«Operation 600»: Zwei Schweizer im Venezuela-Sumpf

Über die Konten einer Finanzboutique von Geschäftsleuten aus Sarnen flossen laut US-Fahndern Hunderte Millionen, mutmasslich aus Venezuelas Staatskassen abgezweigt.

Auch Schweizer Financiers beackern die Misswirtschaft von Nicolás Maduro. Foto: Reuters

Auch Schweizer Financiers beackern die Misswirtschaft von Nicolás Maduro. Foto: Reuters

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Zwei Schweizer Finanzexperten, Vater und Sohn, sind in einen Geldwäschereifall rund um das venezolanische Regime von Nicolás Maduro involviert. Kurt und Yves-Alain Portmann sind Verwaltungsräte des unabhängigen Vermögensverwalters Portmann Capital Management Limited auf der Insel Malta; Vater Kurt ist zudem Hauptaktionär.

Über Konten des 2011 gegründeten Unternehmens flossen laut US-Ermittlungsbehörden Millionen mutmasslich abgezweigter Gelder aus dem venezolanischen Staatskonzern Petróleos de Venezuela (PDVSA). Am Dienstag durchsuchten Fahnder laut der Zeitung «Times of Malta» Büros in der maltesischen Stadt Sliema. Die Finanzaufsicht ermittelt gegen das Unternehmen.

Gegen die Portmanns persönlich läuft soweit bekannt kein Verfahren, weder in der Schweiz, in Malta noch in den USA.

Stiefsöhne des Präsidenten

Hintergrund ist ein globaler Finanzskandal von historischem Ausmass. Amerikanische Ermittler werfen einer Gruppe von einflussreichen Venezolanern und Zudienern vor, PDVSA bis zu 1,2 Milliarden Dollar entzogen zu haben. Zu den Beschuldigten ­gehört auch der frühere Julius-Bär-Banker Matthias Krull, ein deutscher Staatsbürger, den Fahnder Ende Juli am Flughafen von Miami verhaftet haben.


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Die Verdächtigen sollen laut einer amerikanischen Strafanzeige PDVSA-Funktionäre bestochen haben, um die Erlaubnis zu erhalten, zu überaus vorteilhaften Kursen Dollar aus den Reserven des Ölkonzerns gegen venezolanische Bolivar zu wechseln. Der Skandal soll bis in die höchsten Kreise des sozialistischen Regimes reichen: Aus einer US-Strafanzeige geht hervor, dass über 150 Millionen Euro an «Los Chamos» fliessen sollten – die Stiefsöhne von Staatschef Maduro.

Gleichzeitig steckt Venezuela in einer tiefen Krise. Die schlechte Wirtschaftslage, Nahrungsmangel und Probleme bei der medizinischen Versorgung führten dazu, dass laut UNO-Daten seit 2014 über 800'000 Venezolaner das Land verlassen haben.

Die mutmasslich abgezweigten Millionen durchliefen eine Reihe von Zwischenstationen. In der US-Strafanzeige taucht eine namentlich nicht genannte maltesische Firma auf, die dabei eine wichtige Rolle spielte. Laut Medienberichten aus Malta handelt es sich um Portmann Capital. Eine amerikanische Quelle aus Justizkreisen bestätigt dies.

Kurt Portmann schreibt auf Anfrage, man sei «nicht informiert worden, dieses ungenannte Malta-Unternehmen zu sein». Recherchen dieser Zeitung zeigen aber, dass Portmann Capital eine der ersten Stationen war, auf die ein Teil der PDVSA-Millionen floss. Die Finanzboutique hatte Konten bei Banken in den USA und auf Malta, worauf der Öl­konzern Gelder einzahlen sollte – zuhanden eines Portmann-­Kunden, eines Venezolaners, der hinter einer Briefkastenfirma ­namens Eaton Global Services stand. Die Aktion trug teilweise den Codenamen «Operation 600», weil zunächst 600 Millionen Dollar vom Ölgiganten abgezweigt werden sollten.

Kunden sauber abgeklärt

Kurt Portmann will auf An­frage nichts zu einzelnen Venezuela-Kunden sagen. Sein Unternehmen habe sich stets an die «Know your customer»-Regeln gehalten und potenzielle Kunden sauber abgeklärt.

Zwei maltesische Aufsichts­behörden sehen das anders. Die Financial Intelligence Analysis Unit (Fiau) wirft Portmann Capital laut «Times of Malta» Versäumnisse bei der Geldwäscherei-Abwehr vor. Das Unternehmen werde deshalb bald mit einer Busse von 350'000 Euro belegt, gemäss der Zeitung eine ungewöhnlich hohe Summe.

Auch die Malta Financial Services Authority (MFSA) ermittelte und verhängte in diesem Jahr eine Busse von 62'000 Euro. Der Vorwurf: Portmann Capital soll Gelder von über 550 Millionen verschoben haben, ohne über die dafür nötige Lizenz zu verfügen.

Kurt Portmann bestätigt die Ermittlungen auf Anfrage, sagt aber, man habe bisher keine ­Benachrichtigung über eine 350'000-Euro-Busse erhalten, und die 62'000-Euro-Strafe sei noch nicht rechtskräftig; die eigenen Anwälte seien im Kontakt mit der Behörde. Die «Times of Malta» berichtet, dass Portmann Capital selbst Gelder von verdächtigen venezolanischen Kunden gesperrt und Meldung an die Behörden gemacht habe. Die Fiau und die MFSA wollten sich zum Fall nicht äussern.

Link zu den Panama Papers

Portmann Capital taucht auch in den Panama Papers auf, dem ­Datenleck der Offshore-Kanzlei Mossack Fonseca. Dort findet sich noch eine Spur zu einer ­regimenahen Person aus Venezuela, nämlich zu Leonardo González Dellán, dem Ex-Präsidenten der Staatsbank Banco Industrial de Venezuela. Dellán kaufte 2011 eine Firma in Panama, die Gran Rex Alliance S.A.

Intern führte Mossack Fonseca die Portmann Capital 2015 als «Bank» dieser Firma. Zudem unterzeichneten die von Mossack Fonseca gestellten Direktoren der Gran Rex einen Vermögensverwaltungsvertrag der Portmann Capital. Ob das Mandat tatsächlich anlief, ist nicht sicher. Kurt Portmann bestreitet, Gran Rex oder Leonardo González ­Dellán zu kennen.

Yves-Alain Portmann arbeitete früher bei der UBS. Der 39-Jährige reagierte nicht auf eine ­Anfrage dieser Zeitung. Er ist in Sarnen OW gemeldet, wo zwei weitere Finanzvehikel des Vater-Sohn-Gespanns domiziliert sind, die Portmann Finances AG und die EQ’Y SA. Zweck der Portmann Finances AG ist laut Statuten unter anderem «die Vertretung von ausländischen Finanzgesellschaften».

Portmann senior, 73-jährig, hatte früher ebenfalls eine Adresse in Sarnen. Er lebt heute in Dubai, hält sich bisweilen aber in der Schweiz auf. 1995 gründete er in London eine Investmentfirma, die heute Optiva Securities heisst und vor allem im Energiesektor aktiv ist. Bis vor kurzem amtete Portmann als deren Präsident. Er ist nun nach eigenen Angaben zurückgetreten, um die Optiva vor den Vorgängen rund um die Portmann Capital zu schützen. Zwischen den beiden Gesellschaften soll es, abgesehen von seiner Person, keine Querverbindungen geben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2018, 23:23 Uhr

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