Ist die Wasserkraft wirklich so schlecht wie ihr Ruf?

Die Wasserkraft hat ein Imageproblem. Mit ihr lasse sich nicht mehr viel verdienen, klagt die Branche. Doch Zahlen des Bunds zeigen: So schlimm ist die Lage nicht.

Energie, die hier gewonnen wird, kostet nicht für alle gleich viel: Stausee Grande Dixence im Wallis. Foto: Andrée-Noëlle Pot (Keystone)

Energie, die hier gewonnen wird, kostet nicht für alle gleich viel: Stausee Grande Dixence im Wallis. Foto: Andrée-Noëlle Pot (Keystone)

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Es gibt Aussagen, die verwandeln sich in Allgemeinwissen, einfach weil sie oft wiederholt werden. Die Sache mit der Wasserkraft gehört dazu. Sie sei zwar sauber und wichtig für die Energiewende, aber leider nicht mehr rentabel, sagen viele Konzerne. Der Verkauf lohne sich kaum noch, weil der Strompreis mittlerweile so tief sei. Zementiert wurde dieser Eindruck durch den Entscheid der Alpiq, die Hälfte ihres Wasserkraft-Portfolios zu verkaufen.

Bloss: Ist die Rentabilität von Wasserkraftwerken wirklich so schlecht, wie die Stromkonzerne behaupten? Diese Frage hat ein TA-Leser gestellt. Wir versuchen uns hiermit an einer Antwort.

Die Rentabilität ist eine Kennzahl, die beschreibt, wie viel Gewinn eine Firma mit dem eingesetzten Kapital erwirtschaftet. Das Problem: Für einzelne Kraftwerke ist die Zahl kaum zu ermitteln. Einerseits gehören sie oft mehreren Aktionären: Das Westschweizer Wasserkraftwerk Grande Dixence beispielsweise liefert Energie an Alpiq, IWB, BKW und Axpo. Andererseits wird die erzeugte Energie je nach Abnehmer zu unterschiedlichen Preisen verkauft.

Alpiq etwa beliefert vor allem Grosskunden, die ihren Strom frei auf dem Markt einkaufen können. Für sie gelten deshalb die rekordtiefen Marktpreise. Aktuell kostet eine Kilowattstunde an der europäischen Energiebörse circa 3 Rappen. Vor fünf Jahren waren es noch um die 5 Rappen. Abgestürzt sind die Preise unter anderem deshalb, weil dreckiger Kohlestrom spottbillig ist und die Einspeisung von Erneuerbaren das Preisgefüge durcheinanderbrachte.

Die Hälfte rentiert immer noch

Die Berner BKW hingegen verkauft einen Teil ihrer Produktion an Haushalte und Kleinkunden (sogenannt gefangene Kunden), die sich den Stromlieferanten nicht selbst aussuchen können. Ihnen kann ein höherer Preis verrechnet werden. Der durchschnittliche Energiepreis für Haushalte beträgt laut dem Bund dieses Jahr 7,8 Rappen.

Was sich abschätzen lässt, sind die Kosten, zu denen Schweizer Wasserkraftwerke Strom produzieren. Laut einer ETH-Studie aus dem Jahr 2014 betragen sie im Schnitt 5,8 Rappen pro Kilowattstunde. Darin enthalten sind fixe Kosten (Amortisation, Finanzaufwand, Wasserzinse) und variable Kosten (Energie, Material und Personal). Die Unterschiede zwischen den einzelnen Kraftwerkstypen sind relativ gross. Während die Energie aus dem Pumpspeicher 6,9 Rappen kostet, kann es bei Flusskraftwerken fast ein Drittel weniger sein. Die Gesamtkosten sind in jedem Fall höher als der Marktpreis, aber tiefer als der Preis für gefangene Kunden.

«Wir gehen davon aus, dass die Wasserkraft auch unter der momentanen Marktsituation ihre variablen Kosten decken kann, denn mit Ausnahme einiger Pumpspeicher sind diese in der Regel tief», sagt Thomas Geissmann, Studienautor und Energieexperte an der ETH. Weil die Wasserkraft aber grosse und langfristige Investitionen erfordere, sei der Fixkostenanteil vor allem bei moderneren Anlagen – etwa dem neu gebauten, riesigen Pumpspeicherkraftwerk Linth-Limmern der Axpo – hoch.

Für Kraftwerke, deren Strom an Grosskunden verkauft wird, ist das ein Problem. Laut Schätzungen der Stromregulierungsbehörde Elcom werden aber rund 50 Prozent der Schweizer Wasserkraftproduktion nicht auf dem freien Markt verkauft, sondern zu Gestehungskosten – den gesamten Herstellungskosten. Dieser Strom ist laut Elcom immer rentabel: Die Gestehungskosten beinhalten per Definition auch einen angemessenen Gewinn für die Eigenkapitalgeber, etwa die Aktionäre.

Vertreter der Strombranche argumentieren zwar, dass die von der Elcom geschätzten 50 Prozent zu hoch gegriffen seien. Dennoch steht fest: Ein wesentlicher Teil der Wasserkraft rentiert nach wie vor.

Der Goldesel fällt weg

Die Situation der Wasserkraftwerke sei nicht derart besorgniserregend, wie sie oft dargestellt werde, sagt die wirtschaftsliberale Denkfabrik Avenir Suisse. Es gebe auch heute viele Werke, die kostendeckend oder gar mit Gewinn produzierten. Laut Patrick Dümmler, Energieexperte bei Avenir Suisse, dürften das vor allem ältere Anlagen sein, die vor einigen Jahrzehnten gebaut wurden und heute grösstenteils abgeschrieben sind. «Es gibt noch Wasserkraftwerke, die gut rentieren», sagt auch ETH-Experte Geissmann. Weil aber gerade die grossen Anlagen ins Schleudern kämen, seien die Fehlbeträge hoch. Für die Stromkonzerne ist laut Geissmann nicht einzig die Wasserkraft das Problem, «sondern ebenfalls die Tatsache, dass sie sich nicht mehr wie früher als Goldesel eignet». Dadurch akzentuierten sich die Probleme, die sich einige Firmen mit Fehlinvestitionen – zum Beispiel in fossile Kraftwerke in Italien und Osteuropa – eingebrockt hätten.

Gleichzeitig geniesst die Wasserkraft in der Bevölkerung viel Sympathie. Der politische Handlungsspielraum sei deshalb hier am grössten, sagt Nils Epp­recht, Projektleiter Strom bei der Schweizerischen Energiestiftung. «Insbesondere durch die Wasserzinse kann Druck auf die Berggemeinden und -kantone ausgeübt werden.» Und Fördergelder liessen sich für die Wasserkraft leichter beanspruchen als etwa für den Atomstrom. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2016, 20:59 Uhr

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