«Der Konsument spielt nur eine Statistenrolle»

Preisüberwacher Stefan Meierhans verteidigt die Massnahmen gegen die Tariferhöhungen im öffentlichen Verkehr.

Bahnfahren wird erneut teurer, während das Auto in den letzten Jahren deutlich günstiger wurde.

Bahnfahren wird erneut teurer, während das Auto in den letzten Jahren deutlich günstiger wurde. Bild: Thomas Egli

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Die ÖV-Preise steigen Ende Jahr um fast 3 Prozent. Wie können Sie sich bei einem solchen Resultat als Sieger fühlen?
Das tue ich auch nicht. Bei solchen Verhandlungen gibt es nicht Sieger oder Verlierer. Wichtig war mir, dass die ÖV-Anbieter realisieren, dass es um Kunden geht und man nicht einfach abkassieren kann.

Das haben Sie aber nicht erreicht. Der Verband öffentlicher Verkehr hat bereits im März eine Preiserhöhung von 3 Prozent in Aussicht gestellt. Und nun werden die Preise genau in diesem Ausmass steigen.
Da muss ich entschieden widersprechen. Wir haben eine Massnahmenpaket mit Ermässigungen im Wert von rund 50 Millionen Franken durchgesetzt. Das können Sie nachprüfen, wenn Sie den ursprünglichen Entscheid und den nun abgeschlossenen Vertrag vergleichen. Dass eine Preiserhöhung kommen wird, war von Anfang an klar und hat damit zu tun, dass die Schienennutzung teurer wurde. Die Bahnanbieter müssen dem Bund 100 Millionen Franken mehr für die Trasse bezahlen.

Die wichtigsten Tarifanpassungen im ÖV
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Mit der Preiserhöhung auf den Generalabos werden jetzt die Stammkunden bestraft. Wieso bieten Sie zu einem solchen Schritt Hand?
Es waren sehr harte und langwierige Verhandlungen, die gleich mehrmals kurz vor dem Abbruch waren und ich davor stand, ein verwaltungsstrafrechtliches Verfahren einzuleiten. Aber eine solche Eskalation hätte der Sache auch nicht gedient. Es stimmt, dass die ursprünglich geplante Preiserhöhung bei den GA zulasten der Stammkunden geht. Genau dieses Problem haben wir nun für 2017 mit entsprechenden Rabatten aber massiv entschärft.

Der Rabatt, den Sie erwähnen, der gilt nur einmal. Nach dem Januar 2018 schlägt dann die Preiserhöhung auf den GA trotzdem voll durch.
Das werden wir noch sehen. Für die Preise zum Fahrplanwechsel 2017/18 verhandeln wir neu.

Sie glauben ja nicht im Ernst, dass die Erhöhungen dann wieder zurückgenommen werden?
Das schliesse ich nicht aus. Wir werden bald Zahlen haben, wie sich die jetzt angekündigten Preiserhöhungen auf die Nachfrage, Frequenzen und Verkäufe auswirken werden. Mit diesen Grundlagen werden wir die nächsten Verhandlungen führen.

Der Verkehrsclub der Schweiz warnt, dass weitere Preiserhöhungen die Leute vom ÖV weg auf die Strasse bewegen wird. Stimmen Sie dem zu?
Absolut. Wir haben Zahlen erhoben, die zeigen, dass das Auto über die letzten Jahre dank günstigem Benzin und starkem Franken beim Import deutlich günstiger geworden ist. Die Schiene ist dadurch im Nachteil.

Die SBB haben erst gerade einen Abbau von Billettschaltern in Aussicht gestellt und wollen nächstens über einen grösseren Stellenabbau informieren. Wieso schlägt sich das nicht in Form günstigerer Preise für den Kunden nieder?
Wenn man ständig fordert, die Unternehmen müssten weniger staatsnah und mehr marktbetont sein, muss man ihnen auch die Freiheit geben, effizienter und kostengünstiger zu produzieren, um den Kostenanstieg mindestens zu dämpfen.

Dennoch stellt sich die Frage, weshalb die Preise steigen?
Die Preiserhöhungen haben keinen betriebswirtschaftlichen Hintergrund, sie sind politisch gewollt. Bei der Fabi-Abstimmung Anfang 2014 wurde der Anteil der Nutzerfinanzierung erhöht. Die Stimmbürger sagten Ja dazu, dass die ÖV-Passagiere sich stärker an den Kosten beteiligen müssen und dass der Infrastrukturbeitrag erhöht wird.

«Ich vermisse eine Tarifpolitik, die längerfristig ausgerichtet und voraussehbarer ist.»

Als Bahnpassagier hat man zuweilen das Gefühl, bei Preisverhandlungen gehe es zu wie auf dem Basar. Da ein Rabatt, dort ein Sparbilllett, und am Schluss wird die geplante Preiserhöhung nur kurzfristig etwas gemildert. Das stärkt nicht gerade das Vertrauen in die Tarifpolitik des öffentlichen Verkehrs.
Das kann ich nachvollziehen. Von aussen ist das schwierig zu verstehen, aber ich versichere Ihnen, es wird vor allem gerechnet, nicht Basar gespielt. Dennoch vermisse ich tatsächlich eine Tarifpolitik, die längerfristig ausgerichtet und voraussehbarer ist. Bei dieser Preisrunde kommen jetzt die Abos dran und nicht die Einzelbillette, die ja schon teuer genug sind. Doch die Frage bleibt, wohin die Reise gehen soll.

Müsste etwa der Bundesrat hier die Linien vorgeben und die Preise bestimmen?
Nein, das wäre nicht der richtige Weg. Der Bundesrat bestimmt ja schon indirekt mit, indem er etwa die Trassenpreise vorgibt. Ausserdem vertritt er als Eigentümer vor allem Eignerinteressen, der Konsument spielt da zwangsläufig nur eine Statistenrolle.

Wo sehen Sie denn die Lösung?
Es braucht einen stärkeren Verband. Beim heutigen Verband öffentlicher Verkehr gehen die Interessen der 200 einzelnen Mitglieder mit Postautos, Seilbahnen, Schiffen, Zügen und den Verkehrsverbünden sehr stark auseinander. Und jedes Sonderzügli kostet extra. Am besten wäre es, wenn es einen einzigen Tarifverbund Schweiz gäbe.

Sie hätten doch die Möglichkeit, hier stärker einzugreifen.
Das mache ich ja. Mein Büro hat zum Beispiel die Idee mit den Sparbilletten eingebracht, die ein Erfolg sind. Wir sind quasi eine günstige Beratungsfirma für den öffentlichen Verkehr.

Erstaunlich, dass Sie die Sparbillette als Erfolg bezeichnen. Die kennt kaum jemand, und sie sind nur zugänglich, wenn man genau weiss, wo man suchen muss.
Die Verkäufe nehmen jedenfalls zu. Und jedes zusätzlich verkaufte Sparbillett hilft letztlich den Deckungsbeitrag der Gesamtkosten zu erhöhen.

Sie haben es bereits erwähnt, bald geht es los mit den nächsten Preisverhandlungen zwischen Ihnen und dem Verband öffentlicher Verkehr. Kommt die nächste Erhöhung?
Im Namen der Kunden hoffe ich das nicht. Wir haben ausgemacht, dass wir uns schon bald zu ersten Gesprächen treffen werden. Und immerhin gibt es Aussagen von SBB-Chef Andreas Meyer und seiner Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar, die beide die Preise senken wollen. Und wenn die Politik Wort hält, dass sie die Leute im öffentlichen Verkehr halten will, bin ich zuversichtlich, dass zwischen 2018 und 2021 keine substantiellen Erhöhungen drohen.

Erstellt: 19.09.2016, 20:11 Uhr

«Für die Preise zum Fahrplanwechsel 2017/18 verhandeln wir neu»: Preisüberwacher Stefan Meierhans. Foto: Esther Michel

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