«Er setzte sich über unsere Regeln hinweg»

Nach dem jüngsten Eklat bei der Unia steht Chefin Vania Alleva in der Kritik. Im Interview nimmt sie Stellung zu den Vorwürfen.

«Unsere Mitglieder machen die Vorgaben», sagt Unia-Präsidentin Vania Alleva. Foto: Stefan Anderegg

«Unsere Mitglieder machen die Vorgaben», sagt Unia-Präsidentin Vania Alleva. Foto: Stefan Anderegg

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Vania Alleva, Sie sind Präsidentin der Unia Schweiz. Der Präsident der Unia Berner Oberland wurde abgewählt und hat Sie mit Kritik eingedeckt. Wie konnte es so weit kommen?
Im Berner Oberland herrscht seit einem Jahr eine schwierige Situation. Ausgangspunkt war der Rücktritt des früheren Leiters der Oberländer Unia-Einheit. Zum ersten Mal in unserer Geschichte scheiterten wir bei der Suche nach einer Nachfolge. Dann setzte sich der Regionalpräsident über unsere Regeln hinweg und liess eine Wahl durchführen, obwohl niemand offiziell vorgeschlagen war.

Sie haben diese Wahl nicht akzeptiert.
Gegen die Wahl gab es mehrere Beschwerden von Delegierten, und die nationale Geschäftsleitung nahm von einer Anstellung der Kandidaten als Regionalsekretäre Abstand. Wie sich herausstellte: zu Recht. Die ­Beschwerden sind von der unabhängigen Beschwerdekommission gutgeheissen worden.

Warum liess sich der Streit nicht friedlich lösen?
Das ist auch für mich nicht ganz nachvollziehbar. Wir strebten immer eine einvernehmliche ­Lösung an. Aber der ehemalige Präsident lehnte das Gespräch mit der nationalen Geschäftsleitung ab.

Sie geben Hans Ulrich Balmer die Schuld?
Über Herrn Balmers Beweggründe kann ich nichts sagen. Aber nein, an Konflikten ist nie nur eine Person schuld.

Sie sind die mächtigste Frau innerhalb der mächtigsten linken Organisation des Landes und persönlich verantwortlich für die zankende Region. Wieso konnten Sie diese Situation nie entschärfen?
Wir sind eine demokratische Organisation. Die Basis trägt unsere Gewerkschaft, sie gibt die politischen Positionen und Ziele vor. Nur weil ich die nationale Präsidentin der Unia bin, kann ich nicht einfach kommen und sagen: So ist es und nicht anders.

Ihre Kritiker behaupten, dass Sie genau das täten: sich über demokratische Entscheidungen hinwegsetzen.
Das ist falsch. Die Mitglieder sind das Herz unserer Organisation, sie geben die Richtung vor. Und das ist gut so. Aber die Unia funktioniert nicht nur nach einem Mehrheitsprinzip. Unsere Organisation hat Statuten, die ebenfalls demokratisch legitimiert sind. Darüber kann sich niemand hinwegsetzen. Weder ich noch sonst irgendjemand.

Aus dem Innern der Unia dringen immer wieder Berichte über Mobbing, Burn-outs und Streikandrohungen an die Öffentlichkeit. Wie kommt das?
Die Streikandrohung war eine einmalige Sache, vor acht Jahren in Bern.

Also bleiben Mobbing und Burn-outs.
Ich will nicht sagen, dass wir keine Probleme haben. Aber man kann nicht alle Konflikte über denselben Leisten brechen. Interne Auseinandersetzungen sind immer unschön, ihre Ursachen aber sehr unterschiedlich.

Auch gegen Sie wurden am Wochenende Mobbingvorwürfe publik. Worum ging es dabei?
Die Vorwürfe standen im Zusammenhang mit dem Konflikt im Berner Oberland. Das unabhängige Untersuchungsverfahren durch eine externe Stelle, welches für solche Fälle zur Anwendung kommt, kam zum Schluss, dass kein Mobbing vorlag.

Hat die Unia ein Imageproblem, allen voran bei ihren Mitgliedern?
Nein, ich bin überzeugt, dass wir an der Basis kein Imageproblem haben. Aber die Unia hat mehr als 1000 Angestellte, da ist es normal, dass es zu Konflikten kommt. Die gibt es in jeder Organisation dieser Grösse.

Dann unterscheidet sich die Unia nicht von den Arbeitgebern, die sie kritisiert?
Ja und nein. Wir sind auch eine professionell geführte Organisation, die sich Ziele setzt und sich selbst am Erreichen dieser Ziele misst. Aber wir sind kein Konzern! Die Unia orientiert sich an der Stimme von unten, an der Basis.

Sie sagen es selbst: Sie haben Ziele, fordern Effizienz. Gleichzeitig müssen Sie den Willen der Basis umsetzen. Geht das zusammen?
Das ist eine grosse Herausforderung. Aber gewerkschaftspolitische Erfolge wie Lohnerhöhungen oder bessere Arbeitsbedingungen erreichen wir nur dann, wenn unsere Ziele von unseren Mitgliedern und Mitarbeitern getragen werden. Unsere Mitglieder machen die Vorgaben, wir setzen sie um. Dieses Zusammenspiel muss funktionieren, das ist entscheidend für die Durchschlagskraft unserer Organisation.

Erstellt: 09.04.2019, 08:57 Uhr

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