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Her mit dem Vorhang!

Wissenschaftlich wäre es längst bewiesen: Durch Massnahmen zur Gleichstellung erhält man die besseren Mitarbeitern.

Schweizer Forscherin: Iris Bohnet, Professorin für Verhaltensökonmie. Foto: PD
Schweizer Forscherin: Iris Bohnet, Professorin für Verhaltensökonmie. Foto: PD

«Lernen Sie aus Fehlern!» Den Aufruf, den Iris Bohnet, Professorin für Verhaltensökonomie in Harvard am Anfang ihres Buchs platziert, sollte man als Leitfaden durch ihr Buch verstehen – und das eigene tägliche Verhalten ab sofort daraufhin überprüfen: Warum sind wir voreingenommen? Warum werden wir stets aufs Neue Opfer unserer Vorurteile? Und warum verfallen wir Stereotypen, wenn wir Entscheide fällen?

Ohne Fotos gibts die besseren Mitarbeiter

Fast zehn Jahre lang hat die Schweizerin zu diesen Fragen geforscht. Sie wollte Wege finden, diese Verzerrungseffekte zu beseitigen, die unser tägliches Leben und Arbeiten beeinflussen. Denn der wohl gravierendste Verzerrungseffekt führt dazu, dass es mit der Gleichstellung der Geschlechter noch immer sehr schlecht bestellt ist. Die Ökonomin wird nicht müde, zu betonen, dass es wirtschaftlich absolut keinen Sinn ergebe, Frauen aus der Wirtschaft auszuschliessen. Was ihr Buch über die Flut der Publikationen zur Gleichstellung hinaushebt, ist ihr Zugang: keine moralischen Appelle, sondern eine Beweisführung, die auf Studien und Zahlen basiert.

Nichts für Laien also? Im Gegenteil, denn die Beispiele sind anschaulich und einleuchtend. Womit gelang es den fünf besten Symphonieorchestern in den USA, den Anteil der Frauen von 5 auf über 35 Prozent anzuheben? Indem sie Kandidatinnen und Kandidaten hinter Wandschirmen spielen liessen. Die Jury entschied nach Tönen und nicht mehr nach Geschlecht und Hautfarbe. Was der Wandschirm bei Musikern, ist bei der Bewerbung in der Wirtschaftswelt das obligate Foto in den Unterlagen. Studien zeigen: Verzichtet man darauf, erhält man die besseren Mitarbeitenden, weil Geschlecht und Hautfarbe nicht mehr erkennbar sind.

Elternzeit fördert Frauen

Oder: Bei Google haben junge Mütter deutlich häufiger gekündigt als der Durchschnitt der Angestellten. Dann wurde der Elternurlaub eingeführt. Nun bewegt sich die Zahl der Abgänge junger Mütter im Durchschnitt aller Angestellten. Zahlreiche solcher Beispiele breitet Bohnet aus. Als Leserin wundert man sich immer wieder über die im Buch ausgebreitete Fülle von Studien zum Thema Benachteiligung. Das Wissen wäre also da. In der Wirtschaft ist der Anteil an weiblichen Führungskräften aber weiter eklatant klein, und Frauen verdienen viel weniger.

Dabei investieren immer mehr Unternehmen in Diversity-Trainings, um die Vielfalt zu fördern. Bohnet hält nicht viel davon. Vorurteile wegzutrainieren funktioniere so nicht. Man müsse die Rahmenbedingungen verändern. Oder – um bei den aufgeführten Beispielen zu bleiben: Der Wandvorhang zwingt zur reinen Bewertung von Fähigkeiten. Die konsequente Auswertung von Daten durch Personalabteilungen kann enorme Kosten sparen.

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