Mit Zauberstoffen gegen die Ölpest

Wenn Erdöl ausläuft, ist die Umweltkatastrophe programmiert. Die Beseitigung kann Milliarden kosten. Unternehmen setzen neu auf Watte.

Die Zauberwatte aus Deutschland saugt Öl auf und stösst Wasser ab. Foto: Dirk Eisermann (Laif)

Die Zauberwatte aus Deutschland saugt Öl auf und stösst Wasser ab. Foto: Dirk Eisermann (Laif)

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«Was machen wir nun mit diesem Scheiss?» Der Chef der ostdeutschen Chemiefirma Deurex war ausser sich, als vor fünf Jahren ein Produktionsprozess völlig missglückte. Ein Mitarbeiter hatte nicht den richtigen Ausgangsstoff verwendet und erst noch die verkehrte Temperatur und den falschen Druck gewählt. Statt Wachs kam eine fasrig-weiche Substanz aus der Anlage. Eben wertloser Abfall, wie der Patron meinte.

Er täuschte sich. Sein Chefchemiker schaute sich das Unglücksprodukt genauer an, das wie grobe Watte aussah, und experimentierte damit. Er merkte, dass es enorm saugfähig ist. In einem Kilo des weissen Materials können 6,5 Kilo Flüssigkeit gebunden werden – sei es Öl, Alkohol oder auch Lösungsmittel. Zugleich stösst der Stoff Wasser ab und schwimmt sogar vollständig gefüllt auf einer Wasseroberfläche.

Polizei, Feuerwehr, Kläranlage

Irgendwann wurde darum aus dem «Scheissmaterial» ein richtiges kommerzielles Produkt. Deurex Pure heisst es im Handel und wird in die ganze Welt verkauft. Jährlich verlassen rund 50 Tonnen der Zauberwatte das Werk im ostdeutschen Elsteraue. Kunden sind bislang Polizeien, Feuerwehren, Autobahnbetreiber oder Kläranlagen. Auch in der Schweiz gebe es diverse Interessenten, heisst es vom Generalimporteur Merk Trading. Ein grösserer Abnehmer fand sich aber noch nicht.

Viel Hoffnung macht sich das deutsche Unternehmen in der Alternativenergiebranche. «In Windrädern stecken 300 bis 1500 Liter Öl», erklärt Produktchef Steffen Remdt. Wenn ein Ventil platze, laufe dieses den Turm hinab. Die Reinigung der bis zu 120 Meter hohen Strukturen sei extrem teuer, weiss er. Hier kann die Pure-Watte helfen, den Austritt zu verhindern.

Die von Deurex eigens für Pure neu gebaute Produktionsanlage ist nicht ausgelastet. Sie könnte 700 Tonnen pro Jahr herstellen. Das zeigt: Beim Hersteller erhofft man sich von der Zauberwatte noch viel mehr. Denn einen besonders interessanten Kundenkreis konnte das ostdeutsche Unternehmen mit 19 Mitarbeitenden noch nicht überzeugen: Ölkonzerne. Deurex Pure eignet sich wegen seiner Eigenschaften auch zur Linderung von Ölpest. Die Watte saugt die ausgelaufene klebrige Flüssigkeit einfach ein und schwimmt dann auch gleich auf dem Wasser obenauf. Nach Gebrauch kann Pure zudem einfach geschleudert werden – dadurch trennen sich Öl und Watte, und das Material kann erneut eingesetzt werden.

Im Einsatz bewährt

Die Eigenschaft zur Bekämpfung von Ölkatastrophen wurde durch eine Hilfsorganisation in Nigeria bereits erfolgreich getestet. Im Nigerdelta läuft wegen veralteter oder schlecht gewarteter Anlagen seit Jahren Öl aus. Dadurch werden Böden verunreinigt. Hier konnte das Produkt von Deurex helfen. Dennoch wollte bislang kein Ölkonzern die Watte für sich kaufen. «Die Verhandlungen sind schwierig», so Remdt.

Das musste auch das Aargauer Unternehmen Heiq Materials lernen. Das ETH-Spin-off entwickelte ein mit einer Spezialchemikalie behandeltes Vlies, der Öl an Stränden aufsaugt. So kann die Kata­strophe vom Ufer ferngehalten und der verschmutzende Stoff einfach und billiger eingesammelt werden. Bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 hat sich das innovative Produkt mit Markennamen Oilguard bewährt und auch die komplizierten Bewilligungen in den Vereinigten Staaten problemlos erhalten. Für das Produkt gewann das Unternehmen mit 40 Angestellten aus Bad Zurzach zudem diverse Preise.

Prävention hat keine Priorität

Dennoch wurde Oilguard nicht zum erhofften Verkaufsschlager. «Der Wille, in die Prävention zu investieren, ist bei den Ölkonzernen nicht sehr gross», sagt Heiq-Chef Carlo Centonze. Man müsse langjährige Beziehungen haben, um mit ihnen ins Geschäft zu kommen, und zudem mitunter dabei auch nicht nur die saubersten Praktiken anwenden.

Nur einen Grossauftrag konnte Heiq bislang an Land ziehen: Ein Golfstaat kaufte mehrere Kilometer des Spezial­vlieses. Inzwischen haben die Aargauer die aktive Vermarktung des Produkts aufgegeben. «Unser Kerngeschäft ist ein anderes», so Centonze. Es sind Chemikalien, die Textilien ganz bestimmte Eigenschaften verleihen. «Da sind wir inzwischen führend und wachsen rasant. Darum haben wir schlicht zu wenig Ressourcen, um in einen stärkeren Vertrieb bei Oilguard zu investieren», so der Chef der Firma.

Trotzdem geben Firmen rund um den Erdball nicht auf, um den Jackpot der Ölmultis zu knacken. Immerhin kostete die Katastrophe im Golf von Mexiko BP bislang mehr als 60 Milliarden Franken. Vorzusorgen könnte sich da also durchaus lohnen. Die Unternehmen entwickeln ähnliche Produkte wie Deurex und Heiq, die Wasser abstossen und Öl binden. Einige experimentieren dabei mit saugfähigem Torfmoos. Andere setzen auf schmelzgeblasenes Polypropylen.

Erstellt: 06.11.2016, 21:51 Uhr

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