Gutes Nestlé, böses Nestlé

Wasserprivatisierung, Umweltprobleme, unlautere Werbung: Nestlés Image wurde immer wieder von Skandalen getrübt. Wo steht der Konzern heute?

«Wasser ist Leben - kein Geschäft»: Eine Frau demonstriert vor der Nestlé-GV in Lausanne. Bild: Gabriel Monnet/Keystone

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Alexander muss einen Moment nachdenken. Nein, sagt er dann. Die Frage, ob die Firma, die ihn gerade mit löslichem Kaffee bewirtet, ein gutes Unternehmen ist, hat er sich nie gestellt. Der 28-jährige Ingenieur aus Tübingen bekam vor ein paar Jahren das Buch «Aktien für Dummies» geschenkt – darin stand, dass die Wertpapiere von Nestlé eine der sichersten und profitabelsten Geldanlagen überhaupt seien. Nestlé, das ist der grösste und umstrittenste Nahrungsmittelkonzern der Welt.

Alexander investierte 1000 Euro. «Das lief gut», erinnert er sich. «Ich bekam Dividende und alles, kaufte noch etwas mehr.» Jetzt sitzt der junge Mann mit seiner Freundin in einer weitläufigen Halle im schweizerischen Lausanne und beobachtet, wie eine sehr alte Frau eine Tüte vom Discounter mit Zucker, Schokolade, Mineralwasser und kleinen Nescafé-Tütchen befüllt. «Die war schon viermal Nachschub holen», grinst Alexander, «ganz schön dreist.»

«Boycott Nestlé»

Die beiden Deutschen sind mit Abstand die Jüngsten, die zur Generalversammlung des Nahrungsmittelkonzerns angereist sind – ihre Haltung dagegen teilen auch die vielen Pensionäre aus der Schweiz. «Ich habe gerne Süsses, da passte das», erklärt eine Frau mit Dauerwelle ihr Aktienpaket. Ob sie schon mal von Wasserprivatisierung, Lebensmittelskandalen und Milchpulverwerbung gehört habe? «Ganz am Rande», sagt die Frau: «Aber so etwas beeinflusst mich nicht.» Ihr Mann lacht. «Wissen Sie, ich kann diese Berichte nicht mehr hören. Am Tag, nachdem ich vom Dieselskandal erfahren habe, habe ich mir einen VW mit Dieselmotor gekauft. So läuft das bei mir. Ich bin überzeugt: Nestlé ist eine gute Schweizer Firma.»

Das Image des Lebensmittelherstellers ist von Skandalen geprägt.

Eine gute Firma? Es gibt Tausende Menschen, überall auf der Welt, die bei diesen Worten den Kopf schütteln würden. Nestlé ist mit einem Umsatz von 75 Milliarden Euro und mehr als 300'000 Mitarbeitern zwar der grösste Industriekonzern der Schweiz – das Image des Lebensmittelherstellers ist jedoch von Skandalen geprägt. Seit in den 1970er-Jahren bekannt wurde, dass Nestlé-Mitarbeiter Mütter in Entwicklungsländern dazu ermutigten, ihren Babys Milchpulver anzurühren anstatt sie zu stillen, haben Hunderttausende Konsumenten versucht, um die reichhaltige Produktpalette einen Bogen zu machen. Durch verunreinigtes Trinkwasser kamen damals unzählige Neugeborene ums Leben – aus der Empörung formte sich «Boycott Nestlé», eine Bewegung, die bis heute viele Anhänger hat.

Die Supermarktkette Edeka, die in den vergangenen Wochen im Preiskampf mit den Schweizern zahlreiche Produkte aus dem Sortiment nahm, knüpfte an diese Aktivisten an, womöglich nicht ganz unabsichtlich. Dutzende Skandale – von der Privatisierung von Trinkwasser über schädliches Tierfutter bis zu der Rodung des Regenwalds zur Palmölgewinnung – haben dazu geführt, dass das Image des Lebensmittelkonzerns durchwachsen ist. Immer wieder fragen sich Journalisten: Wie «böse» ist der Konzern, mit dem viele Konsumenten täglich zu tun haben, wirklich?

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Klar ist: Für Nestlé sind diese Fragen unangenehm – besonders wenn sie sich auf emotionale Bilder oder Kaufboykotte beziehen. Während sich die Aktionäre langsam in den grossen Saal bewegen, wartet zwei Stockwerke höher ein gigantisches Presseteam auf eine Handvoll Journalisten. Auf einem grossen Bildschirm läuft Werbung: biologische Landwirtschaft in den USA, heile Familien in Südamerika, eine Gruppe halbwüchsiger Flegel beim Motorradkauf in Katar.

Mitarbeiter aus aller Welt

Gerade werden auf Ungarisch die Vorteile der Maggi-Fertigbolognese gepriesen, als der Kellner den nächsten Gang des Flying Buffet vorbeibringt – und ein Mitglied des Presseteams mit strahlendem Lächeln seine Visitenkarte überreicht. Genau wie die Werbespots auf dem Bildschirm kommen die Angestellten aus allen Ländern der Welt. Diversity, das Prinzip, wonach möglichst gemischte Teams zu den besten Ergebnissen führen, wird zumindest auf den mittleren Hierarchieebenen gelebt.

Jeder hier betont: Nestlé ist ein anderes Unternehmen als vor zehn oder zwanzig Jahren. Umweltbewusstsein, Arbeitnehmerrechte und soziale Verantwortung hätten inzwischen einen extrem hohen Status im Konzern. Jahresbericht und Homepage illustrieren guten Willen: Bis zum Jahr 2025 will Nestlé alle Verpackungen recycelfähig machen. Konservierungsstoffe, Farbstoffe und Zucker sollen «natürlichen Aromen» weichen, statt auf süchtigmachende Geschmacksverstärker will der Lebensmittelhersteller in Zukunft auf Gesundheit, Pflege, Lifestyle setzen. Dazu passen auch die Verschiebungen der letzten Zeit: Süsswaren wurden abgestossen, Fairtrade-Kaffee-Produzenten eingekauft.

Bilder: Nestlés CEOs

Statements wie jene vom früheren Unternehmenschef Paul Brabeck, der sich Anfang der 2000er-Jahre viel beachtet und viel kritisiert mit der Aussage herauswagte, es gebe kein Menschenrecht auf Trinkwasser, sind heute undenkbar. Der Konzern erkennt das Recht auf Wasser an, hat unternehmensweite Richtlinien zur Umsetzung erarbeitet. Ist die Geschichte vom bösen Buben Nestlé, die jahrzehntelang die Menschen in allen 194 Ländern der Welt beschäftigte, damit zu Ende?


«Menschenrechte und Umweltstandards werden oft nur dann relevant, wenn Skandale ökonomische Folgen haben.»
Oliver Classen, Public Eye

Es hat sich etwas verändert, sagen die Aktivisten, aber es zähle weiter nur der Profit Oliver Classen, Sprecher der Nichtregierungsorganisation Public Eye, beobachtet Nestlé seit vielen Jahren. Er ist überzeugt: Das neue Image ist nicht viel mehr als Kosmetik. «Ich will nicht bestreiten, dass sich an der einen oder anderen Stelle etwas verändert hat», sagt Classen. «Aber der Grundsatz bleibt gleich: Menschenrechte und Umweltstandards werden oft nur dann relevant, wenn Skandale ökonomische Folgen haben.» Public Eye hat Berichte zum Dieselskandal, Rohstoffabbau, Goldhandel oder Kakao-Konzernen wie Nestlé veröffentlicht. Doch um etwas zu verändern, brauche es mehr als Recherche.

«Was wir sehen ist: Erst eine grosse Katastrophe wie jene in Bangladesh, wo vor fünf Jahren eine Fabrik einstürzte und Tausende Näherinnen unter sich begrub, bringt die Dinge wirklich in Bewegung.» Nestlé wollte sich zu diesen Fragen nicht äussern. Zwar haben die Skandale der vergangenen Jahre manches verändert – Berichte über verunreinigtes Tierfutter, aggressive Milchpulverwerbung oder erhöhte Bleiwerte in Fertiggerichten gab es aber auch noch in den vergangenen drei Jahren.

Public Eye, der Angstgegner

Weshalb die NGO von Oliver Classen nicht lockerlässt. Sie hat sich in den vergangenen Jahren zum Angstgegner grosser Schweizer Unternehmen entwickelt. Auch bei der Generalversammlung in Lausanne wird einer ihrer Vorstösse besprochen. Die Konzernverantwortungsinitiative will erreichen, dass Schweizer Unternehmen in der Schweiz verklagt werden können, wenn sie irgendwo auf der Welt gegen Umweltstandards oder Arbeitnehmerrechte verstossen. Nestlé bekämpft die Initiative. Wenn sie zum Gesetz würde, könnte das «unsere Art, Werte zu schaffen erheblich gefährden», warnt der Verwaltungsratspräsident.

Alexander und seine Freundin sind nachdenklich geworden. Erst kürzlich waren sie in Thailand im Urlaub, da sei ihnen «das mit dem Wasser» auch aufgefallen. Ausschliesslich Nestlé-Flaschen, viel Plastik, eher teuer. «Aber es gab nichts anderes. Und dann kauft man eben Nestlé.»

Erstellt: 10.05.2018, 17:27 Uhr

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