Je reicher, desto lieber

Eintrittsgebühren, wie sie Venedig will, sollen gegen Massentourismus helfen. Wie sieht es in Schweizer Städten aus?

Rucksacktouristen sind nicht unbedingt die Kernzielgruppe: Luxus-Hotel Dolder in Zürich.

Rucksacktouristen sind nicht unbedingt die Kernzielgruppe: Luxus-Hotel Dolder in Zürich. Bild: Keystone

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Städtetrips boomen doppelt so stark wie Länderreisen. Die unangenehmen Folgen sind Lärm, verstopfte Strassen, überfüllte Restaurants und genervte Einwohner. Eine neue Studie zeigt auf, was Städte dagegen tun können.

Vor gut einer Woche hat das italienische Parlament Venedig erlaubt, von Tagestouristen Eintritt zu verlangen. Wer sich die Lagunenstadt ansehen will, muss künftig wohl je nach Saison zwischen zwei und zehn Euro bezahlen. Damit kämpft die Stadt gegen den Touristenansturm.

In den Schweizer Städten hält sich dieser durch den starken Franken in Grenzen. Doch der Wohlstand und die Reiselust der Europäer steigt. «Die Attraktivität der Schweizer Städte und deren Umgebung ist nahezu unschlagbar», sagt Tourismusexperte Vladimir Preveden. Er rät deshalb auch den hiesigen Städten zu einer intelligenten Tourismusstrategie.

Die Zahl der Übernachtungen bei Städtetrips ist in den vergangenen zehn Jahren mehr als doppelt so schnell gestiegen wie jene bei Länderreisen.

Dazu gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Private Unterkünfte zu regulieren, ist eine davon. Das Beratungsunternehmen Roland Berger und die Österreichische Hoteliervereinigung haben Daten von 52 europäischen Städten ausgewertet, darunter Zürich, Bern, Luzern und Lausanne.

Airbnb bringt mehr Touristen in die Städte

«In Zeiten der Sharing Economy hat die unregulierte Vermietung von Privatwohnungen einen enormen Effekt auf die Übernachtungskosten und damit auf die Zahl der Touristen in einer Stadt», sagt Preveden.

Alle anderen Bemühungen im Kampf gegen den «Overtourism» bleiben ihm zufolge wirkungslos, wenn die Politik hier keinen klaren Rahmen vorgibt. Konkret angesprochen ist damit auch die Onlineplattform Airbnb, auf der Private Ferienwohnungen vermieten.

Seit August 2018 bezahlen Airbnb-Gäste in Zürich Kurtaxen. Das Unternehmen ist sogar dem Verband Zürich Tourismus beigetreten. Ein Schritt, den Preveden begrüsst. «Die Verzahnung von Stadt und Zürich Tourismus funktioniert sehr gut», sagt der Experte. Auch in anderen Kantonen wurden entsprechende Vereinbarungen getroffen, Basel etwa spielte eine Vorreiterrolle.


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Intelligentes Marketing

Die Studienautoren empfehlen zudem, die Tourismusströme zu verteilen – zeitlich und örtlich. Veranstaltungen könnten demnach an weniger frequentierte Orte oder in Vorstadtgebiete verlegt werden. Berlin und Prag etwa haben vor kurzem ein solches Konzept zur Dezentralisierung eingeführt.

Eine andere Strategie ist «intelligentes Marketing». Auch damit wird versucht, Touristen aus den Stadtzentren zu locken. Als Beispiel nennt die Studie Amsterdam, das den Vorort Zandvoort in Amsterdam Beach umbenannt hat. Die kroatische Stadt Dubrovnik setzt eine Smartphone-App ein.

Grüner und effizienter

Preveden empfiehlt Städten auch, in Umweltbelange und Smart-City-Angebote zu investieren. Sie sollten also grüner und effizienter werden und die Einwohner in die Planung miteinbeziehen. «Um die Innenstädte zu entlasten, sollten weniger frequentierte Stadtviertel wiederbelebt und mit neuen, attraktiven Angeboten aufgewertet werden», sagt der Experte.

Die Tourismusstrategie solle zudem der Stadtplanung angepasst sein. Auch hier schneiden die untersuchten Schweizer gut ab. So sei etwa Zürich «auf sehr gutem Kurs».

«Zürich hat einen Schwenk vollzogen», sagt Preveden. «Früher stand die Stadt eher im Fokus von Geschäftsreisen, heute ist sie für Freizeit-, Kultur- und Gesundheitsangebote beliebt.» Auch der gut funktionierende öffentliche Verkehr und die Sauberkeit seien Pluspunkte der Schweizer Städte.

Reichere Gäste, mehr Einnahmen

Die Studie rät den Tourismusplanern, sich vermehrt auf wohlhabende Gäste auszurichten. Das bedeute höhere Einkommen für die Stadt – egal, ob die Zahl aller Übernachtungen steige oder nicht, schreiben die Autoren. Als Beispiel nennen sie Wien.

Die österreichische Hauptstadt zielt auf auf zahlungskräftige Touristen, indem sie Qualität über Quantität stellt. Im Stadtzentrum wurden Luxusläden geschaffen, ebenso Fünfsternhotels und -restaurants. Doch führt nicht gerade das zu einem Verlust lokaler Identität und Kultur?


Artikel: Österreich hängt Schweizer Tourismus abWährend die Schweizer Tourismusanbieter im Tal der Tränen stecken, erklommen die Österreicher neue Höhen.


«Natürlich wirken Stadtzentren reizlos, wenn sie von den Filialen internationaler Handelskonzerne dominiert werden», sagt Preveden auf Anfrage. Dennoch erachtet er es als sinnvoll, das Preisniveau zu erhöhen. Die Preise stiegen ohnehin, und immer mehr Gäste seien bereit, mehr auszugeben.

Für den Verlust der Identität macht er einerseits die Konzerne verantwortlich, die ihr Filialnetz ausbauen. Anderseits verdränge der Onlinehandel lokale Geschäfte. Dennoch empfiehlt er den Städten, die Authentizität zu wahren. «So bleibt der Reiz beim Flanieren.»

Qualität für die Einwohner sichern

Wien fördert seine kulturellen Highlights etwa mit der Bruegel-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum. «Reiche Touristen aus Arabien und Asien kommen in die Stadt, weil Markenprodukte hier günstiger sind als in ihrer Heimat», sagt Preveden. «Und sie können sicher sein, dass sie das Original kaufen.»

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Tun Städte zu wenig gegen den Identitätsverlust?




«Viele Städte haben sich in der Vergangenheit nur darauf konzentriert, immer mehr Touristen anzuziehen», so die Autoren. «Dabei haben sie vergessen, eine eigene Tourismusstrategie aufzusetzen, um die Interessen von Gästen und Einheimischen, Stadtentwicklung und Tourismusplanung gleichermassen zu berücksichtigen.»

Entwicklung führe zu höheren Einnahmen, lautet das Fazit der Studie. Planung soll dem Markt helfen, sich selber planbar zu machen und die Einnahmequellen zu sichern. So führen etwa Onlinebuchungssysteme zu einer sichereren Auslastung. Mit mehr Luxustourismus sollen die Städte dem Identitätsverlust begegnen.

Letztlich entscheidet nicht nur der Tourismus, wie lebenswert eine Stadt ist. Die Qualität für die Einwohner ist genauso wichtig. «Die Frage ist, wo wollen wir in fünf bis zehn Jahren sein?», sagt Preveden. Und die müsse sich jede Stadt selber beantworten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2019, 18:13 Uhr

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