Komplett hilflos im Umgang mit China

Der Streit um die US-Basketballliga NBA zeigt, wie rüde das Reich der Mitte seine politischen Interessen durchdrückt. Wer China verärgert, muss die Kosten tragen.

Begegnung auf engem Raum: Ein Demonstrant trifft in der Hongkonger U-Bahn Yuen Long auf eine Sympathisantin des kommunistischen Regimes.

Begegnung auf engem Raum: Ein Demonstrant trifft in der Hongkonger U-Bahn Yuen Long auf eine Sympathisantin des kommunistischen Regimes. Bild: Reuters

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Endlich wieder nur über Basketball berichten. Das war die Parole, die der Sportsender ESPN diese Woche an seine Mitarbeiter ausgegeben hatte. Tagelang dominierte da schon der Streit zwischen der US-Basketball-Profiliga NBA und China die Schlagzeilen. Die erhoffte Ruhe hielt nicht lange. Bei einer Sendung zeigte ESPN eine von Peking genehmigte Karte Chinas, die nicht nur das Südchinesische Meer zu einem Teil der Volksrepublik erklärte – ein historischer Anspruch, den der Ständige Schiedshof in Den Haag schon vor Jahren für ungültig erklärt hatte. Sie kennzeichnete vielmehr auch den Inselstaat Taiwan und einen Teil Kaschmirs als chinesisches Staatsgebiet.

Letzterer steht seit den 1960er-Jahren unter der Verwaltung Indiens. So eine Karte hatten die meisten Zuschauer in den USA wahrscheinlich noch nie gesehen. Und so steckt nun auch der bekannte US-Sportsender inmitten einer Debatte darüber, wie die chinesische Führung ihre politische Agenda weit über die Ländergrenzen hinweg durchsetzt – und was sie mit Unternehmen macht, die dem Willen des autokratischen Staates nicht nachkommen.

Ausgelöst worden der Streit von einem Tweet, nur sechs Worte lang war. Der Manager des NBA-Klubs Houston Rockets, Daryl Morey, hatte darin für die Meinungsfreiheit der Demonstranten in Hongkong geworben. Auch wenn er den Kommentar schnell wieder löschte, Twitter in China sowieso gesperrt ist und die NBA sofort klein beigab, war die chinesische Boykott-Maschinerie schon angelaufen. Das Staatsfernsehen erklärte, die aktuellen Saisonvorbereitungsspiele der NBA nicht mehr zeigen zu wollen, die Onlinehändler Alibaba und JD.com entfernten die Merchandising-Produkte der US-Profiliga aus ihrem Sortiment und in Shanghai rückten Kräne an, um die Plakate für ein in Shanghai geplantes NBA-Spiel herunterzureissen.

Moreys Tweet und die Reaktion der NBA-Verantwortlichen sorgten auch in den USA selbst für eine heftige Debatte – allerdings mit einer ganz anderen Stossrichtung als in China. Zahlreiche Politiker beider grosser Parteien warfen der Basketball-Liga vor, alle demokratischen Überzeugungen aus reiner Profitgier über Bord zu werfen. Chuck Schumer, demokratischer Senator für den Bundesstaat New York, sagte, es sei absolut inakzeptabel, einen «Maulkorberlass für Amerikaner zu verhängen, die sich für Freiheit aussprechen». Seine republikanischen Senatskollegen Marco Rubio und Rick Scott aus Florida erklärten, die NBA habe den Geschäftsführer der Rockets «geopfert, um der kommunistischen Regierung Chinas gefällig zu sein». Das sei «ekelhaft» und ein klarer Beweis, «dass der NBA Geld wichtiger ist, als es die Menschenrechte sind».

Dabei ist das Verhalten der Liga nur Ausdruck der Hilflosigkeit, die zahlreiche internationale Firmen im Umgang mit China befallen hat. Erst diese Woche verbannte der Apple-Konzern das Handy-Programm HKMap aus seinem App Store, nachdem chinesische Medien behauptet hatten, Demonstranten in Hongkong nutzten den Ortungsdienst, um sich «zu gewalttätigen Aktionen zusammenzurotten». Ohnehin behandelt der Konzern seine Kunden in China als Nutzer zweiter Klasse. In Hongkong fehlt seit einem Update die Taiwan-Flagge auf der Emoji-Tastatur. In Festlandchina ist das schon lange so. Apple hat dort auch Apps verbannt, mit denen Nutzer die chinesische Internetzensur umgehen können. Zudem gewährt man der Regierung Zugriff auf Nutzerdaten. Widerstand gegen staatliche Zugriffe, wie man sie von dem Konzern aus den USA kennt, leistet Apple in China nicht.

Nicht einmal die Princeton University veranstaltet noch chinakritische Debatten

Eine Ausnahme ist der US-Konzern damit aber nicht. So gaben etwa die US-Fluggesellschaften American, United und Delta schon im vergangenen Jahr der Forderung Pekings nach, in ihren Flugplänen Taiwan nicht länger als eigenständiges Zielland anzugeben, sondern als chinesisches Reiseziel. Auch die Lufthansa, die Hotelkette Marriott und zahlreiche andere Firmen machten in der Frage den Kotau vor China. Meist geht es um das, was die Partei als ihre «Kerninteressen» bezeichnet. Dazu gehören die drei verbotenen Ts: Taiwan, Tibet und Tiananmen, aber auch die nationale Einheit. Mercedes-Benz entfernte letztes Jahr einen Instagram-Post mit einem Zitat des Dalai Lama. Die Princeton University veranstaltet keine Debatten mehr zu chinakritischen Themen, um keine zahlungskräftigen Studenten aus Festlandchina zu verlieren. Und das Filmstudio Marvel machte in einem Drehbuch aus einem tibetischen Hauptdarsteller eine kaukasische Heldin, um die kommunistische Führung in Peking zu besänftigen.

Die Reaktionen auf die angeblichen US-Einmischungen in den Hongkong-Konflikt sind zwar selbst für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich heftig, aber wenig überraschend. Immerhin bekommt Peking die Krise in der Sonderverwaltungszone nicht in den Griff. Das Kalkül der US-Firmen indes ist einfach: China ist für sie ein zentraler Markt. Wollen sie dort aktiv sein, müssen sie sich an die Regeln halten. Denn wer Peking verärgert, bezahlt dafür. Hinzu kommt: In den USA interessierte man sich in der Vergangenheit nur mässig für die Gängeleien der Pekinger Führung. Die Kosten der Selbstzensur, der sich amerikanische Firmen unterwarfen, waren daheim gleich null.

Erst jetzt beschleicht viele Amerikaner das Gefühl, dass sie selbst im eigenen Land nicht mehr sagen dürfen, was sie wollen, wenn sie nicht mit China aneinandergeraten wollen – wie im Fall des NBA-Managers Morey. Verstärkt wurde dieses Gefühl diese Woche auch durch den Fall des E-Sportlers Chung Ng Wai, der sich bei einem Turnier fast zeitgleich mit Morey zum Thema Hongkong äusserte und daraufhin vom amerikanischen Spieleentwickler Blizzard suspendiert wurde.

Umgekehrt geraten auch chinesische Unternehmen in den USA unter Druck, weil sie im Verdacht stehen, auch US-Bürger der chinesischen Zensur zu unterwerfen. Ein anschauliches Beispiel für die Probleme, mit denen sich US-Firmen in China konfrontiert sehen, war im vergangenen Jahr das Verbot Pekings, den Disney-Streifen «Christopher Robin» in der Volksrepublik zu zeigen – mit etwa 1,4 Milliarden Menschen auch für Filmkonzerne der wichtigste Markt der Welt. Grund: Regimekritiker in China hatten sich wiederholt über die vermeintliche Ähnlichkeit von Staats- und Parteichef Xi Jinping mit der Hauptfigur des Films lustig gemacht – Pu der Bär.

Erstellt: 12.10.2019, 15:00 Uhr

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