Harvey könnte auch in der Schweiz das Benzin verteuern

Bei längerem Ausfall der Raffinerien in Texas könnte sich das Benzinangebot verknappen - mit Folgen für die Schweiz.

Hurrikan Harvey brachte in Texas schwere Überschwemmungen.

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Müssen die Schweizer Autofahrer wegen dem Hurrikan Harvey, der in den US-Bundesstaaten Texas und Louisiana für erhebliche Verwüstungen gesorgt hat, mit höheren Benzinpreisen rechnen? «Mittelfristig könnte Harvey schon Auswirkungen haben, wenn die Raffinerien an der amerikanischen Golfküste für mehrere Wochen ganz oder teilweise stillgelegt bleiben», sagt David Suchet, Sprecher der Erdöl-Vereinigung (EV). «In dieser Zeit wird Europa einen Teil der Versorgung übernehmen und die USA mit Benzin beliefern.» Das Angebot an Treibstoff diesseits des Atlantiks werde sich dadurch wohl verringern. «Aber davon sind wir jetzt noch weit entfernt», beruhigt Suchet.

Ausschlaggebend für den heimischen Benzinpreis, so der EV-Sprecher, seien die Spotpreise in Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam. Darüber hinaus spielen der Dollar-Franken-Wechselkurs sowie die Frachtkosten auf dem Rhein eine bestimmende Rolle. Die derzeitigen Regenfälle sollten sich laut Suchet günstig auf die Transportkosten auswirken, machten es doch die steigenden Pegelstände des Rheins möglich, grössere Ladungen auf den Kähnen zu befördern.

Verlockende Preissteigerungen

Derweil bemühen sich Schiffsbroker in Europa, die nötigen Kapazitäten für den Benzintransport in die USA und nach Lateinamerika zu buchen. Länder wie Mexiko und Brasilien beziehen von US-Raffinerien, hauptsächlich von solchen an der Golfküste, Benzin und Diesel im Umfang von 1 Million Fass pro Tag (1 Fass 159 Liter). Mexiko deckt etwa die Hälfte seines Benzinbedarfs beim nördlichen Nachbarn.

Laut Medienberichten sollen in den nächsten Tagen gegen 50 Tanker von europäischen Häfen in die USA aufbrechen. Ihre genaue Destination ist in vielen Fällen noch nicht bekannt. Ob die Schiffe ihre Ladungen an der amerikanischen Ost- oder Golfküste oder gar erst in einem südamerikanischen Hafen löschen werden, entscheidet sich unterwegs auf dem Atlantik - je nach Versorgungssituation in den verschiedenen Regionen und der Funktionstüchtigkeit der Hafen- und Raffinerieanlagen an der texanischen Südküste.

Bilder: Harvey setzte Houston unter Wasser

Die hastige Umleitung der Benzinlieferungen nach Amerika geschieht nicht in einem Akt selbstloser Hilfe. Die Anreize hierfür gehen vielmehr von den Produktpreisen aus. So sind die Notierungen für Benzin-Terminkontrakte in den USA mit Lieferung im Oktober allein am Donnerstag um 14 Prozent in die Höhe geschossen; verglichen mit den Preisen vor dem Eintreffen von Harvey, beträgt die Verteuerung mehr als ein Drittel. Auch die Besitzer der Tankerflotten können sich die Hände reiben: Die Mieten ihrer Schiffe haben sich in Grossbritannien im Laufe der Woche annähernd verdoppelt.

Ausfallende Pipelines

Auslöser für den jüngsten Benzinpreisschub in den USA war die Ankündigung zur Wochenmitte, dass die Colonial-Pipeline ihren Betrieb stark zurückfahren wird. Grund dafür sind nicht Sturmschäden, sondern zu geringe Benzindurchleitungen seitens der Raffinerien in Texas und Louisiana. Betroffen ist einer der bedeutendsten Versorgungsstränge in den USA: Durch die Colonial-Pipeline fliessen jeden Tag fast 400 Millionen Liter Benzin, Diesel und Flugtreibstoff von Houston/Texas an die US-Ostküste. Zuvor war schon die Explorer-Pipeline, die sich von Houston bis nach Chicago erstreckt, grösstenteils vom Netz genommen worden.

Was mit Harvey als regionales Katastrophenereignis begann, zeitigt jetzt - über die Treibstoffversorgung - Folgen für die USA insgesamt. Mit womöglich globalen Ausstrahlungen bis hin zu den Automobilisten in der Schweiz. Ob es so weit kommt, hängt davon ab, wann die US-Raffinerien ihren vollen Betrieb wieder aufnehmen können. Der Ausblick ist wenig ermutigend: Nach jüngsten Medienberichten ist fast ein Drittel der Raffineriekapazität in den USA sturmgeschädigt. Und die Raffinerien, die arbeiten könnten, erhalten kein oder zu wenig Öl, weil die texanischen Ölterminals in Port Houston und Corpus Christi erst wieder instand gesetzt werden müssen.

Video: Harvey flutet Garage innert Stunden

Ein Zeitraffer-Video zeigt, wie schnell das Wasser anstieg.

Erstellt: 02.09.2017, 20:15 Uhr

Eine halbe Million zerstörter Fahrzeuge

Nach dem Hurrikan Harvey will die US-Autobranche rasch wieder auf Touren kommen. Der befürchtete Absatzdämpfer im August soll in den folgenden Monaten mehr als wettgemacht werden. Hersteller und Händler rüsten sich für einen Nachfrageschub, da viele der von den Überschwemmungen in Texas zerstörten Wagen ersetzt werden müssen. Schätzungen zufolge könnte es um bis zu 500 000 Autos gehen.

«Unsere Kunden haben eine Menge Fahrzeuge verloren, für die wir Ersatz liefern müssen», sagte Manager Pete DeLongchamps vom drittgrössten US-Autohändler Group 1 Automotive. Das Unternehmen habe seine etwa 25 Autohäuser in der Region Houston und Beaumont bereits wieder geöffnet.

Group 1 selbst habe durch die Katastrophe nur relativ wenige Autos verloren. Dies sei den Sicherheitsvorkehrungen zu verdanken, die man nach dem Hurrikan Katrina aus dem Jahr 2005 getroffen habe. So seien die Wagen des Händlers vor Harvey in höher gelegene Gebiete gebracht worden.

Ähnlich verfuhr der grösste US-Autohändler AutoNation, dessen 17 Filialen in Houston nach Auskunft eines Sprechers ebenfalls wieder geöffnet sind. Nun gehe es darum, zusätzliche Autos aus anderen Regionen dorthin zu bringen. AutoNation hofft darauf, dass das Geschäft Mitte bis Ende September anspringen wird, wenn zahlreiche Kunden die Schadensfälle mit ihren Versicherern geklärt haben.

Auch General Motors will die Fuhrparks in Houston mit Neu- und Gebrauchtwagen auffüllen, wie ein Konzernsprecher sagte. Rivale Ford ist nach eigenen Angaben noch dabei, Schäden und Lagerbedarf zu ermitteln.

Die Konjunktur in der Autobranche hat sich in den USA zuletzt abgekühlt. Längerfristig könnte die Industrie aber vom Tropensturm profitieren. (SDA)

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