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Hayek erwägt Schadenersatzklage

Im Streit mit der Swatch Group knickten die Wettbewerbshüter zwar ein – für den Konzern ist es aber nur ein halber Erfolg.

Jon Mettler
Swatch-Group-Chef Nick Hayek legt sich mit den Wettbewerbshütern an. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)
Swatch-Group-Chef Nick Hayek legt sich mit den Wettbewerbshütern an. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Es sollte ein wegweisender Entscheid der Wettbewerbshüter für die Schweizer Uhrenindustrie sein. Herausgekommen ist ein unentschlossenes Urteil, das in der drittwichtigsten Exportbranche der Schweiz eher für Kopfschütteln als für Klarheit sorgt.

Die Eidgenössische Wettbewerbskommission hat dem Bieler Uhrenkonzern Swatch Group ein faktisches Verbot auferlegt, im kommenden Jahr mechanische Uhrwerke an bedeutende Konkurrenten wie Breitling und Richemont zu liefern. Das gab die Behörde am Donnerstag bekannt. Davon ausgenommen sind indes mittelständische Betriebe mit bis zu 250 Mitarbeitern.

Uhrwerke sind das Herzstück von Zeitmessern. Sie bringen Uhren überhaupt erst zum Ticken.

Uhrwerke sind das Herzstück von Zeitmessern und deshalb ein wichtiger Bestandteil. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)
Uhrwerke sind das Herzstück von Zeitmessern und deshalb ein wichtiger Bestandteil. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Für kleine Marken überwiegt die Unsicherheit, ob sie rechtzeitig an die begehrten Bestandteile kommen. «Normalerweise geben wir die Bestellungen im Sommer auf und erhalten die Lieferung in der darauffolgenden Periode von Februar bis März», sagt François Zahnd, Chef von Fashiontime. Zum Unternehmen in Nidau bei Biel gehören Marken wie Votum und Aurea.

Wartezeiten für Uhrenliebhaber

Nun müsse die Swatch Group die Produktion erst anwerfen, da sie bis zum Entscheid der Wettbewerbskommission zugewartet habe. Zahnd rechnet deshalb damit, dass er im kommenden Jahr die Uhrwerke für seine Produkte verspätet erhält. «Das würde bedeuten, dass unsere Kunden auf ihre bestellten Uhren warten müssen.»

Breitling teilt mit, dass die Marke für das Jahr 2020 den Bedarf an Uhrwerken mit der Produktion eigener Kaliber und zugekaufter Werke abdecken könne. «Wir hoffen, dass die Wettbewerbskommission im Sinne der Uhrenindustrie schnell entscheidet und dabei den Bezug von ETA-Werken wieder erlaubt», sagte eine Sprecherin von Breitling.

Richemont wollte keine Stellung nehmen.

Die Massnahme tritt am 1. Januar 2020 in Kraft und gilt so lange, bis die Wettbewerbskommission einen endgültigen Entscheid getroffen hat. Ein solcher sei voraussichtlich für den kommenden Sommer zu erwarten, sagt Kommissionsdirektor Patrik Ducrey.

Der Markt für mechanische Uhrwerke soll 2020 vollständig liberalisiert werden. Mit ihrem Eingreifen will die Wettbewerbskommission erreichen, dass Uhrenmarken ihre Abhängigkeit von der Swatch Group verringern. Die Konzerntochter ETA im solothurnischen Grenchen stellt die Uhrwerke her. Zum Weltmarktführer gehören aber auch Marken wie Breguet, Omega, Longines und Swatch.

Ursprünglich wollten die Wettbewerbshüter gegen die Swatch Group ein komplettes Lieferverbot für Uhrwerke verhängen, das heisst: für grosse Abnehmer und auch für kleine bis mittelgrosse Marken. Diese Absicht sickerte am vergangenen Wochenende durch, was öffentlichen Druck auf die Behörde erzeugte. Davon aufgeschreckt, ruderte die Wettbewerbskommission offenbar zurück und vertagte den definitiven Entscheid.

Trotzdem ist der Konzernchef der Swatch Group verärgert. Nick Hayek kritisierte den Entscheid der Wettbewerbskommission als «unverständlich und inakzeptabel». Die Behörde mische sich in die Wirtschaftspolitik ein, womit sie ihre Befugnisse überschreite und verletze. Die Swatch Group werde vorübergehend aus dem Markt gedrängt.

Ein Vorwurf, den Kommissionsdirektor Ducrey zurückweist. Er sei sich nicht sicher, ob es wirklich zu einer Unterversorgung mit Uhrwerken komme.Grosse Marken hätten ihre Lager gefüllt, und es gebe einen Graumarkt. Damit gemeint ist, dass sich die Uhrenhersteller bei Engpässen untereinander aushelfen – abseits der offiziellen Vertriebswege.

Swatch Group kündigt Rekurs an

Falls der endgültige Entscheid der Wettbewerbshüter ungünstig für die Swatch Group ausfällt, wird die Gruppe zuerst ans Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen und wenn nötig ans Bundesgericht in Lausanne als letzte Instanz gelangen, kündigte die Swatch Group an.

«Die Wettbewerbskommission erweist der Schweizer Uhrenindustrie einen Bärendienst.»

Patrik Schwendimann, Finanzanalyst ZKB

Weiter behält sich der Konzern vor, entstandene Schäden geltend zu machen. Mit anderen Worten: Die Swatch Group prüft eine Schadenersatzklage gegen die Eidgenossenschaft, sollte die Firma auf dem Rechtsweg unterliegen. Insider schätzen, dass die Swatch Group mit Uhrwerken für Dritte einen Erlös von rund 50 Millionen Franken bei einem jährlichen Gesamtumsatz von 8,4 Milliarden Franken erwirtschaftet.

Deutliche Worte finden ebenfalls Branchenkenner: «Die Wettbewerbskommission erweist der Schweizer Uhrenindustrie einen Bärendienst», so Finanzanalyst Patrik Schwendimann von der Zürcher Kantonalbank. Er verweist auf die schwierige Situation, in der sich die Branche aktuell befindet.

Die Konkurrenz profitiert

Nebst der anhaltend rückläufigen Nachfrage im Schlüsselmarkt Hongkong im November sind die Marken einer starken Konkurrenz durch Smartwatches ausgesetzt. Ungewissheiten über Lieferungen von wichtigen Bestandteilen kommen da zu einem ungünstigen Zeitpunkt.

Als Profiteur der neuen Ausgangslage dürfte die Sellita Watch Co. im neuenburgischen LaChaux-de-Fonds hervorgehen. Die Herstellerin von mechanischen Uhrwerken hat sich als wichtigste Konkurrentin zur Swatch Group etabliert.

Analyst René Weber von der Privatbank Vontobel geht davon aus, dass Sellita pro Jahr 1,2 Millionen Stück produziert. Die Swatch Group stellt in erster Linie für den Eigenbedarf her und verkauft rund eine halbe Million Uhrwerke an Drittfirmen.

Uhrenhersteller zweifeln aber daran, dass sie rasch auf Sellita ausweichen können. «Das Unternehmen kann nicht einfach per Knopfdruck 100’000 Uhrwerke zusätzlich produzieren», sagt der Inhaber einer kleinen Marke aus dem Kanton Bern. «Ich gehe davon aus, dass die Firma zumindest für das kommende Jahr bereits ausgelastet ist.»

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