Ausverkauf an italienischen Aktienmärkten

Wer von der politischen Unsicherheit in Italien profitiert und wer verliert.

Im Blickpunkt des Interesses: Die Börse in Mailand. Foto: Alessandro Garofalo (Reuters)

Im Blickpunkt des Interesses: Die Börse in Mailand. Foto: Alessandro Garofalo (Reuters)

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Wohin steuert Italien? Die Ungewissheit über den politischen Kurs des drittgrössten Euromitglieds und Ängste vor einer Neuauflage der Eurokrise haben den Finanzmärkten gestern schwer zugesetzt. Zusätzlich hat Spanien auf die Stimmung der Akteure gedrückt: Ministerpräsident Mariano Rajoy droht über ein Misstrauensvotum im Parlament zu stolpern.

Italienische Staatspapiere und Aktien gerieten ebenso unter heftigen Abgabedruck wie der Euro. Gleichzeitig flüchteten die Investoren in die sicheren Häfen, was dem Franken sowie deutschen und amerikanischen Staatsanleihen zu Kursgewinnen verhalf. Der Euro rutschte am Dienstag bis auf 1.1445 Franken ab, womit er in den vergangenen zwei Wochen gut 4 Prozent an Wert verlor. Am Abend (18 Uhr) notierte die Gemeinschaftswährung bei 1.1467 Franken.

Alarmierter Notenbankchef

Wie gross die Besorgnis um Italiens Zukunft ist, machte der Notenbankchef des Landes, Ignazio Visco, deutlich. Italien sei «wenige kurze Schritte entfernt» davor, «das Gut des Vertrauens» zu verlieren, warnte der Währungshüter gestern in einer Rede. Die Spielregeln im Euroraum könnten diskutiert und auch kritisiert werden, und «sie können sicherlich verbessert werden», so Visco. «Aber wir können uns nicht über verfassungs­mässige Auflagen hinwegsetzen», wie etwa die Spareinlagen zu schützen und Verträge zu respektieren.

Visco zielte mit seiner Aussage auf die Absicht der – vorerst vereitelten – Populistenregierung, mit Steuersenkungen und der Einführung eines bedingungs­losen Grundeinkommens die italienische Wirtschaft anzukurbeln, ohne sich aber um die geltenden Defizitregeln im Euroraum zu scheren. Spätestens nach den zu erwartenden Neuwahlen dürfte es indes zur nächsten, womöglich noch heftigeren Konfrontation zwischen Brüssel und Rom kommen, so fürchten Beobachter. Denn laut Meinungsumfragen werden die Protestpartei Cinque Stelle und die rechtsnationale Lega – die gescheiterten Regierungskoalitionäre – ihre parlamentarische Mehrheit gegenüber dem Wahlergebnis vom März noch ausbauen können.

Schwere Belastungsprobe

Nach der Griechenland-Krise, die ihren Höhepunkt 2015 erreicht hatte, steht die Europäische Währungsunion somit vor ihrer nächsten schweren Belastungsprobe. Der rasante Anstieg der Renditen bei italienischen Staatsanleihen deutet darauf hin, dass die Investoren damit beginnen, das Risiko einer Aufspaltung des Euroraums wieder miteinzukalkulieren. Denn sollten Lega und 5-Stern-Bewegung auf der Grundlage einer entschiedenen Anti-Euro-Kampagne erneut als Wahlsieger hervorgehen, könnten sie es als Vollstrecker des Volkswillens auf einen Bruch mit der Währungsunion ankommen lassen.

Die Rendite zweijähriger Italien-Anleihen – die auf kurzfristige Risiken besonders sensibel reagieren – ist seit dem Handelsschluss von Montag um über 1,8 Prozentpunkte auf zeitweise bis zu 2,7 Prozent hochgeschnellt. Einen so steilen Anstieg innerhalb eines Tages war nicht mal auf dem Höhepunkt der Euroschuldenkrise von 2011/2012 zu verzeichnen (steigende Anleihenrenditen gehen mit sinkenden -preisen einher). Bei den zehnjährigen Schuldscheinen war der Ausverkauf nicht gar so ausgeprägt, aber immer noch ansehnlich: Ihre Rendite legte gestern um rund 0,7 Prozentpunkte auf fast 3,4 Prozent zu.

Banken stehen im Regen

Wer hat die daraus erwachsenden Buchverluste zu tragen? In allererster Linie die Italiener selbst – ob Banken, Gross- oder Kleinanleger –, denn annähernd 70 Prozent der Staatspapiere liegen in inländischen Händen. Dies mag ein Grund dafür sein, dass gestern auch Anleihen italienischer Geldhäuser erhebliche Renditeanstiege verzeichneten. Deren Vermögenswerte bestehen zu ungefähr einem Fünftel aus Italien-Anleihen, wie Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zu entnehmen ist. Analysten verweisen noch auf einen zweiten Auslöser: Das Streben der Banken, ihre faulen Kredite an Hochrisikoinvestoren zu veräussern, könnte angesichts der politischen Turbulenzen im Land einen Rückschlag erleiden.

Von der Verkaufswelle erfasst wurden auch die Aktienmärkte – nicht nur in Italien, sondern rund um den Globus. Während der italienische Leitindex um rund 3 Prozent nachgab, resultierte für den Swiss-Market-Index gestern ein Minus von 1,6 Prozent; zum Zeitpunkt des europäischen Handelsschlusses lagen die Börsenbarometer in den USA ebenfalls deutlich in der Verlustzone.

Am heftigsten gebeutelt wurden Aktien von Banken – auch dies ein vertrautes Bild aus der Eurokrise. Nicht verschont blieben UBS (­–3,1 Prozent) sowie Credit Suisse (–3,7), obwohl ihre Engagements in Italien nur gering sind. Die UBS weist im Geschäftsbericht Investitionen von 1,5 Milliarden Franken aus; im Vorjahresvergleich haben sie sich ungefähr halbiert. Bei der CS hat sich das Engagement gegenüber dem Vorjahr auf 6,5 Milliarden leicht verringert. Beiderorts ist der grösste Teil dieser Volumina abgesichert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2018, 07:44 Uhr

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