Blockchain-Unternehmer weichen ins Ländle aus

Da sie von Schweizer Finanzinstituten gemieden werden, verschieben Kryptounternehmer ihr Geschäft vermehrt nach Liechtenstein.

Erhielt einige Empfehlungen: Johann Schneider-Ammann am Blockchain-Summit in Zug. Foto: Patrick Hürlimann (Keystone)

Erhielt einige Empfehlungen: Johann Schneider-Ammann am Blockchain-Summit in Zug. Foto: Patrick Hürlimann (Keystone)

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Unternehmer sind auf Bankbeziehungen angewiesen. Wer aber mit Kryptowährungen oder Blockchain-Technologie Geschäfte macht, klopft bei Schweizer Finanzinstituten oft vergeblich an. Selbst wenn der Firmensitz in der Schweiz liegt, lehnen Banken solche Kunden oder wichtige Finanzdienstleistungen häufig ab. «Es ist in der Tat so, dass die Schweizer Banken ins Hintertreffen geraten sind», sagt André Wolke, Geschäftsführer und Mitbegründer der Firma Validity Labs, die im Blockchain-Geschäft auf Ausbildung und dezentrale Plattformen spezialisiert ist.

Er weiss auch von den unangenehmen Erfahrungen, die Firmen gemacht haben: «Es ist einfach so, dass fast alle Schweizer Banken keine Kunden haben wollen, die mit Kryptowährungen zu tun haben.» André Wolke wickelt seine Geschäfte längst über die liechtensteinische Bank Frick ab. «Es wirkt fast schon so, als wollten Schweizer Finanzinstitute verhindern, dass Kryptounternehmen sich hier entfalten können», sagt Bernd Lapp. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Blockchain-Projekten und arbeitet derzeit an der Share-Economy-Plattform Swarm City. Auch an der gestrigen Blockchain-Tagung in Zug wurde die aktuelle Praxis kritisiert.

Die Schweizerische Bankiervereinigung hat das Problem erkannt. Zwar lässt sich auch bei Kryptowährungen die Herkunft von Mitteln überprüfen, doch dafür müssen die Banken neue Prozesse und Standards entwickeln. «Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck daran und haben dafür eine Arbeitsgruppe eingesetzt», sagt Michaela Reimann, Sprecherin der Bankiervereinigung. Dieses Projekt habe Priorität. Es sei aber nicht einfach, da es im Zusammenhang mit Blockchain verschiedene Geschäftsmodelle mit unterschiedlichen Anforderungen und Risiken gebe, sagt sie. Wann Resultate vorliegen, ist noch offen.

«Wir sind sehr offen»

Dass es auch anders geht, zeigt die erwähnte liechtensteinische Bank Frick. «Wir sind sehr offen für Dienstleistungen bei Blockchain-Geschäften», bestätigt Mauro Casellini, der dort unter anderem für die neue Technologie zuständig ist. Die Bank Frick bietet nicht nur Kontoeröffnungen an, sondern auch weitere Dienstleistungen wie die Begleitung eines ICO – der Kapitalbeschaffung für Blockchain-Unternehmer – und den Geldwechsel in fünf verschiedenen Kryptowährungen. Gleichzeitig betont Casellini, dass die Bank Frick grossen Wert auf Sorgfaltspflichten lege und strenge Standards entwickelt habe.

Es gibt zwar auch einzelne Schweizer Banken, die den Schritt ins Blockchain-Geschäft gewagt haben, aber dies nur mit Einschränkungen und Vorbehalten. Die Zuger Kantonalbank schliesst zum Beispiel ICOs und weitere Dienstleistungen von vornherein aus. Die Arbeit der Bank Frick scheint sich auszuzahlen: «Wir haben heute rund 200 Unternehmen aus dem gesamten Blockchain-Bereich.»

Attraktives Liechtenstein

Zug gilt immer noch weltweit als attraktivster Standort für Blockchain-Unternehmen. Der Liechtensteiner Rechtsanwalt Thomas Nägele stellt fest, dass sich Firmen aber vermehrt für das Ländle interessieren: «Das Fürstentum holt auf –wir haben schon mehr als hundert interessierte Blockchain-Firmen bei uns.» Als Gründe für die steigende Attraktivität sieht er neben besseren Bankdienstleistungen die «vergleichsweise hohe Rechtssicherheit», das Know-how und die Effizienz bei Behörden, die Formalitäten bei Firmenniederlassungen rasch abwickeln könnten. Und schliesslich sei es der Regierung gelungen, weltweit die Aufmerksamkeit von Medien und Fachleuten auf den Kleinstaat zu lenken: «Die von Regierungschef Adrian Hasler angekündigte Regulierung ist mehr als nur ein mit Schlagworten garniertes Marketing-Gesetz», sagt Nägele. Er rechnet damit, dass der Entwurf im Sommer 2018 veröffentlicht wird.

Zum Vergleich: Während Liechtenstein schon an einem konkreten Entwurf arbeitet, diskutiert in der Schweiz noch eine Arbeitsgruppe über eine mögliche Rechtsgrundlage. Bis Ende Jahr unterbreitet sie dem Bundesrat Vorschläge für das weitere Vorgehen. Wie es danach weitergeht, ist noch offen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2018, 06:16 Uhr

Empfehlungen für eine Regulierung der neuen Technologie

Vergangenen Donnerstag trafen sich in Zug die Vertreter der Blockchain-Branche, Politiker und Interessierte zum Blockchain-Summit. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann eröffnete die Tagung mit einer Rede. Im Anschluss überreichte ihm eine auf private Initiative entstandene Taskforce Empfehlungen für die Regulierung der neuen Technologie. Die Taskforce besteht aus 50 Experten, Wissenschaftlern und Politikern. Sie soll als «Blockchain-Institut» weiterbestehen.

Bei der Forderung nach einer besseren Regulierung steht die Kapitalbeschaffung von Blockchain-Unternehmen im Vordergrund. Hier schlägt die Taskforce unter anderem eine Anpassung des Wertpapierrechts vor: Aus praktischen Gründen soll die Übertragung von Vermögenswerten rein digital möglich sein und nicht mehr schriftlich abgefasst werden müssen.

Ein heikler Punkt ist die Gefahr von Geldwäscherei: Um diese zu verhindern, müssen Blockchain-Unternehmen neue Kontrollmechanismen erarbeiten. Beim Geldwäschereigesetz ist laut Taskforce aber keine Anpassung erforderlich. Es reiche aus, die geltenden Vorschriften konsequent anzuwenden. Überhaupt empfiehlt die Taskforce, weitestgehend auf Gesetzesänderungen zu verzichten und stattdessen bestehende Vorschriften breit zu interpretieren.

Lorenz Furrer von der Kommunikationsagentur Furrerhugi hat die Taskforce mitinitiiert. Er erhofft sich davon ein Signal nicht nur an die Regulatoren, sondern auch an Politik und Wirtschaft: Die neue Technologie habe das Potenzial, die Welt in vielerlei Hinsicht nachhaltig zu verändern. (ki)

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