«Hat Thiam die Credit Suisse noch im Griff?»

Finanzplatz-Reporter Holger Alich beantwortet die wichtigsten Fragen zur Bespitzelungsaffäre bei der CS, nachdem die Grossbank heute in die Offensive ging.

Holger Alich beantwortet die wichtigsten Fragen zum CS-Skandal.

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Holger Alich, die Credit Suisse hat informiert (zum Konferenz-Ticker). Ist die Bespitzelungsaffäre für die Bank jetzt ausgestanden?
Meiner Meinung nach nicht. Offiziell wusste der CEO Tidjane Thiam nichts von der Aktion (zur News). Doch diese Version ist wenig glaubwürdig, denn der COO der Bank, Pierre-Olivier Boueé, hat nach offiziellen Angaben die Überwachung von Iqbal Khan angeordnet. Bouée gilt als einer der engsten Mitarbeiter von Bankchef Thiam, und es ist wenig glaubwürdig, dass die Nummer zwei einer Bank eine solche Aktion startet, ohne dass sein Chef etwas davon erfahren würde.

Immer wieder sind jetzt Informationen an die Öffentlichkeit gelangt. Ist es denkbar, dass das wieder geschieht und Tidjane Thiam doch empfindlich getroffen wird?
Das ist schwer zu sagen, weil nur wenige wissen, was sich wirklich abgespielt hat. Es gibt in der ganzen Affäre auch keine schriftlichen Belege. Es stellt sich aber die Frage, ob Tidjane Thiam seine Bank noch im Griff hat. Wie kann es sein, dass eine solche Aktion ohne seine Kenntnis gestartet werden konnte? Das ist für Thiam eine schwere Hypothek.

Gibt es nach den Informationen von heute früh noch weitere offene Fragen?
Ja. Zum Beispiel muss sich zeigen, wie die Mitarbeiter auf diese Informationen reagieren. Auch die Angestellten werden vermutlich Zweifel an der offiziellen Darstellung haben, und ich kann mir vorstellen, dass viele das frustriert. Des weiteren wird es meiner Ansicht nach so sein, dass bei allfälligen zukünftigen Problemen immer wieder nach der Bespitzelungsaffäre gefragt werden wird, weil die Glaubwürdigkeit von Thiam jetzt sehr stark in Zweifel gezogen wurde. Wie gesagt, das ist eine schwere Hypothek, die sich die Bank da aufgeladen hat.

Wir haben jetzt von CEO Tidjane Thiam gesprochen. Wie hat Verwaltungsratspräsident Urs Rohner heute auf der Pressekonferenz gewirkt?
Er wirkte recht sicher und war offensichtlich um Schadensbegrenzung bemüht und darum, dass die ganze Sache nicht noch weiter eskaliert. Die Medienkonferenz dauerte darum auch nur eine halbe Stunde. Dass er darum versucht, die Affäre möglichst schnell ad acta zu legen, ist nachvollziehbar, dürfte ihm aber nicht einfach so gelingen.

Wie angeschlagen ist Urs Rohner?
Er hat, wie die ganze Bankspitze, keine sehr gute Figur gemacht in den letzten Tagen. Urs Rohner hatte die Wahl. Erstens: Er kann den CEO Thiam entlassen. Das hätte die Credit Suisse allerdings in eine grosse Krise gestürzt. Zweitens: Er kann den CEO in seinem Amt belassen und an der Version festhalten, dass Thiam nichts gewusst habe. Das schadet dann aber der Glaubwürdigkeit des CEO. Wie wir wissen, hat sich Rohner für die zweite Option entschieden.

Zum Schluss das grosse Bild: Was bleibt von dieser Affäre?
Ich denke, dass hier der ganze Schweizer Finanzplatz einen Schaden davontragen wird. Denn diese Affäre ist nicht nur peinlich, sondern sie hinterlässt auch eine ganze Reihe offener Fragen. Die Credit Suisse hat sich einen erheblichen Reputationsschaden eingehandelt und den Ruf ihres CEO beschädigt. Und ich kann mir, wie gesagt, vorstellen, dass sich jetzt einige Mitarbeiter fragen werden, ob sie weiterhin für so ein Unternehmen tätig sein möchten. Ich glaube nicht, dass die Sache jetzt schon ausgestanden ist.

Erstellt: 01.10.2019, 12:23 Uhr

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