Kriminelle sprengen reihenweise Raiffeisen-Bancomaten in die Luft

Die Täter attackieren Filialen in der ganzen Schweiz. Warum haben sie es ausgerechnet auf die Genossenschaftsbank abgesehen?

Wie in Veyrier GE werden vorab Geldautomaten der Raiffeisenbanken zum Ziel von Sprengangriffen. Foto: Keystone

Wie in Veyrier GE werden vorab Geldautomaten der Raiffeisenbanken zum Ziel von Sprengangriffen. Foto: Keystone

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Mitten in der Nacht schlagen die Täter zu. Ende Februar wird an der Neuweilerstrasse in Schönenbuch BL ein Raiffeisen-Geldautomat gesprengt. Dabei gehen die Kriminellen unzimperlich vor. Die Trümmerteile fliegen 15 Meter weit, der Lärm der Explosion schreckt das ganze Quartier auf. Mehrere Anwohner rufen daher um 3 Uhr die Polizei an. Die Täter sind da bereits in Richtung Frankreich geflohen.

Das ist kein Einzelfall. In den vergangenen Monaten wurden in der Schweiz mindestens zehn Bancomaten gesprengt, wie Polizeiberichte zeigen. Früher kam es nur zu vereinzelten Attacken. Nun schlagen die Täter meist in Grenzregionen zu. Allen voran im Tessin und im Grossraum Genf, aber auch in der Deutschschweiz. Genaue Angaben darüber, wie viele Bancomaten in der Schweiz attackiert wurden, gibt es nicht. Anders bei den Banküberfällen: Deren Zahl liegt im Durchschnitt bei rund vierzig pro Jahr.

Automaten stehen oft an abgelegenen Orten

Besonders oft, nämlich neunmal, haben Kriminelle Geldautomaten von Raiffeisen attackiert. Das geht aus den kantonalen Polizeimeldungen hervor. Die Bank bestätigt die Zahl nicht. Über die Anzahl Überfälle auf Automaten gebe Raiffeisen keine Auskunft, sagt eine Sprecherin. Die Bank verfüge mit mehr als 1700 Bancomaten über das dichteste Netz der Schweiz. Dadurch werde die Wahrscheinlichkeit für physische Manipulationen an den Geräten potenziell erhöht. «Weitere Details ­geben wir aus sicherheitstechnischen Überlegungen nicht bekannt.»

Ein weiterer attackierter Geldautomat steht in einer Migros-Filiale in Torricella-Taverne TI. Der Detailhändler kann keine Auskunft darüber geben, von welcher Bank dieser betrieben wird, und verweist auf den Hersteller Diebold Nixdorf. Das US-Unternehmen gibt aus Datenschutzgründen keine Auskunft.

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In der Finanzbranche wird über die Hintergründe der Sprengserie bei Raiffeisen gerätselt. Denn die Geldautomaten der verschiedenen Bankinstitute kommen von den gleichen Lieferanten: sie unterscheiden sich daher kaum. Eine Erklärung könnte sein, dass die Bancomaten von Raiffeisen an eher wenig besiedelten Orten stehen und Kriminelle daher ein kleineres Risiko eingehen, auf frischer Tat ertappt zu werden.

Der Sprengvorgang läuft schnell ab. Meist wird ein Gas in den Geldautomaten eingelassen; dieses wird dann gezündet. Es kommt aber auch zu Explosionen mit festen Sprengstoffen. Beim Finanzdienstleister SIX kann man das Rätsel ebenfalls nicht lösen. Er überwacht rund die Hälfte der 6000 Bancomaten in der Schweiz. Er merkt zwar, wann und ob ein Geldautomat ausfällt, aber er weiss nicht, aus welchem Grund eine Störung vorliegt. Der Unterschied zwischen einer kompletten Zerstörung oder einem Stromausfall ist daher für das Unternehmen nicht zu sehen.

Die Tessiner Ermittler werden bei der Aufklärung der Bancomaten-Sprengungen von Sprengstoffexperten des wissenschaftlichen Dienstes der Kantonspolizei Zürich unterstützt. Ob diese auch in anderen Kantonen weiterhelfen, gibt die Zürcher Polizei nicht bekannt. «Im Rahmen von interkantonalen Rechtshilfeersuchen unterstützen wir sämtliche Kantone in allen Bereichen», sagt ein Sprecher.

Teilweise wurden bei den jüngsten Attacken sogar Wände weggesprengt – dadurch gerät das Personal in Gefahr.

Der finanzielle Verlust für Raiffeisen durch die Attacken hält sich in Grenzen. Gemäss einer Untersuchung der europäischen Branchenvereinigung der Zahlungsdienstleister (East) erbeuten die Täter so kaum Geld. Im Durchschnitt liegt der Ertrag nur gerade bei 7500 Euro.

Doch machen sich die Banken aus anderen Gründen Sorgen. Die Filialen werden durch die Sprengungen zum Teil stark beschädigt. So löste vor fünf Jahren in Berg SG eine Attacke auf einen Raiffeisen-Automaten einen Brand aus, der zu einem Sachschaden von 100 000 Franken führte. Teilweise wurden bei den jüngsten Attacken sogar Wände weggesprengt – dadurch gerät das Personal in Gefahr.

Europäischer Trend erreicht die Schweiz

In Europa nimmt die Sprengung von Bancomaten seit einiger Zeit zu. In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres stieg die Zahl der Zwischenfälle im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017 von rund 1700 auf fast 2050 – eine Zunahme von knapp 21 Prozent. Das Thema beschäftigt daher die Branchenvereinigung der Zahlungsdienstleister. Jüngst fand eine Veranstaltung von Banken, Geldautomatenherstellern und Polizeibehörden dazu statt. Im Oktober soll in London das nächste Seminar abgehalten werden. Dabei können die Geldhäuser lernen, wie sie sich schützen können.

Die neusten Daten der Branchenorganisation East werden in Kürze vorgestellt. Dann wird sich zeigen, ob der europäische Trend, der in den vergangenen Monaten die Schweiz erreicht hat, weiter anhält – oder ob sich die kriminellen Angreifer ein neues Betätigungsfeld suchen.

Erstellt: 01.04.2019, 19:23 Uhr

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