Negativzins: Credit Suisse widerspricht der Bankenwelt

Fast sah es nach orchestrierter Aktion aus: Bankiervereinigung und UBS haben die Nationalbank zuletzt harsch kritisiert. Jetzt hält die CS dagegen.

Attackiert von der einen Grossbank, verteidigt von der anderen: Tidjane Thiam und Sergio Ermotti haben unterschiedliche Meinungen zur Negativzinspolitik der Nationalbank. Foto: Denis Balibouse (Reuters)

Attackiert von der einen Grossbank, verteidigt von der anderen: Tidjane Thiam und Sergio Ermotti haben unterschiedliche Meinungen zur Negativzinspolitik der Nationalbank. Foto: Denis Balibouse (Reuters)

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Nationalbank-Präsident Thomas Jordan und sein Direktorium können sich freuen. Von den Ökonomen der Credit Suisse bekommen sie Rückendeckung, was die Geld- und insbesondere die Negativzinspolitik anbelangt. Letztere würde dabei helfen, eine noch stärkere Überbewertung des Frankens zum Euro zu verhindern, heisst es in einer am Dienstag veröffentlichten Analyse. Das sei im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld weiterhin sinnvoll.

Die CS-Ökonomen nehmen mit ihrer wohlwollenden Einschätzung zu den Negativzinsen eine pointierte Gegenposition ein – nicht nur zur Schweizerischen Bankiervereinigung, sondern auch zur UBS. Vertreter beider Institutionen hatten in jüngerer Zeit Sinn und Zweck dieses geldpolitischen Instruments in Zweifel gezogen. So äusserte Jörg Gasser, Geschäftsführer der Bankiervereinigung, kürzlich in einem Interview mit dieser Zeitung die Ansicht, es sei «nicht zwingend, dass der Franken bei einer langsamen Anpassung weg von den Negativzinsen stark aufwertet».

Unter dem Titel «Negativzinsen aus Unternehmenssicht schädlich» hatte die UBS Anfang November eine Umfrage unter 2500 Firmenchefs und leitenden Angestellten in der Schweiz publiziert. Deren Kernaussage lautete: Fast zwei Drittel der Befragten meinten, die Kosten der Negativzinspolitik seien grösser als ihr Nutzen. Was Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz der UBS, in seinen einleitenden Worten zum Fazit bewog, dass eine langfristige Fortführung der Negativzinsen «kaum im Gesamtinteresse der Schweiz liegen kann».

Ausstieg ist nicht absehbar

Der Verweis auf das «Gesamtinteresse des Landes» war auch letzte Woche wieder eines seiner zentralen Argumente, mit denen Thomas Jordan vor den Medien das Festhalten am Negativzins von –0,75 Prozent begründet hatte. Die CS-Ökonomen ihrerseits halten einen Ausstieg aus dem jetzigen geldpolitischen Regime noch für längere Zeit für «unwahrscheinlich», wie sie in ihrem Papier festhalten. Voraussetzung dafür wäre, dass die Zinsen an den internationalen Kapitalmärkten steigen und insbesondere die Europäische Zentralbank ihre Zinsen erhöht.

Weitaus am meisten profitiert haben demnach der Staat respektive die Steuerzahler: 23 Milliarden Franken.

Würde die Nationalbank hingegen ihre Leitzinsen eigenständig anheben, wäre laut Credit Suisse mit einer «sprunghaften Aufwertung» des Frankens zu rechnen. Den Exporteuren und der gesamten Volkswirtschaft entstünde dadurch beträchtlicher Schaden, sind die Autoren überzeugt. Nach ihren Schätzungen ist der Franken gegenüber dem Euro bereits jetzt um etwa 10 Prozent überbewertet; den fairen Wechselkurs sehen sie bei 1.22 Franken. 

Die CS-Experten haben darüber hinaus versucht, die Gewinner und Verlierer der mittlerweile seit 2008 währenden Tiefzinsphase zu ermitteln; die Negativzinsen sind von der Nationalbank vor genau fünf Jahren eingeführt worden. Weitaus am meisten profitiert haben demnach der Staat respektive die Steuerzahler: 23 Milliarden Franken – so viel konnten Bund und Kantone zwischen 2008 und 2017 an Zinskosten einsparen; allein auf den Bund entfielen 13 Milliarden.

Nationalbank soll mehr Gewinn ausschütten

Was die Privathaushalte betrifft, so halten sich Plus und Minus in den Augen der CS-Ökonomen ungefähr die Waage. Den sinkenden Zinslasten für Hypotheken und andere Schulden stehen die zum Teil bis auf null geschrumpften Zinserträge auf Sparkonten und Obligationen gegenüber. Allerdings ist anzunehmen, dass die Bilanz für Haushalte mit höheren Einkommen günstiger ausfällt als für Geringverdiener: Sind es doch die besser Betuchten, die zu Schuldenaufnahmen und risikoträchtigeren Anlagen in der Lage sind und damit unmittelbaren Nutzen aus tiefen Zinsen ziehen können.

Die Kreditvergabe der Banken sei durch die Negativzinsen nicht beeinträchtigt worden.

Klar der Verliererseite zuzuordnen sind natürlich die Pensionskassen, die einerseits Negativzinsen auf ihren Liquiditätsbeständen abführen und anderseits mit den drastisch geschrumpften Anleihenrenditen zurande kommen müssen. Und die Banken? Dazu halten die Autoren fest, dass die exakten Kosten aufgrund der Negativzinspolitik schwierig zu ermitteln seien. Auch ergebe sich aus den Angaben diverser inländischer Banken ein uneinheitliches Bild zur Wirkung von Zinsänderungen. Immerhin eines lässt sich sagen: Die Kreditvergabe der Banken sei durch die Negativzinsen nicht beeinträchtigt worden.

Abschliessend äussert sich das Papier noch zu den jährlichen Gewinnausschüttungen der Nationalbank an Bund und Kantone. Hier könne durchaus eine Erhöhung in Betracht gezogen werden, argumentieren die CS-Ökonomen. In den nächsten fünf Jahren rechnen sie angesichts der enorm gestiegenen Devisenreserven der Nationalbank mit jährlichen Erträgen von 15 bis 20 Milliarden Franken. In einem Krisenszenario müsse aber auch ein Verlust von 75 Milliarden einkalkuliert werden. 

Erstellt: 17.12.2019, 09:14 Uhr

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