Muss Kurer jetzt gehen? 10 Fragen zum geplatzten UPC-Deal

Die Sunrise-Spitze steht vor einem Scherbenhaufen. Warum ist die Übernahme gescheitert? Und was passiert nun mit der UPC?

Sunrise will nun ohne UPC vorwärtsmachen. Bild: Andrea Zahler

Sunrise will nun ohne UPC vorwärtsmachen. Bild: Andrea Zahler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Bombe platzte heute Morgen früh: Sunrise sagte eine ausserordentliche Generalversammlung von morgen kurzerhand ab. Die Übernahme von UPC durch Sunrise ist damit erst einmal vom Tisch. Dies, nachdem der Sunrise-Chefetage klar wurde, dass man mit dem Deal nicht durchkommt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.


Was war der Plan? Sunrise wollte die Kabelnetzbetreiberin UPC Schweiz von Liberty Global übernehmen. Der Preis lag bei 6,3 Milliarden Franken. Der ursprüngliche Plan sah vor, dass Sunrise für die Übernahme eine Kapitalerhöhung durchführt. Nach massiver Kritik daran wurde zuerst die Finanzierungsstruktur angepasst: Mehr Schulden, weniger Kapitalerhöhung war die Devise. Zuletzt wollte Liberty Global den Aktionären den Deal schmackhaft machen und 500 Millionen Franken selber an der neuen Sunrise halten. Doch die Aktionäre liessen sich nicht umstimmen.


Wer kritisierte den Deal? Vor allem der Grossaktionär Freenet stand dem Geschäft kritisch gegenüber. Die deutsche Firma mit Chef Christoph Vilanek an der Spitze hält rund ein Viertel aller Anteile an Sunrise. Der Preis sei zu hoch und man sah keinen Sinn darin, in ein Kabelnetz zu investieren. Dies, weil der Ausbau der Mobilfunktechnologie 5G das Kabelgeschäft kannibalisieren würde.

Zusätzlich zu Freenet meldete sich auch Axxion zur Sprache. Wer genau hinter dem Fonds steht, ist bis heute nicht geklärt. Axxion stellte den Antrag, an der ausserordentlichen Generalversammlung Verwaltungsratspräsident Peter Kurer und Verwaltungsratsmitglied Jesper Ovesen abzuwählen. Ebenfalls zu den Kritikern unter den Aktionären gehört Active Ownership Capital. Dessen Vertreter hatten klargemacht, dass man über 40 Prozent der Aktienstimmen gegen den Deal hinter sich vereinen konnte.


Wie geht es nun weiter? Peter Kurer zeigte sich in einer Mitteilung weiterhin überzeugt vom Deal. Doch dieser dürfte nun vom Tisch sein. Die Stimmverhältnisse dürften sich in den nächsten Monaten nicht wesentlich ändern. Der Aktienkaufvertrag zwischen Sunrise und UPC-Mutterkonzern Liberty Global läuft laut Sunrise bis 27. Februar 2020 und bleibt in Kraft, bis eine Partei ihn kündigt. Liberty Global verweist zudem auf die Möglichkeit einer neuen ausserordentlichen Generalversammlung.

Ganz anders klingt es aber von Sunrise-Chef Olaf Swantee. Er sagte gegenüber der Agentur AWP, dass es keine weiteren Verhandlungen mehr mit Liberty Global gebe. Man wolle nun allein weiterfahren. Der Kaufvertrag bleibe noch bestehen, damit auf beiden Seiten eine koordinierte Abwicklung der Integrationsarbeiten stattfinden könne und die Vertraulichkeit der Informationen weiter gewahrt bleibe, sagte zudem Sunrise-Finanzchef André Krause.


Was passiert nun mit UPC? Die Zukunft von UPC Schweiz ist erst einmal offen. Gegenüber AWP sagte Sunrise-Finanzchef Krause: «Liberty hat keinen Handlungsdruck. Die müssen nicht verkaufen.» Fest steht aber: Liberty Global verkaufte in letzter Zeit immer wieder Kabelnetze. Daher ist es realistisch, dass der Konzern versucht, UPC trotzdem irgendwie abzustossen. An wen, ist allerdings schwer abzuschätzen.

Marktführer Swisscom braucht das Kabelnetz nicht, und der Mobilfunkanbieter Salt kann den Deal. wie er heute steht, kaum stemmen. Möglich ist etwa auch, dass Sunrise und UPC Partnerschaften eingehen. Oder dass der Aufkauf langfristig wieder zum Thema wird. Dies allerdings zu einem deutlich tieferen Preis. Immer unter der Voraussetzung, dass Hauptaktionär Freenet bleibt. In einem Szenario, bei dem sich etwa Liberty Global den Anteil von Freenet kauft, wäre das Geschäft schneller wieder ein Thema.


Wie hoch sind die Kosten des geplatzten Deals? Klar ist bereits, dass Kosten von 50 Millionen Franken als Abbruchsgebühr aus Sunrise zukommen. Zusätzlich seien « Finanzierungs-, Beratungs- und Integrationskosten entstanden, die wir im Moment noch nicht abschliessend benennen können», sagt Krause.

Was sagen die Gegner der Übernahme?
Freenet-Chef Christoph Vilanek will auf Anfrage nun nicht von einem Sieg sprechen, den die Aktionäre errungen haben. Zu viel Geld und Zeit sei investiert worden, um den Deal doch noch durchzubringen. Nun gelte aber: Mund abwischen und nach vorne schauen. Eine Absetzung von Verwaltungsratspräsident Peter Kurer fordert Christoph Vilanek ausdrücklich nicht. Aber: «Er muss sich Gedanken darüber machen, ob er noch auf dem richtigen Dampfer ist.» Und um bei der Analogie zu bleiben, fordert Vilanek, dass Sunrise-CEO Olaf Swantee nun das Schiff in einen sicheren Hafen bringe.


Bleibt Swantee Chef von Sunrise? Immer wieder liess Olaf Swantee durchblicken, dass er bei einem gescheiterten Deal einen Rücktritt erwägt. Nun ist aber klar: Swantee bleibt. Er sagte, dass die Standalone-Strategie von Sunrise stark sei und man nun damit weiterfahren werde.


Was passiert mit Verwaltungsratspräsident Peter Kurer? Die Absage der ausserordentlichen Generalversammlung ist eine erhebliche Niederlage für Peter Kurer. Aus seinem Umfeld ist allerdings zu vernehmen, dass er seinen Posten nicht verlässt. Das wäre passend zu seinem Vorgehen etwa bei der UBS. Auch dort blieb er lange auf dem Stuhl des Verwaltungsratspräsidenten sitzen, auch als er arg unter Druck kam.


Was bedeutet der geplatzte Deal für den Schweizer Telecommarkt? Eine neue Sunrise hätte mit einem eigenständigen Vollangebot aus Festnetz, Mobilfunk, Internet und Fernsehen den unangefochtenen Marktführer Swisscom erstmals seit der Liberalisierung des Telecommarktes ernsthaft herausfordern können. Geschehen wäre dies aus Konsumentensicht auch mit attraktiveren Promotionen und besseren Angeboten. Auch wenn nun kein gewichtiger Konkurrent entsteht, rechnet der staatsnahe Betrieb dennoch «mit weiteren Bewegungen im Markt». Ein Swisscom-Sprecher verweist auf die hohen Investitionen, die jedes Jahr nötig seien, um die Netze auf dem neuesten Stand zu halten und wettbewerbsfähige Dienstleistungen zu machen.


Was passierte an der Börse? Der Aktienkurs stieg bei Börsenstart um 1,4 Prozent an. Das ist wenig überraschend. Schon im Vorfeld hatten sich die Märkte erfreut gezeigt, wenn öffentlich Kritik am Deal aufkam. Seit Mai ist der Wert der Aktie um 15 Prozent gestiegen.

Erstellt: 22.10.2019, 13:50 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Debakel auf der ganzen Linie

Kommentar Der grösste Schweizer Telecomdeal zwischen Sunrise und UPC ist vom Tisch. Zurück bleiben viele Verlierer – und ein unscheinbarer Kandidat als möglicher UPC-Käufer. Mehr...

Sunrise sagt GV ab – damit platzt der UPC-Deal

Am Mittwoch wollte Sunrise an einer ausserordentlichen GV über den UPC-Kauf entscheiden. Nun folgt der Rückzieher. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Hauptaktionär. Mehr...

Wer steckt hinter der Kampagne gegen die Übernahme von UPC?

Gegner des Milliardengeschäfts machen im Internet Stimmung gegen Sunrise – ohne zu sagen, wer sie sind. Eine Spur führt nach Zürich. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...