Gefährliche Pillencocktails im Heim

Neun Medikamente erhalten Menschen in Pflegeheimen im Schnitt. Das kann schwere Nebenwirkungen verursachen.

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Es ist ein eigentlicher Medikamenten-Cocktail, den viele Pflegeheimbewohner in der Schweiz erhalten. Dies zeigt eine neue und erstmalige Auswertung der Krankenversicherung Helsana, die ihre Daten auf die ganze Schweiz hochgerechnet hat. Insgesamt wurden den rund 91'000 Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeheimen im Jahr 2016 Medikamente für 210 Millionen Franken verabreicht. Die Tendenz ist steigend. 2013 hatten sich die Kosten noch auf 194 Millionen belaufen. Die Steigerung dürfte aber vor allem auf die zunehmende Zahl pflegebedürftiger Menschen zurückzuführen sein.

Im Schnitt erhielten die über 65-jährigen Heimbewohner 9,3 verschiedene Medikamente gleichzeitig. Bei den über 65-Jährigen in der Bevölkerung sind es 5,6 verschiedene Präparate, die parallel eingenommen werden. Menschen im Pflegeheim erhalten also deutlich mehr Medikamente. Dies liegt daran, dass Pflegeheimbewohner generell in einem schlechteren Gesundheitszustand sind. Zudem werden sie intensiver betreut.

Als problematisch stuft die Studie ein, dass bei 85 Prozent der Pflegeheimbewohner gleichzeitig 5 oder mehr Medikamente verabreicht werden (Polypharmazie). Ab dieser Schwelle steigt das Risiko unerwünschter Arzneimittelwirkungen, die zu gesundheitlichen Problemen führen. Ältere Menschen bauen die Medikamentenwirkstoffe langsamer ab, sodass sich diese im Körper ansammeln.

Stürze wegen Schlafmitteln

Alarmierend ist auch, dass laut dem Bericht 80 Prozent der Heimbewohner mindestens ein Medikament erhalten, das einen potenziell inadäquaten Wirkstoff (PIM) enthält. Solche Medikamente haben bei älteren Menschen häufig unerwünschte, zum Teil schwere Nebenwirkungen und können zu erhöhter Sterblichkeit führen. «Auf solche Medikamente sollte eigentlich verzichtet werden», sagt die Ärztin Eva Blozik, die bei Helsana in der Versorgungsforschung arbeitet. «Denn häufig schaden diese Medikamente mehr, als sie nützen.» Zu den inadäquaten Wirkstoffen zählt der Bericht Quetiapin, Diclophenac, Zolpidem und Lorazepam. Letztere werden als Schlafmittel eingesetzt und können bei längerer Einnahme abhängig machen. Benzodiazepine wie Lorazepam führen häufig zur Verschlechterung des Gedächtnisses und erhöhen die Gefahr von Stürzen, wobei sich Betagte etwa Schenkelhalsbrüche zuziehen können.

Der kostenintensivste aller im Pflegeheim eingesetzten Wirkstoffe ist Quetiapin. Dieser ist für die Behandlung von Schizophrenie und bipolaren Störungen vorgesehen. In den Pflegeheimen werde dieses Neuroleptikum jedoch vorwiegend Patienten abgegeben, die unter Schlafstörungen, psychomotorischer Unruhe oder Verwirrtheitszuständen litten. 15 Prozent der Pflegeheimbewohner erhielten im untersuchten Jahr Quetiapin mindestens dreimal verschrieben, bei Packungsgrössen von 60 oder 100 Tabletten. Der Wirkstoff wurde bei diesen Personen also langfristig eingesetzt.

Quetiapin kann als Nebenwirkung zu parkinsonähnlichen Symptomen führen. Die zu häufige Verschreibung des Neuroleptikums sei Ausdruck eines Dilemmas, in dem sich Mitarbeitende in Pflegeheimen befänden, sagt Blozik. Das Personal habe eine hohe Arbeitsbelastung, sei mit schwierigen medizinischen Situationen konfrontiert und sehe keine andere Möglichkeit, unruhige Patienten zu betreuen. Bei den Benzodiazepinen sei das Problem, dass die Patienten die Medikamente oft bereits vor ihrem Eintritt ins Pflegeheim lange Zeit eingenommen hätten. Ein Entzug sei dann bei hochbetagten, gebrechlichen Menschen meist besonders schwierig.

Umdenken gefordert

Die Zahl der in den Pflegeheimen verabreichten Medikamente sollte reduziert werden, sagt Blozik. Denn bei mehr als 5 bis 6 verschiedenen Präparaten könne häufig nicht mehr eruiert werden, welches Medikament welche Wirkung erzeuge. Unter Umständen werden die Nebenwirkungen als Krankheitssymptom interpretiert und mit einem neuen Medikament behandelt. «Die Patienten im Pflegeheim haben oft so viele medizinische Probleme und Krankheiten, dass Prioritäten gesetzt werden müssen», sagt Blozik. Für jeden Pflegeheim­bewohner müsse ein Therapiekonzept erstellt werden. Unabdingbar sei meistens die Schmerzbehandlung. Ob jedoch bei Patienten mit Mehrfacherkrankungen in jedem Fall beispielsweise ein zu hoher Blutfettwert medikamentös behandelt werden müsse, sei fraglich.

Wichtig sei, dass sich die Pflegeheime um eine Verbesserung der Qualität bemühten. So sollte sich nicht nur ein einzelner Heim- oder Hausarzt um die Medikation kümmern, sondern eine interdisziplinäre Gruppe unter Einbezug des Pflegepersonals, der Apotheker oder der Spezialisten für Altersmedizin.

Aber auch der Medikamentenkonsum der über 65-Jährigen in der Bevölkerung ist mit 5,6 Präparaten hoch. Dies liege daran, dass ältere Menschen generell oft viele chronische Erkrankungen gleichzeitig hätten, die alle mit Medikamenten behandelt würden, so Blozik.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2017, 23:31 Uhr

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