Hoffnung für das kranke US-Gesundheitswesen

Die US-Politik hat versagt. Deshalb steuern drei führende Firmen auf ein europäisches Modell der Krankenversicherung zu.

Krebspatient in einem Spital im US-Bundesstaat Louisiana. Foto: Luke Sharrett (Bloomberg, Getty)

Krebspatient in einem Spital im US-Bundesstaat Louisiana. Foto: Luke Sharrett (Bloomberg, Getty)

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Die Pläne von Jeff Bezos, Warren Buffett und Jamie Dimon trafen die grossen Spieler im Gesundheitsmarkt unerwartet und tief. Krankenversicherer, Apotheken und die ebenfalls ­profitorientierten Mittelsmänner verloren an der Börse bis zu acht Prozent, bevor sie sich etwas erholten. Doch die Verunsicherung wird ­anhalten. Mit Amazon, Berkshire Hathaway und J. P. Morgan nehmen drei mächtige US-Konzerne das ­teuerste und ineffizienteste ­Gesundheitswesen der westlichen Welt aufs Korn. Sie steuern für ihre 1,2 Millionen Beschäftigten ein nicht gewinngetriebenes Modell einer Versicherung an, das anderen Unternehmen als Blaupause dienen könnte.

Die grösste Schwäche des ­Gesundheitswesens vergleicht Warren Buffett treffend mit einem «hungrigen Bandwurm», der die ganze Wirtschaft schwächt. Kein Land verrechnet ­höhere Preise für Medikamente, Spital- und Arztleistungen und liefert für die Mehrheit der Patienten vergleichsweise schlechte Resultate. Präsident Obama versuchte, 30 Millionen unterversorgte Bürger zu versichern, was deshalb gelang, weil die Versicherer und Pharmakonzerne noch so gerne zustimmten. Sie ­erhielten mehr und vom Staat ­subventionierte Kunden, ohne dafür etwas von ihrer enormen Marktmacht abtreten zu müssen. Alle Versuche der Regierung, gleich wie in Europa eine Preiskontrolle einzuführen, scheiterten an den ­Lobbyisten und den ­Republikanern im Kongress.

Reiche leben länger

Zufall oder nicht: Buffett und Dimon sind Demokraten, Bezos ein Libertärer. Die Blockade ist für sie unerträglich. Der 87-jährige Buffett und sein ­94-jähriger Compagnon Charles Munger haben genug erlebt, um zu wissen, woran es mangelt. «In fast jedem anderen Sektor zahlt es sich aus, die Kosten zu senken. Wir sind ein reiches Land, wir können uns eine Versicherung für alle leisten», sagt Buffett. Er war vor einigen Jahren an Prostata-Krebs erkrankt, machte eine Bestrahlungstherapie und erholte sich rasch. Zwei Bekannte leiden aber an multipler Sklerose. Ob sie sich die teure ­Behandlung finanziell leisten können, ist unsicher. Das macht nachdenklich: Leute mit guten Einkommen können auch eine starke Versicherung für alle erdenklichen Behandlungen ­abschliessen und leben statistisch gesehen länger.

Dieses Grundübel, sagt Buffett, trage zur wirtschaftlichen und sozialen Ungerechtigkeit bei. Munger sieht das genauso. Auch er will eine Versicherung für alle und verweist auf ein Modell in Kalifornien. Der ­Schiffswerftbesitzer Henry Kaiser zog im Zweiten Weltkrieg ein eigenes und nicht profitgetriebenes Spital auf, um seine Arbeiter zu versorgen. Daraus wurde ein umfassendes Gesundheitswesen mit europäischem Anstrich, das als eines der besten des Landes gilt.

J.-P.-Morgan-Chef Dimon beklagt die hohen Gesundheitskosten und glaubt, dass die drei Firmen zusammen ein Modell entwickeln können, das anderen als Vorbild dienen kann. Amazon-Chef Bezos hat sich bisher nur wenig zum Thema geäussert, sorgte aber vor wenigen Monaten bereits für Aufsehen, als er andeutete, den Onlineversand von Medikamenten zu prüfen und profitorientierte Zwischenhändler wie Express Scripts zu konkurrieren. Mischt er nun zusammen mit den zwei Verbündeten auch den Gesundheitsmarkt auf, so weckt das Hoffnungen und Ängste. Skeptiker befürchten, dass Amazon Zugang zu sehr sensiblen Daten der Versicherten erlangen und damit Kreuzgeschäfte betreiben könnte. Sie verweisen auf Google und dessen gescheiterten Versuch, eine ­Gesundheits-Datenbank zu errichten.

«Gegengewicht zur Politik»

Anderseits haben alle drei Unternehmen eine grosse Erfahrung mit umwälzenden Technologien und eine stark diversifizierte Kundschaft. Buffett besitzt einen führenden Sachversicherer, Dimon kontrolliert mehr ­ Vermögen als jede andere Grossbank, und Bezos setzt den Ton in Sachen Datenspeicherung und künstlicher Intelligenz. Deshalb werden sie «ein starkes Gegengewicht zur Politik bilden», sagt der frühere Apple-­Topmanager John Scully, der nun als eigener Unternehmer mit neuen Technologien bis zu 900 Milliarden Dollar Ballast aus dem Gesundheitssystem entfernen will. 40 Prozent der ­Ausgaben werden gemäss einer Harvard-Studie durch Missbrauch, Betrug, Doppelspurigkeiten und ­bürokratischen Leerlauf verursacht.

Die drei Unternehmer wollen nun Mitarbeiter für ihr Projekt gewinnen und bis Ende Jahr erste Resultate vorlegen. Planungschefin ist Marvelle Sullivan Berchtold. Bevor sie zu J. P. Morgan wechselte, arbeitete sie in Basel acht Jahre für Novartis und war unter anderem für den Kauf der Onkologie-Abteilung von GSK für 16 Milliarden Dollar verantwortlich.

Erstellt: 01.02.2018, 09:57 Uhr

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