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Je mehr Zwang, desto mehr Tränen

Hunger, sexuelle Belästigung, Zwangsarbeit, Gewalt: Ein Forschungsbericht zeigt den Alltag von Textilarbeitern. Und wie die Schweiz in Schwellenländern dagegen ankämpft.

Die Schweiz beteiligt sich mit 12 Millionen Franken am «Better Work»-Programm: Textilarbeiterin in Vietnam. Foto: Hoang Dinh Nam (AFP)
Die Schweiz beteiligt sich mit 12 Millionen Franken am «Better Work»-Programm: Textilarbeiterin in Vietnam. Foto: Hoang Dinh Nam (AFP)

Studien über Zustände in Textil- und Sportschuhfabriken gibt es viele. Doch dieser neue, 400-seitige Bericht der privaten US-Elite-Universität Tufts mit dem Titel «The Impact of Better Work» ist anders. Er geht in die Tiefe und fasst sieben Jahre Beobachtung zusammen. 24 Forscher wollten «in Hunderten von Fabriken und unter Tausenden von Arbeitern» in sechs Entwicklungsländern ermitteln, ob sich die Arbeitsbedingungen auf internationalen Druck hin über die Jahre verbessern. Einkäufer sind grosse Hersteller wie Puma, Nike, Oasics, Zara (Inditex), H&M, Levi-Strauss, Gap, Es­prit und Patagonia, aber auch die Schweizer Post, die in Jordanien Uniformen herstellen lässt.

Die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) und die Weltbanktochter IFC haben zusammen mit diversen Ländern, darunter die Schweiz, 2009 das Programm «Better Work» lanciert. Sie gewinnen lokale Fabriken sowie Kleider- und Sportschuhmarken, indem sie ihnen «mehr Effizienz und Profitabilität» versprechen. Die Forscher untersuchten nun, wie weit das Programm die Ausbeutung im Textilbereich gemindert hat. Sie wollten etwa wissen, wie häufig gegen die Ächtung von Kinderarbeit verstossen wird. Sie besuchten Fabriken meist unangemeldet. Beispiel Vietnam: Im ersten Jahr des Programms, 2010, fanden sie in jeder vierten Fabrik Kinder an Nähmaschinen. Vier Jahre später war dies nur noch in zwei von 100 Fabriken der Fall. Die Situation wurde verbessert, der Druck hat offenbar gewirkt.

Kaum Brandschutz

Auch stellten die Forscher Fragen zur Sicherheit. In schlimmer Erinnerung ist der Brand einer Textilfabrik in Bangladesh vor fünf Jahren, als über 100 Arbeiter lebendig verbrannten, weil Notausgänge fehlten oder versperrt waren. Zu Beginn der Studie fehlten bei jeder zweiten Fabrik in Vietnam zugängliche Notausgänge, jede vierte hatte keine Alarmsysteme. Nach vier Jahren gab es etwas mehr Fluchttüren, aber bei Feuermeldern stellten die Forscher null Fortschritt fest. Fazit: Im Brandschutz hat der internationale Druck wenig bewirkt.

Dies sind nur zwei von Hunderten ausgewerteten Faktoren. Die Resultate fielen für jedes der analysierten Länder – Haiti, Nicaragua, Jordanien, Vietnam, Lesotho und Indonesien – unterschiedlich aus. Anschaulich ist die Untersuchung der Gefahr von Berufsverletzungen, etwa Schnittwunden an Fingern oder Händen. Normen verlangen, dass Maschinen unterhalten und Arbeiter geschult werden, um solche Verletzungen zu verhindern. Während es in Vietnam Fortschritte gab, bewegte sich in Indonesien nichts. «100 Prozent aller dort besuchten Firmen haben Regeln zur Arbeitssicherheit verletzt», steht im Bericht.

Abseits der Statistik zeigt der Bericht, welchen Gefahren die Arbeiter je nach Land ausgesetzt sind. Sexuell bedrängt werden etwa am ehesten indonesische Arbeiterinnen, nämlich 85 Prozent aller Befragten. In Jordanien, Haiti und Nicaragua gab jede dritte Frau an, belästigt zu werden. Fortschritte sind über die Jahre hinweg bescheiden. Nur in Vietnam fällt die Quote unter 3 Prozent.

Schwierig zu erfassen ist die Nötigung durch Abnahme des Passes oder mittels Schulden, Missbrauch, drohende Deportation bei Wanderarbeitern und der Menschenhandel, vor allem in Jordanien. Die Forscher fanden heraus, dass die Arbeiterinnen in Fabriken, in denen oft Zwangsmethoden angewendet werden, häufiger aus Angst weinen als Angestellte in Fabriken, die solche Praktiken nicht kennen. Sie beobachteten auch, dass die Zahl der verzeichneten Wein- und Angstzustände unter Einfluss des Programms deutlich abnahm. Gleichzeitig ging die Anwendung von Deportationen als Strafe nur um 2 Prozent zurück.

Erstmals deckt die Studie die Praxis falscher Lohnversprechen auf – vor allem bezüglich Überstunden – die in Textilfabriken gang und gäbe sind. Die Forscher stellen einen grossen Missstand fest: Es scheine, als ob Überstunden vor allem durch «täuschende Versprechen für Überstundenentschädigungen» erreicht würden. Die Hauptursache liege bei den Kleider- und Schuhmarken, die wegen kurzfristiger modischer Trends und viel zu kurzer Bestellungsfristen diese Praxis befeuerten. Sie seien mitverantwortlich dafür, dass Millionen Arbeiter unbezahlte Arbeit leisten.

Welche Waren aus «guten» oder «schlechten» «Better Work»-Fabriken stammen, sei für Schweizer Konsumenten nicht verfolgbar, sagt die in der Schweiz federführende Stabsstelle Internationale Arbeitsfragen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). «Better work» ist kein Label. Am Programm beteiligt sind 1450 Fabriken in 7 Ländern. Sie beschäftigen zusammen 1,9 Millionen Arbeiter. Vor drei Wochen verlängerte das Seco sein Engagement für das ILO-Programm bis 2021. Es kostet die Schweiz 12 Millionen Franken, rund ein Fünftel der Gesamtaufwands.

«Perverse Nebenfolgen»

Die in der nachhaltigen Entwicklung engagierte Vereinigung Alliance Sud, hinter der fünf Schweizer Hilfswerke stehen, kritisiert das Programm. Zwar wirke es positiv auf die Bedingungen und Bildungschancen der Arbeiter, doch die Fortschritte seien «zaghaft».

Die Tufts-Studie zeige, dass Verstösse gegen Arbeiterrechte «immer noch viel zu häufig» vorkämen. «Die ausländischen Abnehmer pochen viel zu selten auf die vollständige Einhaltung der Menschenrechte und Arbeitsnormen. Sie begnügen sich beim vermeintlich verantwortungsvollen Einkauf allzu oft damit, dass sich der Zulieferbetrieb überhaupt am ‹Better Work›-Programm beteiligt», sagt Geschäftsführer Mark Herkenrath. Die Studie belege «einige perverse Nebenfolgen». Beispielsweise bevorzugten Abnehmer zwar «Better Work»-Zulieferfirmen, gäben diesen dann aber «Riesenaufträge mit enormem Zeitdruck ­— mit dem Effekt, dass just diese Firmen von ihren Belegschaften dann massiv Überzeit verlangen und Normverstösse in Kauf nehmen».

Die Beteiligung des Seco sei insofern problematisch, als dass die Schweizer Entwicklungsarbeit ihre knappen Mittel besser auf die ärmsten Länder der Welt konzentrieren sollte. Hier aber fokussiere sie auf fortgeschrittene wie Indonesien und Vietnam – «nicht ohne Eigeninteressen». Mit diesen beiden Ländern laufen zurzeit Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen. «Ob der Seco-Beitrag an das ‹Better Work›-Programm auch als politisches Schmiermittel für diese Verhandlungen dienen soll, muss offenbleiben», so Herkenrath. Die Entwicklungsaktivisten von Public Eye kritisieren, dass mit dem Programm Verstösse gegen Arbeitsrechte «keine klare Konsequenzen haben».

Das Seco weist die Vorwürfe zurück. «Zwar sind Verstösse gegen Menschenrechte und Arbeitsnormen nicht vollkommen beseitigt, aber die wichtigsten Verletzungen der Kernarbeitsnormen durch das Programm wurden verhindert», sagt ein Sprecher. Beispielsweise konnten Vorfälle von Zwangsarbeit «drastisch verringert und auch Geschlechterdiskriminierung wie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz stark reduziert werden». Der unabhängige Tufts-Bericht zeige ein «überwiegend positives» Resultat. Die Konzentration der Schweiz auf einige wenige Länder sei ein politischer Auftrag: «Das Parlament hat die Fokussierung wiederholt bestätigt», die Schweiz arbeite mit «relevanten Herstellerländern im Textilsektor».

«Das Positive überwiegt»

Gelten lässt das Seco die Alliance-Sud-Kritik zu den «perversen Nebenfolgen»: «Diese Erkenntnis ist neu und ein wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung von Better Work.» Das Projektteam arbeite mit Einkäufern der Hersteller daran, ein besseres Gleichgewicht zu finden.

Fürsprecher findet das Seco bei Gewerkschafts- und Arbeitgebervertretern, die das ILO-Programm mitbeurteilt haben. Ex-Präsident und Unia-Vertreter Vasco Pedrina hat «Better Work»-Fabriken zweimal besucht. Sein Eindruck: «Das Positive überwiegt.» Arbeitgebervertreter Marco Taddei hat vor einem halben Jahr Fabriken in Vietnam besichtigt. «Für die an ‹Better Work› beteiligten Fabrikanten erhöhte sich die Produktivität, und die Bedingungen verbesserten sich», sagt Taddei. Er findet nicht, dass die Schweiz sich aus «fortgeschrittenen» Schwellenländern zurückziehen sollte. Auch dort seien Verbesserungen nötig. Zur Kritik an fehlenden rechtlichen Folgen für Verstösse sagt er, ein solches Programm ersetze lokale Gesetze nicht. Dafür seien die Länder verantwortlich.

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