Mobilfunk ist kein Haushaltspapier

Die Telecombranche muss endlich damit aufhören, ihre Netzwerktechnologie wie ein x-beliebiges Produkt zu behandeln.

Gibt zu reden: 5G, die neueste Mobilfunktechnologie. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Gibt zu reden: 5G, die neueste Mobilfunktechnologie. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Arbeiten am neuen Mobilfunkstandard 5G begannen vor rund 3 Jahren mit einem grossen Versprechen: Die Welt sollte endlich ein komplett sicheres Handynetz bekommen. Denn genau das sind alle bisherigen Telefonsysteme nicht: sicher. Gewiefte Hacker waren immer schon in der Lage, unerlaubt Standortdaten von Handynutzern auszulesen und teilweise sogar E-Mails abzufangen oder Anrufe abzuhören. Und wie ETH-Forscher kürzlich gezeigt haben, wird die Möglichkeit der unerlaubten Ortung auch mit dem Standard 5G bleiben. Diese Zeitung berichtet in der gestrigen Ausgabe über eine entsprechende ETH-Studie.

Und wie reagiert die Mobilfunkbranche? Pikiert. Im gestrigen Artikel kamen alle Schweizer Telecomfirmen zu Wort, um Stellung zu nehmen. Schon 2019 soll es mit 5G in der Schweiz losgehen. Doch nach der Lektüre des Artikels fühlten sich alle Seiten gegenüber der Konkurrenz benachteiligt. Eine Firma, weil sie zu prominent erwähnt worden sei; eine andere, weil die Gegenseite mehr Platz zur Stellungnahme bekommen habe. Dabei sind die Schweizer Mobilfunkanbieter nicht einmal schuld an den Sicherheitslücken. Sie können nur das umsetzen, was ihnen das weltweit organisierte 3rd Generation Partnership Project (3PGG) vorsetzt.

Aber das Verhalten der Schweizer Firmen passt ins Bild, das die Telecombranche weltweit abgibt. Sie und ihre Manager tun oft so, als würden sie mit Mobilfunk ein x-beliebiges Produkt verkaufen. Haushaltspapier vielleicht. «Testen Sie jetzt unser neues Supermodell mit drei Lagen!», heisst es in der Werbung der einen Branche. Und in der anderen: «Surfen Sie mit unserem Superpaket mit 1 Gigabyte pro Sekunde im World Wide Web!» 

Doch ein Mobilfunknetz ist eben viel mehr als irgendein Produkt. Es ist das Nervensystem unserer Gesellschaft. Über die virtuellen Leitungen werden heute Beziehungen gepflegt oder Liebschaften beendet; Verträge abgeschlossen oder Mahnungen verschickt; Politik gemacht oder Verbrechen geplant. In absehbarer Zukunft wird jedes Auto, jeder Zug, jeder Bus damit vernetzt sein – und wohl bald auch medizinische Geräte aller Art.

Angesichts der Bedeutung des Mobilfunks wäre mehr Souveränität wünschenswert. Die Branche könnte einfach mal hinstehen und sagen: «Ja, die Netze sind hinsichtlich Datenschutz nicht optimal. Wir sind uns dieser Problematik bewusst. Aber seien Sie versichert: Wir arbeiten am Problem.»  Stattdessen streiten sich alle darum, wer in der Berichterstattung mehr Platz bekommen oder wer den ersten 5G-Mast aufgestellt hat.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.10.2018, 18:42 Uhr

Artikel zum Thema

ETH-Forscher hacken 5G-Handynetz

Gespräche abhören, E-Mails abfangen: Das neue Netz weist Spionagelücken auf. Schweizer Anbieter wollen es 2019 dennoch einführen. Mehr...

Ärzte sind gegenüber 5G skeptisch

Die Schweizer Wirtschaft drängt auf einen raschen Ausbau des 5G-Mobilfunks und fordert dafür eine Lockerung der Strahlungsgrenzwerte. Mehr...

«Wir bringen 5G noch dieses Jahr»

Interview Swisscom-Netzchef Heinz Herren kündigt einen früheren Start des ultaschnellen Netzes an und spricht über die jüngste Pannenserie. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...