Heilmittel statt Kitkat

Der Nestlé-Konzern stehe vor grossen Umbrüchen, hiess es diese Woche. Doch die Riesenfirma hat keinen Anlass, sich neu zu erfinden.

Nestlé will fortan eher auf Heilmittel als auf Süssigkeiten setzen: Geschlossener Glace-Kiosk an der Küste Englands. Foto: Robert Wilkinson (Alamy)

Nestlé will fortan eher auf Heilmittel als auf Süssigkeiten setzen: Geschlossener Glace-Kiosk an der Küste Englands. Foto: Robert Wilkinson (Alamy)

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Mit Nestlé-Aktien kann man kaum Geld verlieren. Wer die Wertpapiere nicht gerade zu den unmöglichsten Zeitpunkten gekauft und wieder veräussert hat, ist mit ihnen jedenfalls immer gut gefahren. Weil sie so gut wie kein Verlustrisiko bergen und jedes Jahr eine höhere Dividende abwerfen, gelten sie auch als «Witwen- und Waisenpapiere» – als sichere Aktienwerte also, die rentenähnlich Erträge generieren und sich auch für Laienanleger eignen.

Diese Woche ist die Solidität des Nahrungsmittelkonzerns mit Sitz in Vevey aber infrage gestellt worden. Am Sonntag hatte der US-amerikanische Investor Daniel Loeb in einem Brief zahlreiche Forderungen an die Nestlé-Führung gerichtet. Da Loeb mit seinem Hedgefonds Third Point als einer der Besten seines Schlags gilt und als aktivistischer Anleger schon bei anderen Konzernen erfolgreich auf eine Neupositionierung des Geschäfts gedrängt hatte, machte der Kurs der Nestlé-Aktie einen Sprung nach oben. Nur zwei Tage danach wandte sich die Konzernführung an die Anleger, skizzierte die zukünftige Strategie und kündigte zudem ein umfangreiches Aktienrückkaufprogramm mit einem Umfang von über 8 Prozent der Börsenkapitalisierung an. Der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt schien vor dem Investor aus den USA, der gerade einmal etwas mehr als 1 Prozent an Nestlé hält, gekuscht zu haben.

Bückling vor Daniel Loeb?

Die Öffentlichkeit reagierte kritisch: Bald schon tauchte der Begriff Finanzmarkt-Showdown auf. Von einem «Bückling vor Raider Loeb» war die Rede. Der Gegensatz zwischen dem zurückhaltenden Nestlé-Chef Ulf Mark Schneider und dem «Finanz-Glamourboy» Daniel Loeb wurde herausgestrichen. Und schliesslich wurde prophezeit, dass beim Nahrungsmittelmulti kein Stein auf dem anderen bleiben und sich Nestlé vollends aus dem Geschäft mit Süssigkeiten und Tiefkühlkost verabschieden werde.

Nüchtern betrachtet muss man sagen: So gravierend dürfte der Richtungswechsel nicht ausfallen. Ja, Nestlé ist den Interessen gewisser Akteure auf dem Finanzmarkt entgegengekommen. Der Konzern erhöht die Verschuldung und schraubt an Kennzahlen herum, um Renditegelüsten des Finanzmarkts gerecht zu werden. Sprich: Nestlé macht sich attraktiver, ohne dass auch nur ein Kitkat-Riegel, eine Nespresso-Kapsel oder eine Büchse Babymilchpulver mehr verkauft werden. Die Zahlenkosmetik ist aber nicht allein das Verdienst eines einzigen Hedgefonds-Managers – ähnliche Forderungen an die Adresse Nestlés waren immer wieder zu vernehmen. Sie sind Ausdruck des Spannungsfeldes, in dem sich Nestlé bewegt: auf der einen Seite die langfristige Ausrichtung des Konzerns, dessen oft überraschungsfreies Geschäftsgebaren und die konservative Finanzpolitik, die den Nestlé-Aktien den Nimbus der grundsoliden Anlagepapiere einbrachten. Auf der anderen jene Exponenten am Finanzmarkt, die der Rendite nachjagen und die für jeden investierten Dollar immer gerne noch einen Cent mehr zurückhätten als bisher.

«Bei einem Konzern wie Nestlé gehören Verkäufe dazu.»

Mit ihrer raschen Reaktion auf Loebs Brief hat die Nestlé-Führung klug reagiert. Indem sie die Angelegenheit zum «Finanzmarkt-Showdown» werden liess, stellte sie Loeb zufrieden – für ihn war die Aktion beste Werbung in eigener Sache. Mit der Skizzierung der künftigen Strategie und der angekündigten Anpassung der Kapitalstruktur konnte der Konzern zudem zeigen, dass er die Anliegen der renditejagenden Kapitalgeber ernst nimmt. Nestlé büsst damit zwar etwas an finanzieller Solidität ein. Gleichzeitig behalten Management und insbesondere der seit Anfang Jahr amtierende Konzernchef Schneider den Freiraum, das «Nestlé-Modell» auf die kommenden Jahre auszurichten. Das Modell, das ein jährliches Wachstum von fünf bis sechs Prozent und eine stetige Steigerung der Gewinnmarge sowie der Dividenden vorsieht, ist in den letzten Jahren zwar etwas in Schieflage geraten. Die Resultate waren nicht mehr ganz so glänzend wie einst, und der Aktienkurs entwickelte sich schlechter als jener der Konkurrenten.

Mit der Ernennung von Ulf Mark Schneider zum Konzernchef wurde aber signalisiert: Das Unternehmen ist weiterhin ambitioniert und will sich weiterentwickeln. Und klar ist auch, in welche Richtung der Weg führen dürfte: Schneider kommt aus der Gesundheitsbranche und war zuletzt Konzernchef des Pharma- und Medizintechnikkonzern Fresenius. Keine Überraschung also, dass nun speziell Wachstumsmöglichkeiten mit rezeptfreien Heilmitteln und Gesundheitspräparaten verfolgt werden sollen, wie es in der Medienmitteilung von Nestlé hiess.

Viele Marken bleiben wertvoll

Investieren will Nestlé aber auch weiterhin ins Geschäft mit Kaffee, Heimtierfutter, Säuglingsnahrung und Wasser. Überraschend oder neu ist das nicht – Nestlé zählt eigentlich nur jene Geschäftsfelder auf, die besonders viel Wachstum versprechen. Dass Kapital hauptsächlich in zukunftsträchtige und wachstumsstarke Geschäftsfelder gesteckt wird, bedeutet dennoch nicht, dass Nestlé alles andere aufgibt. Schliesslich verfügt der Konzern sowohl global als auch regional über viele starke und wertvolle Marken. Selbst wenn nicht mehr hohe Wachstumsraten erzielt werden können, Geld verdienen lässt sich damit durchaus noch. Dass solche Geschäftsbereiche immer wieder auf den strategischen Prüfstand kommen und gegebenenfalls verkauft werden, wie aktuell etwas das US-Süsswarengeschäft, ist bei einem Konzern wie Nestlé ein ständig laufender Prozess.

Das vor 150 Jahren gegründete Unternehmen wird sich so weiter wandeln. Etwas konkreter dürften Nestlés Pläne werden, wenn Konzernchef Schneider Ende September am Investorentag auftritt. Anzeichen dafür, dass der Nahrungsmittelriese sich komplett neu positionieren würde, gibt es aber trotz des «Showdowns» dieser Woche keine. Schneiders erste Monate auf dem Chefposten und die bisherigen öffentlichen Auftritte haben gezeigt: Blinden Aktivismus wird es beim Riesen in Vevey auch unter der neuen Führung nicht geben.

Erstellt: 30.06.2017, 20:07 Uhr

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