Lieber Bitcoins als Franken

Kryptounternehmer fangen an, Start-ups mit digitalem Geld statt Franken zu gründen – und ohne Schweizer Bankkonto.

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Andreas Hess hofft, man werde ihn in zehn Jahren für seine Entscheidung als Pionier feiern – und nicht als «schönen Deppen» verunglimpfen. Der Chef des Zuger Handelsregisteramts stand im Herbst 2017 vor einer Entscheidung: Ein Programmierer aus Portugal, Francisco Lacerda, plante eine Firmengründung. Als Startkapital wollte er aber nicht 100'000 Franken bei einer Bank einzahlen, wie es meist gemacht wird. Lacerda geschäftete mit Kryptowährungen – also fragte er: Ob das auch mit Bitcoins gehe?

«Diese Frage bereitete uns einiges Kopfzerbrechen», sagt Hess.

Digitale Währungen wie der Bitcoin sind umstritten. Unterstützer sehen darin die ersten Züge eines neu entstehenden Geldsystems, das Nutzer direkt miteinander verbindet, ohne Einfluss von staatlicher Kontrolle. Während die Zahl der digitalen Währungen explodiert und immer mehr Investoren immer mehr Geld in die dazugehörigen Technologien ­stecken, warnen Kritiker vor dem grossen Crash: Wenn der Hype vorbei sei, würden die Kurse abstürzen.

Gleichzeitig setzt sich Zug seit 2016 offensiv als Crypto Valley in Szene.

«Revolutionäres Geld-Konzept»

Francisco Lacerda ist einer von ihnen. Der 30-jährige Software-Entwickler schreibt in einer E-Mail, er sei vor sieben Jahren aus Portugal in die Schweiz gekommen. Als ihm ein Freund 2012 zum ersten Mal vom Bitcoin erzählte, sei er skeptisch gewesen. Aber: «Kein Investor konnte die Kursentwicklung des Bitcoin lange ignorieren». Aus dem Skeptiker wurde ein Fan, der im Bitcoin ein «neues revolutionäres Konzept von Geld» sieht und die Kryptowährungskurse checkt wie andere die Uhrzeit. Er entschied sich, Software-Prototypen zu entwickeln, die mit der Blockchain arbeiten – jener Technologie, auf der Kryptowährungen basieren. Ein offizieller Firmenauftritt würde dabei helfen.


Video: SNB-Präsident Jordan erklärt den Bitcoin

Ob sich Bitcoin oder eine andere Kryptowährung durchsetzen wird, dürfte stark davon abhängig sein, wie die Regulierung «gegenüber diesen Kryptowährungen reagieren wird», so SNB-Präsident Thomas Jordan. (Januar 2018) Video: Tamedia/SDA

In der Schweiz muss eine Gesellschaft beim Start nicht zwingend mit Bargeld ausgestattet sein. Mancher Unternehmer benutzt den VW-Transporter oder das Pizzeria-Mobiliar als Startkapital, um eine AG oder eine GmbH zu gründen. Spezialisten sprechen von Sacheinlage.

Kann das auch mit digitalen Münzen funktionieren? Amtsleiter Hess überlegte: Bekannte Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether lassen sich auf Internethandelsplätzen kaufen und verkaufen; ihr Preis schwankt zwar, ist aber ­bestimmbar; sie lassen sich in einer «Wallet», einer digitalen Brieftasche, aufbewahren. Kam dazu, dass sein Amt Bitcoin und Ether bald als Zahlungsmittel akzeptieren würde. Und eben: Crypto Valley. Hess bewilligte die Eintragung. Das Eidgenössische Amt für das Handelsregister in Bern, das die Sache überprüfte, hatte keine Einwände.


Analyse: Die Bitcoin-Blase und der Vergleich mit dem Lehman-Crash

Die Preisentwicklung der Kryptowährung weckt Ängste vor einer Entwicklung, wie wir sie in der Finanzkrise gesehen haben. Was ist davon zu halten?


So erhielt am 25. September 2017 die Blockchain & Cryptocurrency Services Zug AG einen Eintrag im Handelsregister – die erste Schweizer Gesellschaft, die mit Bitcoins als Startkapital geführt ist. Lacerda investierte 19 Bitcoin à 3500 Franken, total 66'500 Franken. Gesetzliches Minimum beim Start sind 50'000 Franken. Lacerda konnte loslegen.

Den Lohn in Bitcoins zahlen

Nebst seiner Gesellschaft sind bis heute eine Handvoll weitere kryptofinanzierte Firmen aufgetaucht. Sie eint, dass sie im Geschäft mit Kryptotechnologie aktiv sind. Einige von ihnen wollen ­beweisen, dass sich heute ein Geschäft ohne den klassischen Finanzsektor betreiben lässt. «Ich gehe davon aus, dass es heutige Banken irgendwann nicht mehr geben wird», sagt André Wolke, Chef des Zuger Blockchain-Unternehmens Validity Labs AG, deren Kapital zum Teil mit 225 Ether gedeckt ist. Eine Firmengründung mittels Kryptogeld sieht er als Schritt in die ­Unabhängigkeit: Wer mit Bitcoins startet, kann auf ein Bankkonto verzichten.

Es gibt noch einen Grund, weshalb Kryptounternehmer ihre Firmen mit digitalen Münzen unterfüttern. Für sie sei es schwierig, ein Konto bei einer Bank zu bekommen, um «normales» Start­kapital einzuzahlen, sagt Andreas Hess: «Nur schon die Tatsache, dass ­jemand aus der Kryptosphäre kommt, führt bei Banken zu Berührungsängsten.» Die Hälfte jener Unternehmer habe Pro­bleme, ein Konto zu bekommen. «Die Banken möchten sich an Kryptogeld nicht die Finger verbrennen», sagt der Zuger Anwalt Thomas Stoltz. Dieses Risiko bestehe, solange das regulatorische Umfeld unsicher sei und die Banken keine klaren Vorgaben von der Finma erhielten. Das gilt aber nicht für alle: Francisco Lacerda sagt, seine Firma habe problemlos ein Konto eröffnen können.

Hinter vorgehaltener Hand sagen Spezialisten, dass die Banken den Kryptoenthusiasten und ihrem unregulierten digitalen Geld schlicht nicht trauen: Sie sehen Geldwäscherisiken.

«Eine libertäre Illusion»

Einer, der offen redet, ist Adriano ­Lucatelli. Der frühere UBS- und CS-­Banker, selbst Finanzspezialist in Zug, ist zum bekannten Kryptokritiker ­geworden – weil sonst niemand das ­Offensichtliche habe aussprechen wollen, wie er sagt. Für Lucatelli sind kryptofinanzierte Firmen nur ein weiteres Zeichen einer entgleisten Entwicklung. «Jeder muss selbst wissen, ob er mit einem solchen Unternehmen kooperieren will. Ich würde es sicher nicht tun.» Kurse von Kryptowährungen könnten so schnell in sich zusammenfallen, dass Unternehmen innert kürzester Zeit überschuldet seien.

Aber das Problem sei grundsätzlicher, sagt Lucatelli: Kryptowährungen seien nichts weiter als «eine libertäre ­Illusion». Der Bitcoin repräsentiere keine realen Werte, werfe weder Mietzinsen noch Dividenden ab. Der eigentliche Zweck, als Zahlungsmittel zu dienen, sei längst von der Spekulation überlagert worden. Lucatelli kritisiert den Zuger Finanzplatz dafür, dass er sich so eng mit dem Kryptohype assoziiere – «und ich finde es auch nicht gut, wenn Johann Schneider-Ammann die Schweiz als ‹Crypto Nation› positioniert.»

Die Ansicht, dass sich auf dem Kryptomarkt eine Blase gebildet habe, ist auf dem Platz Zug verbreitet. Amtsleiter ­Andreas Hess hält sich dagegen zurück: «Zur Zukunft der Kryptowährungen wage ich keine Prognose». Er glaube aber, dass sich die Technologie dahinter durchsetzen werde. Und dass sein Amt darum gute Chancen habe, in zehn Jahren als Pionier zu gelten – und nicht als Trittbrettfahrer eines Hypes anno 2018.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2018, 23:35 Uhr

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