen?

Greta Thunbergs erster Auftritt in Davos: Die 16-jährige Umweltaktivistin traf am Rande des WEF Klimaexperten und Forscher. Video: SDA

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Da. Genau da. Die beiden Polizisten schlendern so unauffällig, wie nur Polizisten schlendern können, durch den engen Waggon, schauen rechts, schauen links. Scannen. Bleiben stehen. Da. Genau da.

«Entschuldigen Sie, wo wollen Sie bitte hin?» Der Mann, lange Haare, Schlafsack am Rucksack, Kunstfell an der grünen Outdoor-Jacke, blickt kurz irritiert. «Äh ... We’re attending the World Economic Forum in Davos.» Die Polizisten schauen ihm ins Gesicht, sehen neben ihm ein Mädchen zusammengesunken am Fenster. Vater und Tochter. Alles gut. «She is famous!», ruft jemand aus dem Abteil gegenüber den Polizisten zu, da haben sie sich schon wieder verabschiedet. Have a good day.

Das Mädchen scheint von der Episode nicht wirklich etwas mitbekommen zu haben. Der Zug fährt in Landquart los, das Mädchen schaut aus dem Fenster in den Schnee, kneift die Augen zusammen, fährt sich mit der Thermosflasche immer wieder über die Stirn.

«Jeder Artikel über mich muss den Klimawandel thematisieren. Das ist gut.»Greta Thunberg, Klimaaktivistin

Es ist kurz nach 11 Uhr am Mittwochmorgen, und Greta Thunberg wirkt müde. Fast 30 Stunden ist es her seit dem ersten Bild ihrer grossen Reise. Sie, stehend, vor einem grau glänzenden Zug in Stockholm, ein roter Rollkoffer neben ihr und das Schild, das sie seit einem halben Jahr überall dabeihat, wenn sie für das Klima streikt. «Skolstrejk för klimatet», heisst es darauf, «Schulstreik fürs Klima».

Greta mit ihrem Vater bei der Ankunft in Zürich.

Seit Dienstagmorgen fährt Greta Thunberg Zug, seit Dienstagmorgen ist sie auf dem Weg ans WEF in Davos. Die Welt schaut ihr dabei zu. Lunch in Dänemark, ein Gruss vor dem Schlafen­gehen via Instagram, ein Hinweis auf die 1500 Privatjets, die laut «Guardian» das WEF anfliegen. Immer auf Sendung.

Die nächste Reise geht zum Papst

In Davos ist sie schon vor ihrer Ankunft ein Thema. Als «inspirierendsten Moment» des Tages bezeichnete Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan die Videobotschaft der 16-jährigen Schwedin, die vor einem Panel mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore abgespielt wurde. «Einige Leute sagen, wir würden nicht genügend machen, um den Klimawandel zu bekämpfen», sagt Greta im Video. «Aber das stimmt nicht. Wir machen gar nichts.»

Dieses Schild begleitet Greta seit einem halben Jahr.

Tausendfach wird ihre Botschaft seither geteilt und weiterverbreitet. Wie all ihre Botschaften. Greta Thunberg ist eine Berühmtheit, wie sie nur das 21. Jahrhundert hervorbringen kann. Die Aktivistin, die viralging.

Im Sommer des vergangenen Jahres hat es mit einem zweiwöchigen Streik vor dem Parlament in Stockholm begonnen. Dann die Klimakonferenz in Polen, an der sie eine Rede hielt, die hunderttausendfach geklickt wurde. Heute das WEF, nächsten Monat der Papst in Rom. Überall auf der Welt folgen junge Menschen Gretas Vorbild und streiken für das Klima. Am vergangenen Freitag gingen in der Schweiz über 20'000 Schüler auf die Strasse – und das alles nur wegen Greta.

Sie ist jetzt ein Star. Sie wird in den sozialen Medien gefeiert und angefeindet. «Ich hoffe, das Mädchen liest nur ab, was ihr irgendein irrer Erwachsener aufgeschrieben hat. Wäre tragisch, wenn sie mit 15 schon so ideologisch verblendet wäre», schrieb ein«Weltwoche»-Redaktor zu ihrer Rede am Klimakongress.

Mehrere Kamerateams warteten

Als sie vor zwei Wochen bekannt gab, mit dem Zug nach Davos zu reisen, begann ein grosses Bitten und Zerren. Die Jungen Grünen luden Greta zu einer Podiumsdiskussion im Zug ein. Die Juso versuchten, sie für ihre Demonstration von heute Donnerstag zu begeistern. Und sämtliche grossen Schweizer Medienhäuser fragten an, ob sie die Klimaaktivistin im Zug begleiten dürften.

Journalisten umringen ein Mädchen, das jetzt noch viel kleiner und zerbrechlicher wirkt, als es in Wahrheit ist.

Dabei hatte man nie direkt mit Greta zu tun. Die 16-Jährige hat das Asperger-Syndrom und wird von ihrem Umfeld weitgehend abgeschirmt. Die Krankheit helfe ihr bei ihrem Protest, sagte sie einmal in einem Fernsehinterview. «Für mich ist die Welt nur schwarz oder weiss. Es gibt nur nachhaltig oder nicht nachhaltig.» Doch die Krankheit hilft nicht unbedingt, mit dem ganzen medialen Rummel umzugehen.

Am Dienstagabend sagte Gretas Medienverantwortlicher alle Termine ab. Sorry, sie kann nicht mehr. Doch da war es bereits zu spät, die Lawine rollte. Am Mittwochmorgen auf dem Perron in Zürich wird sie von mehreren Kamerateams empfangen, in Landquart kommen weitere dazu, in Davos Dorf dann die grosse Meute.


Video: Thunberg am Zürcher HB

«In Zukunft wird uns kein anderes Problem mehr als die Klimakrise beschäftigen», sagt die junge Klimaaktivistin.


An die 50 Journalisten, rennend. 50 erwachsene Menschen umringen ein Mädchen, das jetzt noch viel kleiner und zerbrechlicher wirkt, als es in Wahrheit ist. «So haben wir es noch nie erlebt», sagt Svante Thunberg, ­Gretas Vater, der sie ans WEF begleitet. «Wir werden in Davos eine ruhige Ecke finden müssen.» Sie wollen die Aufmerksamkeit, sie meiden die Aufmerksamkeit. Ob Greta ihre Berühmtheit auch ein wenig geniesse, wurde sie am Mittwochmorgen in Zürich gefragt. Sie schaute irritiert und sagte dann: «Jedes Interview mit mir, jeder Artikel über mich muss den Klimawandel thematisieren. Das ist gut.»

Der Vater ist immer dabei

Im Zug ist es der Vater, der meistens spricht. Er ist Autor und Schauspieler und erzählt einem Journalisten eben zum x-ten Mal, wie das alles anfing. Greta wurde vor einigen Jahren depressiv, ass kaum mehr, ging nicht mehr in die Schule. Erst seit dem Engagement gegen den Klimawandel gehe es ihr besser. Und seit die Eltern ihren Lebensstil dem ihrer Tochter anpassten.

Malena Ernman, die Mutter, war eine berühmte Opernsängerin mit Engagements überall auf der Welt. Heute fliegt sie nicht mehr und singt in Musicals in Stockholm. Die Familie ernährt sich vegan, und wenn die Eltern zu viel unnütze Dinge einkaufen, schimpft die Tochter. «Ich schaue ihre Quittungen durch», erzählte sie einmal im Fernsehen.

Der Vater ist immer dabei. Er zieht Greta sanft aus dem Pulk der Journalisten. Er schützt und ermöglicht. Und scheucht auch einmal jemanden weg, wenn der im Weg jenes Kameramanns steht, der die Thunbergs nach Davos begleitet und eine Dokumentation über Greta filmt. Nur beste Sicht auf Greta.

«Sie ist ein super Vorbild.»Rosmarie Wydler-Wälti, KlimaSeniorin

So wie auf der Schatzalp oberhalb von Davos. Es ist Gretas erster Termin am WEF. Minus 5 Grad ist es hier um 18 Uhr, ab jetzt wird es nur noch kälter. Greta besucht das Arctic Basecamp, wo sie mit ihrem Vater in einem Zelt übernachten wird. «Sie ist ein super Vorbild», sagt Rosmarie Wydler-Wälti, die neben einer Feuerschale steht. Wydler-Wälti ist Co-Präsidentin der KlimaSeniorinnen, die diese Woche mit einer Klage vor das Bundesgericht zogen, um die Schweiz zu verpflichten, mehr für den Klimaschutz zu tun. «Es ist doch wunderbar. Wir Alten gehen den juristischen Weg, die Jungen auf die Strasse. Mit allen Mitteln gegen den Klimawandel!»

Sie will Greta nachher ein Faltblatt geben. Später. Wenn der Rummel vorbei ist. Denn jetzt steht Greta vorne, wieder einmal, hat ein Mikrofon in der Hand und alle Blicke auf sich. «Wir müssen den Mächtigen hier in Davos klarmachen: So geht es nicht weiter», sagt sie.

Was möchtest du ändern, fragt die Moderatorin. Alles, sagt Greta.

Erstellt: 23.01.2019, 22:32 Uhr

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