Was Zuwanderung und Umverteilung verbindet

Eine umfassende Studie zeigt, dass Sozialleistungen dort unter Druck geraten, wo die Einheit der Bevölkerung bröckelt.

Die Bereitschaft zu einer Umverteilung schwindet, wenn der Anteil Einwanderer in einer Region wächst: 19 eritreische Flüchtlinge landen im Oktober 2015 in Nordschweden.

Die Bereitschaft zu einer Umverteilung schwindet, wenn der Anteil Einwanderer in einer Region wächst: 19 eritreische Flüchtlinge landen im Oktober 2015 in Nordschweden. Bild: Robert Nyholm/Reuters

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Geht die Migration zu weit, ist in den europäischen Ländern der Sozialstaat gefährdet. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Ökonomen Alberto Alesina, Elie Murard und Hillel Rapoport. Vor allem der an der US-Eliteuniversität Harvard lehrende Alesina gehört zu den Stars der Wissenschaft. Rapoport lehrt an der Paris School of Economics, Murard ist beim in Deutschland ansässigen Institute of Labour Economics beschäftigt.

Die Wirtschaftswissenschafter haben für ihre Studie Daten aus 16 westeuropäischen Ländern – inklusive der Schweiz – ausgewertet. Dabei haben sie zwei Arten von Daten untersucht: Zuerst solche aus Erhebungen zu den Einstellungen der im jeweiligen Land Geborenen unter anderem zur Migration in verschiedenen Jahren. Diese Daten haben sie in einem zweiten Schritt mit solchen zur tatsächlichen Zuwanderung verglichen.

Die Ökonomen konnten zeigen, dass die Bereitschaft der Leute zu einer Umverteilung umso stärker zurückgeht, je mehr der Anteil der Eingewanderten in einer Region zunimmt. Dabei spielt nicht nur die aktuelle, sondern auch die vergangene Zuwanderung eine Rolle. Am deutlichsten zeigt sich das dort, wo der Sozialstaat besonders stark ausgebaut ist: in Regionen skandinavischer Länder und in Frankreich.

Mehrere Regionen innerhalb eines Landes

Der Fokus der Erhebungen lag nicht auf einzelnen Ländern, sondern auf insgesamt 140 Regionen – die Schweiz wurde zum Beispiel in fünf Regionen eingeteilt. Je höher der Anteil der Zugewanderten in einer Region ist, desto höher schätzen ihn die im Land Geborenen auch für das ganze Land ein.

Die Einteilung in Regionen war eine von vielen Massnahmen, um einen klaren Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung herausfiltern zu können. Denn wenn etwa ein Land mit weniger grosszügigen Sozialleistungen auch weniger Zuwanderung verzeichnet, hat das mit der Einstellung der im Land geborenen Leute möglicherweise weniger zu tun, als mit einer geringeren Sogwirkung. Betrachtet man dagegen Regionen innerhalb eines Landes, gehen die jeweiligen Anteile der Zugewanderten kaum auf unterschiedliche sozialstaatliche Regelungen zurück, da diese landesweit gelten.

Am meisten Einwanderer in der Schweiz

Eine detaillierte Auswertung der Daten nach einzelnen Ländern und Regionen findet sich in der Studie nicht. Damit ist auch nicht ersichtlich, wie stark der Effekt in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern ist. Aus den Daten ergibt sich aber, ...

  • dass der Anteil der Immigranten an der Gesamtbevölkerung in der Schweiz deutlich grösser war als in allen anderen betrachteten Ländern,
  • dass die Bereitschaft zur Umverteilung im Jahr 2002 geringer war als in den meisten betrachteten Ländern, aber höher als etwa in Deutschland,
  • und dass die Bereitschaft zu Beginn des Jahrzehnts deutlich abgenommen hat – um jüngst wieder etwas anzusteigen.

Untersucht haben die Ökonomen auch, welche Faktoren die Bereitschaft zu einer Umverteilung besonders beeinflussen. So etwa die Herkunft der Migranten: Bei Einwanderern aus ähnlichen Kulturen und mit einem ähnlichen ethnologischen Hintergrund fällt die Bereitschaft weniger negativ aus, ebenso bei solchen mit guter Ausbildung und beruflichen Fähigkeiten. Bei Zuwanderern aus dem Nahen Osten und Nordafrika sinkt sie allerdings auf unter ein Drittel.

Negative Informationen über die Zuwanderung verfangen besonders gut.

Die Bereitschaft zur Umverteilung im Zusammenhang mit der Migration ist zudem am geringsten bei weniger Gebildeten, aber auch in der Mittel- und Oberschicht stösst sie auf Widerstand. Deutlich und erwartbar ist das Ergebnis in Bezug auf die politische Ausrichtung: Wer sich klar links einstuft, der oder die ändert ihre Bereitschaft auch bei einer Zunahme der Immigration nicht. Umgekehrt sieht es aus bei jenen, die sich in der Mitte und rechts davon einschätzen.

Die Autoren folgern daraus, dass es die Linke deshalb schwer hat, Mehrheiten gleichzeitig für eine weitere Zuwanderung sowie für einen Ausbau des Sozialstaats zu gewinnen. Parteien, die einen Abbau der Umverteilung anstreben, können ihrerseits mit guten Erfolgschancen die Migration ins Feld führen. Und Anti-Immigrations-Parteien hätten einen Anreiz, negative Informationen über die Zuwanderung zu übertreiben, weil diese besonders gut verfangen würden.

Wie der Bruch eines Gesellschaftsvertrags

Dass die Ergebnisse der Studie sich in allen betrachteten Regionen zeigen und frühere Untersuchungen auch in anderen Ländern zum gleichen Schluss gekommen sind, zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Sozialstaat weit verbreitet ist. Die Autoren führen auch frühere Studien aus den USA an, die zeigen, dass der geringere Ausbau des Sozialsstaats dort ebenfalls mit den deutlich grösseren Unterschieden innerhalb der Struktur der Bevölkerung in Bezug auf ethnische Herkunft, Religion und Kultur erklärt werden kann.

Wie schon andere Ökonomen und Historiker gezeigt haben, sind die heutigen Sozialstaaten und Umverteilungssysteme in westlichen Ländern als Institutionen gegenseitiger Pflichten und Rechte sowie Absicherungen entstanden und gewachsen. Die Öffnung dieser Systeme für Aussenstehende – besonders für solche gänzlich unterschiedlicher Ethnien und Kulturen – wird dann von vielen als Bruch einer Art von impliziten Gesellschaftsvertrag empfunden.

Hier finden Sie eine Zusammenfassung und weitere Schlussfolgerungen zur Studie.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.04.2019, 14:48 Uhr

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