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«Machtmissbrauch gehört zu uns»

Der US-Psychologe Dacher Keltner erforscht, wie Macht einen Menschen verändert und welchen Einfluss sie auf unsere Arbeitswelt hat.

«Frauen gehen mit Macht kooperativer um», sagt Dacher Keltner. Foto: Sarah Lee (Eyevine, Dukas)
«Frauen gehen mit Macht kooperativer um», sagt Dacher Keltner. Foto: Sarah Lee (Eyevine, Dukas)

Dacher Keltner glaubt an das Gute im Menschen. Der kalifornische Psychologieprofessor beschäftigt sich in seinen Studien und Büchern mit Mitgefühl, Liebe und Wertschätzung. Die «Zeit» nennt ihn darum «Professor Teddybär». In seinem neuen Buch «Das Macht-Paradox. Wie wir Einfluss gewinnen – oder verlieren» beschreibt Keltner die Rolle der Macht in der Arbeitswelt, in der Familie und innerhalb von Gruppen. Unser Bild von Macht sei zu stark vom Machiavellismus geprägt, von der Vorstellung also, dass Macht mit Zwang und Gewalt gleichzusetzen sei. Laut Keltner ist die Macht aber facettenreicher und kooperativer geworden. Er definiert sie als Fähigkeit, andere und ihr Verhalten zu beeinflussen.

Sie schreiben, dass Macht denen verliehen wird, die sich dem Wohle aller annehmen. Wer erlebt hat, wie Seilschaften zu hohen Positionen verhelfen, wird widersprechen.

Die Geschichte und Laborstudien zeigen, dass Menschen diejenigen befördern wollen, die sich um das Wohlergehen der ganzen Gruppe kümmern. In gewissen Berufen oder in Sportteams tun wir das auch. Gleichzeitig bilden sich soziale Strukturen heraus – in den USA etwa Eliteschulen –, die dafür sorgen, dass Titel, Macht und Reichtum nicht unbedingt an jene gehen, die sich für die Interessen der Mehrheit einsetzen. Von diesem Spannungsfeld sind viele Gesellschaften betroffen.

Schweizer Forscher sagen, dass ichbezogene und dominante Menschen mehr verdienen. Wie passt das zu Ihrer Theorie?

Narzissten werden zu Beginn oft als Menschen wahrgenommen, die der Gruppe helfen. Am Schluss schaden sie ihr aber eher. Ich führe seit 20 Jahren Schulungen bei Firmen durch. Oft höre ich dieselbe Klage: Wir stellen immer wieder Machiavellisten ein, um unsere Firma zu führen. Das schadet uns.

Inwiefern?

Die Forschung zeigt, dass Menschen, die einen einschüchternden und arroganten Führungsstil haben, die Leistung ihrer Angestellten schmälern. Sie werden gestresst, können nicht mehr klar denken, sind weniger kreativ und kollaborativ. Auch entstehen Reputationskosten: Wenn ein Chef poltert und den starken Mann markiert, wird die Gruppe, die er repräsentiert, von anderen Menschen weniger positiv eingeschätzt. Es ist faszinierend zu sehen, wie oft beim Zusammenbruch grosser Firmen machtbezogene Strategien im Spiel waren.

Was nützen diese Erkenntnisse einem Angestellten, der von seinem Chef schlecht behandelt wird?

Das ist leider ein sehr verbreitetes Phänomen. Frauen sind besonders häufig betroffen. Ich rate in diesem Fall: Besorg dir Verbündete, rede darüber, bleib anständig und versuch nicht, zurückzuschlagen. Denn das lieben Machiavellisten. Wenn sich nichts ändert, dann geh.

Wie verändern Frauen die Geschäftswelt?

Früher ging ich davon aus, dass mächtige Frauen dieselben dummen Dinge tun wie mächtige Männer. Das stimmt nicht. Frauen gehen mit Macht kooperativer um. Wenn sie in hohe Positionen gelangen, wollen sie mehr Nutzen erzeugen für ihre Gruppe. Sie laufen weniger Gefahr, korrupt zu werden. Viele Strukturen sind kollaborativer geworden, weil Frauen heute mehr Macht haben.

Machtmissbrauch wird es immer geben. Warum?

Machtmissbrauch gehört zu uns. Wer sich mächtig, überlegen und erfolgreich fühlt, verliert den Blick für die Interessen der anderen. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass sogar die Netzwerke für Empathie im Gehirn weniger aktiv sind. Dafür wird man sich der eigenen Bedürfnisse bewusster. Man erlebt soziale Situationen und denkt sich: Wer wird mir hier schmeicheln, wie kann ich diese Situation für mich ausnutzen? Man flirtet etwa auf unangemessene Weise mit jemandem, erkennt nicht, wenn andere gestresst sind, oder legitimiert unethisches Verhalten.

Wo findet diese Verschiebung zu unkooperativem Verhalten statt?

Ein Mensch mit wenig Macht und Status nimmt sein soziales Umfeld sehr aufmerksam wahr. Das muss er, um zu überleben. Er beobachtet andere Menschen, versucht, sich vorzustellen, was sie fühlen, ihre Emotionen und Gedanken vorherzusagen. So navigiert er durch sein Umfeld. Sobald er sich mächtig fühlt, geht diese Wachsamkeit langsam verloren. An ihre Stelle tritt ein grösserer Fokus auf eigene Interessen.

Ist es möglich, Macht zu erhalten, ohne sie zu missbrauchen?

Studien zeigen, dass Menschen, die empathisch sind und sich immer wieder um andere kümmern, weniger anfällig für einen Machtmissbrauch sind. Bei der Auswahl von Führungspersonen sollten wir also Leute aussuchen, die sehr mitfühlend sind und Einsatz für andere Menschen zeigen.

Macht hat auch, wer Geld hat.

Das ist das zentrale Problem der USA und anderer Teile der Welt. Geld setzt oft gieriges und unethisches Verhalten frei. Wer glaubt, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein, steigert sein Wohl auf Kosten anderer Menschen. Er betrügt in Spielen, nimmt Dinge, die ihm nicht gehören, oder bricht Gesetze. In der US-Regierung sitzen viele vermögende Menschen. Daraus entsteht ein Teufelskreis: Sie machen jene Politik, die ihren eigenen Interessen nützt. Aus Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen anderer.

Gibt es einen Weg, diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Ich denke, wir werden auf lokaler Ebene Aktionen erleben, die dem Machtmissbrauch auf Staatsebene entgegenwirken. Viele Bürgerinitiativen, Umweltschutzvereine oder Gruppen, die sich für die Rechte von Flüchtlingen einsetzen, bekommen seit der Wahl Donald Trumps rekordhohe Spenden. Das zeigt, dass ein gewaltsamer Führungsstil auch Gegenreaktionen provoziert.

Was macht Machtlosigkeit mit den Menschen?

Menschen, die in Armut leben, fühlen sich anderen unterlegen und stigmatisiert. Das erzeugt chronischen Stress, was dem Nervensystem, dem Herzen, dem Gehirn schadet. In den USA ist das ein grosses Problem, denn die wirtschaftliche Ungleichheit ist sehr gross. In Europa ist das Ausmass nicht dasselbe. Europäer können sich glücklich schätzen.

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