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Landung im perfekten Sturm

Der Flughafen Zürich übernahm vor drei Jahren den Airport in Belo Horizonte. Kurz danach fiel Brasilien in die tiefste Rezession seiner Geschichte.

Die Zürcher Investoren glauben in Brasilien an ein grosses Potenzial: Ein Fluglotse gibt auf dem Flughafen Belo Horizonte dem Piloten Zeichen. Foto: PD
Die Zürcher Investoren glauben in Brasilien an ein grosses Potenzial: Ein Fluglotse gibt auf dem Flughafen Belo Horizonte dem Piloten Zeichen. Foto: PD

René Baumann greift ins Gestell und holt eine handbedruckte Papiertüte hervor. «Schauen Sie, wie liebevoll das gemacht ist», sagt er. Er klaubt eine mit Schokolade überzogene Kaffeebohne heraus und steckt sie in den Mund. «Köstlich!» Der Aargauer ist Chef des gewerblichen Bereichs des Flughafens Belo Horizonte. Er ist für alles verantwortlich, das nicht direkt mit dem Flugbetrieb zusammenhängt – und damit auch für den Laden, der neben Schokobohnen andere Delikatessen verkauft.

Baumann kam 2014 mit einer Gruppe von Schweizern in die brasilianische Stadt 450 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro. In einer Auktion hatte sich der Flughafen Zürich zusammen mit einem brasilianischen Partner 51 Prozent des Aeroporto Internacional de Belo Horizonte und die Betriebskonzession bis 2044 gesichert. Dafür zahlten sie umgerechnet 720 Millionen Franken. «Damals war hier nichts», erzählt Baumann, als er durch die Abflughalle schreitet. Nun stehen im Gebäude mehr als ein Dutzend Läden und Restaurants.

Erfolg im zweiten Anlauf

Der Zuschlag in Brasilien war für den Flughafen Zürich eine Erlösung. In die Auktionen zuvor war er enthusiastisch eingestiegen. Es scheiterte aber stets. Die grössten Flughäfen des Landes – Brasília, Rio de Janeiro und São Paulo – gingen an risikofreudigere Konkurrenten. Ohne Erfolg im grössten Staat Südamerikas wäre das Ziel in weite Ferne gerückt, bis in zehn Jahren den Auslandsanteil am Reingewinn zu vervierfachen. Mit dem Geschäft in der Ferne will der Flughafen Zürich ein Manko ausgleichen: Um 2030 gelangt er zu Hause an eine Wachstumsgrenze, weil ein Ausbau räumlich und wegen des gesetzlichen Rahmens nicht mehr möglich ist. Fehlendes Wachstum ist für ein börsenkotiertes Unternehmen ein Problem.

Umso mehr wird jetzt in Belo Horizonte Gas gegeben. «Das Know-how aus Zürich ist bei der Entwicklung des Flughafens wertvoll», sagt Baumann. «Man kann Zürich aber nicht einfach kopieren.» Die Brasilianer seien stolz auf ihre Traditionen. Wenn sie verreisten, wollten sie Lokales zum Verschenken mitnehmen. «Eine Gucci-Boutique brauchts hier nicht.» Für den Flughafen ist die Auswahl der richtigen Geschäfte fundamental. Er ist am Umsatz beteiligt.

Baumann versucht nicht nur mit Läden und Gastroangeboten Zusatzeinnahmen zu erschliessen, sondern etwa auch mit Lounges für Spezialpassagiere. So könnte ein Angebot für Reisende entstehen, die eine der vielen religiösen Stätten im umliegenden Bundesstaat Minas Gerais besuchen, oder eines für Kranke, die sich in einem der renommierten Spitäler behandeln lassen. Der Anteil der Einnahmen aus allen Nebenbetrieben soll in Belo Horizonte in den kommenden fünf Jahren von heute 32 auf 42 Prozent steigen.

Bevor sich Handelsexperte Baumann um die Erweiterung des kommerziellen Angebots kümmern konnte, musste Daniel Bircher als Chef des Flugbetriebes andere Probleme lösen. Genau als der Flughafen Zürich mit seinem Partner CCR die Kontrolle in Belo Horizonte übernahm, knallte es in Brasilien. Der Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras wirbelte die Politik durcheinander und lähmte die Verwaltung. Der Absturz der Rohstoffpreise liess gleichzeitig die Wirtschaft einbrechen. Das Land geriet in die schwerste Rezession seiner Geschichte. «Ein perfekter Sturm», so Bircher.

Airlines mit Vollbremsung

Die grossen nationalen Fluggesellschaften Azul, Gol und Latam mussten eine Vollbremsung einleiten. Hatten sie zuvor über mehr als ein Jahrzehnt einen beispiellosen Boom erlebt und damit auch das Management in Kloten träumen lassen, war nun Abbau angesagt. Denn plötzlich verreisten die Brasilianer seltener. Die Airlines reduzierten ihr Angebot im Inland alleine 2016 um 9 Prozent. Belo Horizonte traf es mit einem Minus von 19 Prozent noch härter.

Während Unternehmen in solchen Rezessionsphasen jeweils Investitionen zurückfahren, mussten Bircher und der Rest des Managementteams ein neues Terminal hochziehen. So gab es die Konzession vor. Innerhalb von zwei Jahren musste das Gebäude mit 52'000 Quadratmeter Fläche, 17 neuen Fluggastbrücken und 44 neuen Standplätzen stehen. «Wir haben es in 14 Monaten geschafft», freut sich der Schweizer, der wie Baumann zuvor für den Flughafen Zürich im indischen Bangalore gearbeitet hat.

Entstanden ist ein von aussen industriell wirkender Standardbau ohne Schnörkel, der aber flexibel gestaltet ist und innen eine angenehme Atmosphäre ausstrahlt. Noch wirken die Passagiere darin etwas verloren. Doch das soll sich ändern. Bircher will Belo Horizonte vermehrt als Umsteigeflughafen für Reisen zwischen dem Norden und dem Süden des sich über 4400 Kilometer erstreckenden Landes positionieren. «Hier gibts noch Potenzial», so der Manager. Zudem möchte er weitere internationale Flüge gewinnen. Heute gibt es drei ­Nonstop-Flüge. Sie gehen nach Miami, Panama und Lissabon.

Konjunktur zieht wieder an

Der Flughafen Zürich ist sich sicher, dass die Zeiten wieder besser werden. «Der Wendepunkt wurde letzten Herbst erreicht», ist Bircher überzeugt. Der Internationale Währungsfonds rechnet in Brasilien nach zwei Jahren mit einem Minus von gegen 4 Prozent für 2017 wieder mit einem kleinen Wirtschaftswachstum. Schon 2034 werde das Land zum fünftgrössten Luftfahrtmarkt der Welt heranwachsen.

Darum haben die Zürcher Lust auf mehr. Sie beteiligen sich im März an Auktionen zur Übernahme von bis zu zwei weiteren brasilianischen Flughäfen. Dabei möchten sie grössere Beteiligungen eingehen als in Belo Horizonte. «Sicher ist das Risiko hier höher», sagt Bircher, «dafür ist auch das Potenzial um einiges grösser.»

Der Besuch in Belo Horizonte fand auf Einladung des Flughafens Zürich statt.

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