Warum kleine Onlinekäufe teurer werden

Wer ein Buch im Ausland bestellt, muss neu Mehrwertsteuer zahlen und darauf achten, dass sie nicht doppelt berechnet wird.

Die Zahl der ausländischen Kleinwarensendungen ist in den letzten fünf Jahren auf durchschnittlich 120'000 hochgeschnellt – pro Tag.

Die Zahl der ausländischen Kleinwarensendungen ist in den letzten fünf Jahren auf durchschnittlich 120'000 hochgeschnellt – pro Tag. Bild: Mike Segar/Reuters

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Seit Jahresbeginn verteuert die Mehrwertsteuer kleine Bestellungen aus dem Ausland. Damit soll eine Benachteiligung von Schweizer Händlern beendet werden. Auf solchen Onlinebestellungen im Ausland mussten Konsumenten bisher keine Mehrwertsteuer entrichten. Dies sollte den administrativen Aufwand bei der Zollverarbeitung eindämmen.

Schweizer Anbieter müssen hingegen auch auf Kleinstbeträgen eine Mehrwertsteuer abliefern, wenn sie jährlich einen Umsatz von über 100’000 Franken erzielen. Sie fordern deshalb schon seit längerem gleich lange Spiesse. Nun fällt dieser Wettbewerbsvorteil für ausländische Anbieter weg.

Was bedeutet das für die Konsumenten? Auf kleinen Bestellungen gibt es einen neuen Mehrwertsteuer-Zuschlag von bis zu 5 Franken. Vom Warenwert her gerechnet, unterscheiden sich die bisherigen Höchstbeträge je nach Produkt. Bücher, Zeitschriften, Nahrungsmittel, Medikamente und einige weitere Produkte werden zu einem reduzierten Satz von 2,5 Prozent besteuert. Bis zu einem Preis von 200 Franken waren diese bisher von der Mehrwertsteuer befreit.

Bücher werden teurer

Neu zahlen Käufer auf eine Bücherbestellung in dieser Betragshöhe bei Amazon 5 Franken Mehrwertsteuer. Bei den allermeisten anderen Waren wie beispielsweise Ladekabel fürs iPhone, Kleider oder Spielzeug beträgt der Satz 7,7 Prozent. Hier müssen Konsumenten neu auch für kleine Bestellungen bis zu knapp 65 Franken Mehrwertsteuer entrichten.

Bis zu 5 Franken Aufpreis pro Bestellung klingt nach wenig. Doch in der Summe rechnet der Bund mit zusätzlichen Einnahmen von geschätzt 20 Millionen Franken. Tendenz steigend.

Die Zahl der ausländischen Kleinwarensendungen ist in den letzten fünf Jahren von knapp 50’000 auf durchschnittlich 120’000 hochgeschnellt – pro Tag. Und davon stammen heute rund 80’000 aus dem asiatischen Raum. 2013 waren es noch etwas weniger als 10’000 Sendungen. Typischerweise sind das in Plastik eingeschweisste oder in Luftpolstercouverts verpackte Klein-Produkte, die per Luftfracht in die Schweiz kommen.

Die Mehrwertsteuer-Abrechnung bedeutet für die Anbieter zusätzlichen Aufwand. Um diesem Aufwand zu entgehen, hat sich Amazon.com verabschiedet und beliefert die Schweiz nicht mehr. Die Plattform empfiehlt Kunden, in Zukunft die europäischen Sites wie Amazon.de oder Amazon.fr zu nutzen. Diese Ländergesellschaften müssen jetzt die Mehrarbeit für die komplizierten Abrechnungen tragen. Wie sich der zusätzliche administrative Aufwand auf die Preise für Schweizer Kunden auswirken wird, ist noch unklar.

Komplizierte Abrechnung

Liegt der Umsatz des Lieferanten in die Schweiz unter 100’000 Franken, verrechnen Paketlieferdienste wie Post, DHL, DPD und UPS die Mehrwertsteuer dem Käufer. Bei höherem Umsatz stellt der ausländische Lieferant dem Kunden die Mehrwertsteuer direkt in Rechnung. Neu müssen die Lieferanten mit dem grösseren Umsatz auf der Adressetikette des Empfängers ihre Mehrwertsteuer-Nummer erwähnen. Das ist wichtig. Fehlt dieser Hinweis, ziehen die Paketlieferdienste beim Käufer die Mehrwertsteuer ein und überweisen diese an den Bund. Geht der Hinweis versehentlich vergessen, zahlt der Käufer die Mehrwertsteuer doppelt, da sie ihm zuvor ja auch schon vom Verkäufer angerechnet wurde.

In der Einführungsphase ist denkbar, dass es insbesondere bei kleineren Lieferanten zu solchen Versäumnissen kommen kann. Dabei geht es nicht nur um Kleinwaren, sondern auch um teure Produkte, weshalb eine doppelt verrechnete Mehrwertsteuer zu einem spürbaren Preisaufschlag führen kann.

Die Rückerstattung zu viel ­bezahlter Mehrwertsteuer kann kompliziert sein. Denn wenn der Lieferant und ein Paketdienstleister für die gleiche Sendung doppelt abrechnen, unterliegen laut eidgenössischer Steuer­verwaltung beide Transaktionen der Mehrwertsteuer. Weder Steuerverwaltung noch Zollverwaltung würden deshalb Geld zurückzahlen.

Klagen oder zahlen?

Ist der Verkäufer, der den Mehrwertsteuer-Hinweis auf der Etikette versäumt hat, nicht kulant, bleiben dem Kunden demnach nur zwei Möglichkeiten: Entweder geht er privatrechtlich gegen den Lieferanten vor, oder er nimmt den Aufpreis zähneknirschend in Kauf. Noch besser ist, wenn der Kunde schon bei der Bestellung prüft, wie abgerechnet wird.

Das ist allerdings leichter gesagt, als getan. Denn manche Internetplattformen wirken nicht ausländisch. Trotzdem erfolgt die Lieferung aus einem anderen Land. Zudem ist die Landesgrenze bei Onlineeinkäufen mit einem Klick überquert. Da geht der Unterschied zwischen einem Kauf im Inland und im Ausland rasch einmal vergessen.

Eine Lieferung vom Ausland ist, rechtlich gesehen, ein Import und zieht eine Reihe von Zollformalitäten nach sich, ein Kauf im Inland hingegen nicht. Bei Unsicherheiten ist es für Konsumenten empfehlenswert, sich vor der Bestellung direkt beim Lieferanten zu informieren. Das bedeutet konkret: sicherstellen, dass zum Beispiel ein deutscher Verkäufer zuerst die deutsche Mehrwertsteuer abzieht, die schweizerische Mehrwertsteuer korrekt abrechnet und Zollunterlagen sowie Mehrwertsteuernummer richtig deklariert.

Erstellt: 03.01.2019, 08:26 Uhr

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