Hausgemachte Pommes-Chips-Krise

Japan ist ein Land des Überflusses. Trotzdem fehlt es immer wieder an Butter. Oder wie jetzt an Pommes Chips. Wer ist daran schuld?

Überwiegende Leere im Chips-Regal: Supermarkt in Tokio. Foto: Alamy

Überwiegende Leere im Chips-Regal: Supermarkt in Tokio. Foto: Alamy

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Die Butterversorgung ist in den letzten neun Jahren mehrfach auf eine Art und Weise eingebrochen, wie man sie sich in einem so reichen Land eigentlich nicht vorstellen kann. Obwohl die Japaner wenig Butter essen und kaum backen, verschwindet sie seit 2008 immer wieder aus den Supermärkten, vor allem vor Weihnachten. Sobald Butter auftaucht, füllen die Kunden ihre Einkaufskörbe, als müssten sie gleich einen Vorrat fürs ganze Jahr anlegen. Viele Läden geben deshalb nur eine einzige 200-Gramm-Packung pro Kunde ab. Sie können allerdings nicht verhindern, dass die Leute in den Shops hinten raus- und vorne wieder reingehen.

Ministerium steuert Produktion

Japan verbraucht jährlich gegen 80'000 Tonnen Butter, etwa 650 Gramm pro Kopf (die Schweizer verzehren etwa das Zehnfache), es produziert aber nur etwa 65'000 Tonnen. Das Landwirtschaftsministerium steuert die Produktion seit 50 Jahren – planwirtschaftlich. Der Import von Butter ist nicht verboten, aber die Zölle sind so hoch, dass sich die Einfuhr für Unternehmen kaum lohnt.

Werden mehr als 11'555 Tonnen importiert, schnellen die Zölle noch zusätzlich nach oben. Damit will Tokio Japans Milchproduzenten schützen. Mit dem gleichen Ziel liess das Ministerium, als vor elf Jahren eine Milchschwemme drohte, etwa 1000 Tonnen Milch vernichten und viele Milchkühe schlachten. Mit der Aktion schoss es über das Ziel hinaus. Zwei Jahre später fehlte erst­mals Butter.

Auch bei Kartoffelchips behindert die Regierung den Markt. Chips gibt es in Japan in vielen Varianten: mit Zwiebel-, Wasabi -, Knoblauch-, Paprika-, Shrimps- und vielen weiteren Geschmäckern. Für Chips braucht es spezielle Kartoffelsorten, und die Knollen müssen frisch sein. In Hokkaido war die Ernte letztes Jahr schlecht, zudem hören immer mehr Bauern auf. Im Schnitt ist der japanische Bauer 66 Jahre alt.

Die neue Kartoffelernte kommt erst Ende Mai

Weil sie nicht genug Kartoffeln auftreiben können, mussten Calbee und Koike-ya, die zwei grössten Chipshersteller, ihre Produktion drosseln. Die neue Ernte kommt erst Ende Mai. Vor allem in den sogenannten Konvini, den 24-Stunden-Läden, in denen jene Leute, die nicht kochen, ihre Snacks kaufen, herrscht Chips-Mangel. In den Supermärkten gibt es sie noch eher. Aber natürlich horten die Leute jetzt Chips.

Klar könnte Japan Kartoffeln ein­führen. Die Bauern aus Idaho warten nur darauf. Aber die Einfuhr von Kartoffeln ist noch komplizierter als der Import von Butter. Die Regierung erhebt nicht nur Zölle, sie behauptet auch, in der Erde, die an frischen Kartoffeln klebe, könnten Krankheitserreger stecken. Deshalb besteht sie auf einer Art Quarantäne.

Bis 2006 importierte Japan überhaupt keine Kartoffeln. Das begann erst auf Druck der Amerikaner, die sich schon vor Trump über Nippons Agro-Protektionismus ärgerten.

Die Pommes-Chips-Krise hat freilich noch eine weitere Dimension. Calbee betreibt in Hiroshima ein Werk, das Importknollen aus den USA verarbeiten darf. Dennoch läuft es nicht auf vollen Touren. Es fehlen Arbeiter, vor allem Ungelernte. In Japan herrscht in meh­reren Branchen Arbeitskräftemangel, auch im Baugewerbe, in der Landwirtschaft und in der Fischerei. Die Regierung lässt im Prinzip keine Arbeitsimmigration zu.

Autoindustrie will Brasilianer

In Wirklichkeit schafft es zum Beispiel die Elektronikindustrie, Filipinos, meist Frauen, als Zeitarbeiterinnen ins Land zu holen. Die Automobilindustrie beschäftigt bevorzugt japanischstämmige Brasilianer. Auf Fischerbooten besteht die Mannschaft zuweilen ganz aus Indonesiern. Sie schuften angeblich zur Ausbildung, dafür erhalten sie ein Praktikantenvisum und einen Lohn, der weit unter dem japanischen Mindestlohn liegt. Sie seien ja zum Lernen da. Calbee jedoch scheint keinen solchen Dreh gefunden zu haben. Die Löhne zu er­höhen, um Arbeiter anzuwerben, dagegen sperrt sich die japanische Wirtschaft kollektiv.

Erstellt: 16.05.2017, 21:04 Uhr

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