Weshalb Zuckerbergs Sinneswandel nicht reicht

Facebook und Google haben eine Marktmacht errungen wie einst Rockefeller und Co. Deren Kartelle beherrschten aber nur die USA.

Mark Zuckerberg während der Hearings im US-Kongress. Foto: Andrew Harnik (AP, Keystone)

Mark Zuckerberg während der Hearings im US-Kongress. Foto: Andrew Harnik (AP, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Facebook vergisst nichts, auch alte Freunde nicht. Eine wesentliche Erkenntnis der Anhörungen von Mark Zuckerberg ist, wie tief sich das Onlinenetzwerk ins Leben von mehr als 2 Milliarden Nutzern eingearbeitet hat und wie wenig die Nutzer davon wissen.

Der 33-jährige Firmengründer ist kein bösartiger Akteur. Aber er schwankt zwischen Zynismus und Idealismus. Er ist wie der Zauberlehrling, der die bösen Geister, die er rief, nicht mehr loswird, und nun Hilfe braucht.

Zuckerberg hat in den letzten Monaten einen beachtlichen Sinneswandel vollzogen. Noch Anfang 2017 tat er den Einbruch russischer Agenten ins Facebook-Netz als Quatsch ab. Diese Woche bekannte er sich der Nachlässigkeit und akzeptierte zum ersten Mal öffentlich die Ver­antwortung nicht nur für die Plattform, sondern auch für die transportierten Inhalte. Facebook ist ein Medien- und Kommunikationsunternehmen, und Zuckerberg muss die im­mense gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, die er 14 Jahre lang verweigert hatte.

Weit grösserer Datenhunger von Google

Wie wenig tief die Selbsterkenntnis derzeit noch geht, zeigten die Hearings. Zuckerberg bezeichnet die Nutzer als «Lizenzgeber». Sie geben bei Facebook die Privatsphäre preis und erteilen damit die Einwilligung, die Angaben zur Person kommerziell zu nutzen und sie sogar mit Informationen zu verquicken, von denen die Nutzer keine Ahnung hatten, dass sie je ausgebeutet würden. Beispiele: Facebook speichert die Telefonliste des Messenger-Dienstes und verbindet sie mit den Personendaten zu einem grossen Sozialbild der Nutzer. Facebook führt auch Buch darüber, wann genau die Plattform genutzt und mit welchen Browsern die Nutzer in den verflossenen zwei Jahren eingestiegen sind. Und Facebook speicherte die Namen der «Friends» auch dann noch, wenn ein Nutzer sie bereits von seiner Freundesliste gestrichen hatte.

Doch Facebook bildet nur die Spitze des Eisbergs. Google ist noch grösser. Wer wissen will, welche Daten dort gespeichert werden, kann sich mit Google-Take-out ins Bild setzen. Dabei zeigt sich, dass Google eine Liste jener Artikel führt, die von Nutzern im Internet gelesen werden. Gespeichert werden sogar auf die Minute genau auch alle Apps, die ein Nutzer geöffnet hat. Der Datenhunger von Google dürfte in vielen Fällen mindestens zehnmal grösser sein als bei Facebook, wozu auch Youtube beiträgt.

Die dominierende Videoplattform, die von Google kontrolliert wird, erstellt Geschmacksprofile auf Basis der Mediennutzung und verwendet sie querbeet durch sämtliche Google-Dienste. Das aggressive Vorgehen des Konzerns hat die Wettbewerbsbehörden in den USA und der EU schon vor längerem alarmiert. In den USA kam Google aber bisher mit Verwarnungen davon, ein Zeichen dafür, wie leicht die Behörden den Internetkonzernen den Aufstieg zur Weltmacht machen. Die EU-Kommission verhängte zwar mit 2,7 Milliarden Dollar die bisher gravierendste Strafe über einen US-Konzern. Doch solche Bussen schmerzen Google oder Facebook ebenso wenig, wie sie früher die Banken schmerzten.

Dabei haben Facebook und Google eine Marktmacht errungen, die mindestens so schwer wiegt wie das Gewicht der Stahl-, Öl- und Eisenbahnkartelle des frühen 20. Jahrhunderts. Beängstigend ist, dass sie anders als die Industriebarone von damals nicht nur den US-Markt dominieren, sondern die Welt. Facebook und Google beherrschen heute mehr als 60 Prozent des globalen Online-Werbemarkts, mit weiter steigender Tendenz. Sie saugen auch 25 Prozent der totalen Medienwerbung ab, dreimal mehr als 2012. Sie behindern den Wettbewerb, indem sie Konkurrenten aufkaufen und in die bestehenden Netzwerke integrieren. Whatsapp zum Beispiel war eine gute, da auf die Privatsphäre bedachte Alternative, bevor Zuckerberg die App kaufte und die Nutzerdaten mit Facebook verschmolz.

Die Wettbewerbsaufsicht muss handeln

Zwar baut Jeff Bezos seinen Konzern Amazon derzeit als alternative Plattform für die Werbewirtschaft auf und ist offenbar auch auf gutem Weg, vom Unbehagen mit Facebook zu profitieren. Derzeit zieht Amazon in den USA erst 2,5 Prozent der Onlinewerbung ab und spielt, verglichen mit Google und Facebook und deren Marktanteil von 65 Prozent eine kleine Rolle. Amazon aber wächst viel schneller und dürfte gemäss J. P. Morgan im kommenden Jahr gegen 7 Milliarden Dollar Werbeeinnahmen erzielen, dreimal mehr als letztes Jahr. Doch beruhigend ist es nicht wirklich, wenn sich der Monopolist im Online­handel auch noch in einem anderen Bereich weiter ausbreitet. Es ist viel mehr ein Zeichen dafür, wie dringend eine Regulierung wäre und wie schwierig sie geworden ist.

Was tun? Der Kongress in seiner aktuellen Zusammensetzung ist zu einer wirksamen Regierung nicht in der Lage. In den USA ist deshalb als Erstes die Wettbewerbsaufsicht gefordert. Sie könnte mindestens verhindern, dass Facebook, Google und Amazon nicht mehr kleinere Konkurrenten aufkaufen und unschädlich machen können. Derweil glaubt Zuckerberg, ein Überschwappen der verschärften Datenschutz-Richtlinien der EU auf die USA verhindern zu können. Doch so sicher, wie er hofft, ist das nicht. Letztlich geht es um die Frage, ob es für die sozialen Netzwerke Sinn ergibt, die Nutzer unterschiedlich zu behandeln und sich damit unwägbaren politischen Risiken auszusetzen.

Die grösste Gefahr bilden nicht einmal die USA oder Europa. Es sind fragile Länder wie Pakistan, die Philippinen oder Burma, wo ­Facebook der wichtigste Kanal für regimekritische Stimmen geworden ist. Hier muss Zuckerberg beweisen, wie ernst sein Idealismus gemeint ist. Noch kann er korrigieren, was er im Westen falsch gemacht hat, und ein Ende wie jenes der Stahl-, Öl- und Eisenbahnbarone abwenden, deren Kartelle einst zerschlagen werden mussten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2018, 15:54 Uhr

Artikel zum Thema

Zuckerberg hat alles unter Kontrolle

Facebook-Chef Mark Zuckerberg muss keine einschneidende Regulierung seines Beinahe-Monopols in den USA fürchten. Mehr...

Da lacht das Silicon Valley

Kommentar Die wichtigsten Fragen an Zuckerberg vermieden die US-Abgeordneten – während Facebooks Lobbyisten schon an Gesichter und Fingerabdrücke der Bürger wollen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Blogs

Politblog Veloweg-Verbot für Elektro-Töffs!

Wettermacher Warum Skandinavien so lange unter Hitze leidet

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...