Null Inflation, null Lohnerhöhung, null Zins

Die alte monetaristische Theorie im Kopf, kehrt unser Autor zurück zu seinen Professoren und fragt: Habe ich den Verstand verloren?

«Niemand kriegt mehr Geld ins Portemonnaie»: Ein Mann mit leeren Taschen. Foto: iStock

«Niemand kriegt mehr Geld ins Portemonnaie»: Ein Mann mit leeren Taschen. Foto: iStock

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Nach meinem Studium der Ökonomie an der Universität Basel schrieb ich als Journalist drei Jahrzehnte lang über Wirtschaftspolitik, hauptsächlich in der «Weltwoche». Ich gewann Preise und bildete mir ein, ziemlich viel von der Materie zu verstehen. Ja, ich glaubte an das, was ich verbreitete. Je länger alles rundlief, umso mehr wurde ich zum Neoliberalen. Zwar ist Ökonomie keine exakte Wissenschaft, aber einige Zusammenhänge mit Hand und Fuss gibt es schon, die sich in der Geschichte immer wieder neu bestätigt haben. Dachte ich.

Dann blutete vor einem Jahrzehnt mein Hirn, und als ich aus dem Koma aufwachte, war eine Finanzkrise losgebrochen, die über den heutigen Tag hinaus wirkt. Was mir vorher richtig und vernünftig erschien, gilt seither nicht mehr. Denke ich.

Liegt das an meinem Hirnschaden? Nicht unbedingt, antworten meine Neurologen, die wissen, dass sie über ihre eigene Disziplin nur wenig wissen. Auf einem MRI erkennt man nur, was nicht mehr funktionieren könnte. Doch wie das menschliche Hirn arbeitet, bleibt ein Geheimnis.

Die Volkswirtschaft folgt nicht mehr jener Lehre, die mir an der Universität Basel beigebracht wurde.

Die Sprache habe ich nicht verloren, meine linke Hirnhälfte blieb mehr oder weniger verschont. Dass ich dagegen Zahlen, Reihenfolgen, Konstellationen durcheinanderbringe, haben meine Neurologen geahnt; schliesslich ging meine rechte Hirnhälfte mehr oder weniger kaputt. Mein Glück bestand im Attribut «mehr oder weniger», sowohl links wie rechts. Überall konnten sich neue Verknüpfungen, Synapsen bilden. Therapieren heisst Trainieren, das Hirn ist plastisch. Es verändert sich lebenslänglich neu.

Was bedeutet diese neurologische Diagnose für meine analytische Kompetenz? Dass ich vorsichtig sein muss beim Urteilen über Komplexes wie zum Beispiel über meine frühere Disziplin, die Ökonomie. Dennoch scheint mir klar, dass die Volkswirtschaft nicht mehr jener Lehre folgt, die mir an der Universität Basel beigebracht wurde, denn mein Langzeitgedächtnis ist intakt.

Die Inflation liegt flach

Jeden Montagnachmittag sass ich im Seminar «Aktuelle Fragen zur Wirtschaftspolitik». Vorn die beiden Professoren Silvio Borner und Kurt Schiltknecht, ich, ein damals halblinker Student mit zwanzig anderen von links bis rechts. Wir diskutierten den Wirtschaftsteil der NZZ vom Samstag, damals die publizistische Instanz im Land. «Inflation», dozierte Kurt Schiltknecht im Einklang mit den Monetaristen rund um den Amerikaner Milton Friedman, «ist immer und überall ein rein monetäres Phänomen», verursacht von der Zentralbank. Sobald sie zu grosse Mengen von Geld in Umlauf bringt, wird alles teurer.

Aus dieser Theorie, empirisch einigermassen belegt, wurde das politische Loblied der Monetaristen auf den freien Markt. Die Zentralbank halte die Geldmenge straff, sorge so für Preisstabilität – dann ergebe sich der Rest von allein: Vollbeschäftigung mit wachsendem Wohlstand für alle. Es war die Zeit von Ronald Reagan und Margaret Thatcher. So aberwitzig es heute tönt: Ob eine Politik schlecht oder gut war, massen die Wissenschaftler an der Höhe der Inflation.

Und jetzt? Die Inflation liegt seit einem Vierteljahrhundert flach, schläft in der Schweiz zwischen minus 0,5 Prozent und plus 1,5 Prozent.

Warum die kapitalistische Weltordnung seit so langer Zeit so formidabel funktioniert, bleibt ein Rätsel.

Dabei müsste sie nach allen früheren Theorien geradezu grassieren. In den Achtzigern stieg die Inflation auf sechs Prozent. Ein «rein monetäres Phänomen», weil die Schweizerische Nationalbank massiv im Devisenmarkt interveniert hat. Sie wollte die damalige D-Mark «deutlich über achtzig Rappen» halten, um der Exportindustrie zu helfen, was nur gelang, indem sie Unmengen von Schweizer Franken schöpfte, gegen D-Mark eintauschte, um den Franken zu schwächen. Ich war Neo-Student, und Professor Schiltknecht, hauptberuflich Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank, kannte aus der Praxis, was er uns an der Universität Basel predigte und wovor er uns warnte. Abschreckendes Exempel waren die Siebzigerjahre, als der «reale» Ölschock, «monetär» befeuert vom steigenden Kurs des Frankens, eine Inflation von mehr als sieben Prozent bescherte. Und die Schweiz in eine Rezession stürzte mit einer Arbeitslosenrate auf südeuropäischem Niveau.

Mit diesen vergangenen Theorien im Kopf mache ich mich auf die Suche, als wäre ich ein Neurologe. Warum die kapitalistische Weltordnung seit so langer Zeit so formidabel funktioniert, bleibt ein Rätsel. Mich interessiert einzig, wozu unsere früheren Modelle seit zehn Jahren nicht mehr taugen. Das könnte ja ganz aufschlussreich sein, vor allem im therapeutischen Bereich. – Ich wurde überrascht.

«Die Inflation kommt schon noch»

Zuerst treffe ich Kurt Schiltknecht im Café Goethe in Zürich gleich neben der Redaktion der NZZ, die heute im wirtschaftspolitischen Diskurs auch nicht mehr alles besser weiss. Dass ich von der aktuellen Geldpolitik nichts mehr verstehe, versteht Schiltknecht sofort. Das ergehe allen so, auch den Leuten mit gesundem Hirn. «Die Leute in der Nationalbank verstehen es selber auch nicht mehr.»

Dabei begann es wie gehabt. Die Nationalbank intervenierte massiver denn je im Devisenmarkt, um den Euro auf «mindestens Franken 1.20» zu halten. Schiltknecht schlug Alarm, als wäre die Theorie des Monetarismus gültig wie anno dazumal, als ginge ein Gespenst um die Welt, das Gespenst der Inflation: «In zwei Jahren droht Inflation», prophezeite Schiltknecht vor sechs Jahren in der «Weltwoche». Eine Fehlprognose. Bis heute blieb die Schweiz inflationsfrei wie die ganze Welt, mal abgesehen von Venezuela, Zimbabwe und Nordkorea.

Schiltknecht nimmt einen Schluck Milchkaffee. «Die Inflation kommt schon noch.» Er sagt das weder verbissen noch rechthaberisch, sondern mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit. «Die alten Zusammenhänge sind nicht einfach aus der Welt geschafft.» Nur bleibt die Zunahme des Kreditangebots heute bei den Banken liegen, das zusätzliche Geld kommt gar nicht in der Wirtschaft an.

Politiker äufnen Schulden in Massen, die sie sich selber finanzieren wie früher die Herrscher von Bananenrepubliken.

Acht Tage später treffe ich Silvio Borner. Wir sitzen in der Bar der Zürcher Kronenhalle, es ist früher Nachmittag, schön ruhig. Borner nimmt einen Schluck Espresso und sagt die genau gleichen fünf Worte: «Die Inflation kommt schon noch.» Und sei sie einmal ausgebrochen, «geht es vielleicht schnell schneller, als uns lieb ist».

Es ist zum Verrücktwerden: Heute wäre uns lieb, was damals akademisch verteufelt wurde. Inflation, bitte, ein wenig nur. Alle Zentralbanken aller Länder verfolgen gemeinsam dasselbe Ziel: «zwei Prozent Inflation». Überall überschwemmen sie die Märkte, billionenweise ramassiert die Europäische Zentralbank griechische, italienische, spanische, französische, portugiesische Staatsanleihen. Die US-amerikanische kauft US-amerikanische, alle machen alles, was Gott und die Monetaristen verboten haben. Politiker äufnen Schulden in Massen, die sie sich selber finanzieren wie früher die Herrscher von Bananenrepubliken.

Politiker lieben Inflation

Trotzdem gelingt absichtlich nirgendwo, was früher unabsichtlich überall passiert ist: Inflation zu schaffen, wenn nicht Hyperinflation.

«Achtung», meint Kurt Schiltknecht, «in den USA haben wir bei der Inflation wieder eine Zwei vor dem Komma.» Wäre er Chef der amerikanischen Zentralbank, so wäre er schon «vorsichtig». Bremsen wollte bereits der amtierende Zentralbankchef Jerome Powell. Prompt schimpfte Donald Trump. Denn Trump ist Politiker, und Politiker wünschen immer und überall ewig das Gleiche: Inflation, lieber mehr als weniger. Weil die Inflation nicht zuletzt die Schulden entwertet, die Politiker von Donald Trump bis Emmanuel Macron laufend neu stapeln, sei es für den Bau einer Mauer zu Mexiko oder zur Besänftigung der gilets jaunes. Gerade deswegen bräuchte es ja unabhängige Zentralbanken: damit sich die Politiker keinen «rein monetären» Blödsinn erlauben können. Just wegen dieser überbordenden Staatsschulden ist Silvio Borner überzeugt, dass es zur Inflation kommen muss, sonst bliebe nur die Lösung Staatsbankrott.

Mit Professor Borner bin ich seit zwei Jahrzehnten per Du. «Wie würdest du Studenten heute erklären, warum die monetaristische Theorie ausser Kraft gesetzt ist?» Zunächst möchte Borner festhalten, dass er niemals ein Monetarist war. Er war ein Keynesianer – wenn auch ein «gemässigter» Keynesianer, wie ich damals fand. Nach ihm durfte der Staat wenigstens ein bisschen aktiv in die Konjunktur eingreifen. Denn tiefe Zinsen allein nützen wenig. «Man kann die Pferde zum Brunnen führen, saufen müssen sie selber», zitierte Silvio Borner oft und gern den grossen Ökonomen John Maynard Keynes. Auf die Wirtschaftspolitik übertragen, heisst das: Der Staat kann die Unternehmer mit niedrigeren Zinsen zum Investieren locken, aber investieren müssen sie dann selber.

Nie hätte ich gedacht, dass so ein Wahnwitz Realität wird, und jetzt dauert der Irrsinn bereits vier volle Jahre an.

An der Uni waren solche Differenzen Alltag. Wie wäre das heute? Zwei Professoren, die montags mit ein paar Studenten ziellos darüber diskutieren, was in der NZZ vom Samstag stand? «Undenkbar», sagt der 78-jährige Borner. «Die heutigen Studenten müssen Punkte sammeln, sich spezialisieren, es gilt das Bologna-System», fügt der EU-Gegner hinzu, der sich früher öffentlich für den Beitritt zum EWR engagierte, während Schiltknecht den EWR-Beitritt ebenso vehement bekämpfte. Solche Dispute im gleichen Hörsaal oder auf Podien würden heute vom Dekan auch nicht mehr geduldet, meint Borner, während zu unseren Zeiten das Bonmot galt: «Treffen sich zwei Ökonomen, resultieren drei Meinungen.»

Ich will über «negative Zinsen» reden, weil ich mir da eine Einschätzung zutraue: «Negative Zinsen sind etwas Hirnverbranntes.» Wer sich verschuldet, darf nicht belohnt, wer spart, darf nicht bestraft werden. Auf diese Weise erklärt die Nationalbank ihre eigene Währung für weniger als wertlos. Nie hätte ich gedacht, dass so ein Wahnwitz Realität wird, und jetzt dauert der Irrsinn bereits vier volle Jahre an. Also mäandert das Überflüssige auch in kuriose Sphären wie Bitcoins, die zum Höhepunkt der Welle umgerechnet so viel «wert» waren wie alle Nestlé-Aktien zusammen. Mich wundert höchstens, warum nicht mehr solche Blasen platzen. Und wie immer werden alle Experten im Nachhinein die Klugen spielen: Es sei doch völlig klar gewesen, dass negative Zinsen die Leute zu irrationalem Handeln verleiten.

Run auf die Tulpenzwiebel

Neulich nahm ich ein Buch des verstorbenen Ökonomen John Kenneth Galbraith hervor: «Eine kurze Geschichte der Spekulation». Diese beginnt mit den Tulpenzwiebeln, die von Konstantinopel nach Holland gelangten und dort einen Run auslösten: «Im Jahr 1636 konnte eine Zwiebel, die vorher keinen erkennbaren Wert besessen hatte, für einen Wagen, zwei graue Pferde und ein vollständiges Geschirr eingetauscht werden.» Galbraith berief sich bei seinen Thesen auf den «gesunden Menschenverstand»; so etwas weiss ich als Hirnverletzter zu schätzen.

Kurt Schiltknecht hat von Bitcoins nie etwas gehalten, von Galbraith wenig – der habe zu sehr dem Staat vertraut. Aber von negativen Zinsen, darin gibt er mir recht, hält er schon gar nichts.

Und Silvio Borner?

«Natürlich habe ich früher doziert, in einer wachsenden Wirtschaft muss der Zins positiv sein.» Allerdings dozierte er das zu Zeiten, als Inflation herrschte, dieses süsse Gift, welches für eine allgemeine «Geldillusion» sorgt. Bereinigt mit den jeweiligen Inflationsraten, sind die Zinsen in der Geschichte immer mal wieder negativ gewesen. Ähnlich bei den Löhnen: Zu inflationären Zeiten steigen Löhne in Franken immer – aber nicht immer halten sie mit der Teuerung Schritt. Just dahinter steckt die Magie der Inflation. Sie erlaubt uns, uns durchzumogeln. Sie schaukelt uns in eine falsche Euphorie. Nicht nur die Kapitalisten, auch brave Sparer und Büezer bekommen ein bisschen mehr Geld ins Portemonnaie; allerdings merken sie kaum, dass auch die Waren ein bisschen teurer werden. Eine Art Wahrnehmungsstörung, neuropsychologisch erklärbar, aber nur vorübergehend.

Niemand kriegt mehr Geld ins Portemonnaie.

Bald nehmen die Gewerkschafter die prognostizierte Teuerung vorweg, fordern höhere Reallöhne, es entsteht eine Dynamik, die Borner und Schiltknecht eine Lohn-Preis-Spirale nannten und von uns Studenten als Preis-Lohn-Spirale identifiziert wurde – kurz: Wir stritten um Nuancen, ohne eine Ahnung zu haben, dass eine Zeit kommen würde, in der nichts mehr nach oben spiralt. Null Inflation, null Lohnerhöhung, null Zins, minimes Wachstum. Und eine Stimmung herrscht, die so depressiv ist, dass ein antikapitalistischer Populismus von links und vor allem von rechts ertönt, der Angst macht. Obschon ja keine Rezession herrscht. Aber niemand kriegt mehr Geld ins Portemonnaie.

Die Inflation ist weg

Gross in Mode gekommen ist der französische Ökonom Thomas Piketty. «Das Kapital», heisst sein Werk in Referenz auf Karl Marx. Piketty prangert die ungleiche Verteilung der Vermögen an, die nirgends so ungleich ist wie in der Schweiz. Alles längst bekannt. «Um die Vermögensverteilung darzustellen, braucht es kein Koordinatensystem, da genügt die senkrechte Achse», spassten wir an der Uni. Bestes Beispiel ist Basel mit seinem «Daig», der obersten Schicht, deren Familien sich erst glücklich schätzten, wenn sie von den Zinseszinsen leben konnten.

Aber wer weiss denn heute noch, was Zinseszinsen sind? Seit die Zinsen auf null gesunken sind, wenn nicht auf unter null?

Weil ich aus neurologischen Gründen vorsichtig sein muss mit Ziffern, hilft mir Professor Schiltknecht nach: «Die Zahl 72 dividiert durch die Anzahl Prozent Zins ergibt die Anzahl Jahre, bis sich eine Summe verdoppelt.» Konkret: Bei einem jährlichen Zins von zehn Prozent verdoppelt sich das Vermögen alle 7,2 Jahre. Eine derart wundersame Geldvermehrung war in den Achtzigerjahren frei erhältlich, mündelsichere deutsche Staatsanleihen warfen zehn Prozent ab. Fällt der Zins auf sechs Prozent, verdoppelt sich das Vermögen alle zwölf Jahre, bei einem Zins von vier Prozent noch alle achtzehn Jahre. Das schien uns ein plausibles Geschäftsmodell für Pensionskassen, die damals angeschoben, montags bei uns debattiert und schliesslich offiziell für obligatorisch erklärt wurden.

Mit welchen Resultaten? Bei drei Prozent Zins wurde es für die Pensionskassen schwierig, bei zwei Prozent kritisch, bei einem Prozent dramatisch. Und bei null Prozent? Oder bei zehnjährigen Schweizer Bundesobligationen sogar unter null Prozent?

«Das Volk wird enteignet», konstatiert Borner trocken. Das Wort «enteignet» scheint mir etwas radikal gewählt, doch Schiltknecht, einst SP-Mitglied, schaut ebenso nachdenklich drein: «Niemand denkt an die kleinen Leute.» Beim Sparen müssen sie der Bank eine Gebühr dafür entrichten, dass ihnen die Bank keinen Rappen Zins auf das Konto zahlt.

Wäre ich jetzt forsch und fit wie als Student, würde ich kontern: Herrscht zu viel Inflation, kommen die kleinen Leute zu kurz, herrscht zu wenig Inflation, werden sie enteignet. Und – Ironie des Schicksals – erstmals, seit es den Monetarismus gibt, haben die Monetaristen ihr Ziel erreicht: Die Inflation ist weg.

Die Konkurrenz wächst schnell

Doch weil ich etwas schwer von Begriff geworden bin, stelle ich meine immer gleiche Frage nochmals: «Wo zum Teufel bleibt die Inflation, trotz des phänomenalen monetären Schlendrians, der theoretisch zu nichts anderem führt als zur Inflation?»

Plötzlich redet der Monetarist Schiltknecht von realen Phänomenen. Erstens vom tief gefallenen Ölpreis. Zweitens von der Globalisierung. Die Chinesen versorgen die Welt mit Massenwaren, spottbillig, technologisch ausgereift. Das immer Günstigere verwandelt sich ins Multifunktionale, Smartphones sind auch Fotoapparate, Aufnahmegeräte, Kalender, Taschenlampen. Walkmen und Gameboys sind längst passé, und während ich mir als Student eine LP im Monat leisten konnte, erhalten Kinder heute zum halben Preis einen Monat Zugang zur Musiksammlung der Welt. Das Netflix-Monatsabo ist billiger als ein Kinobillett. Das Auto wird auf kurzer Distanz durch Uber ersetzt, sonst durch Mobility. Airbnb ist für ein paar Tage Urlaub angenehmer und billiger als das Hotel. Das Lexikon unter Wikipedia wird laufend von Freiwilligen aktualisiert.

Das Gleiche kann nicht mehr am Gleichen gemessen werden.

Das alles, was für uns Konsumenten wundervoll ist, wird für Statistiker zum Albtraum: Wenn sich der Preis des Office-Pakets von Microsoft verändert, ist es egal – weil das Gratisprogramm LibreOffice mindestens ebenso gut ist. Das Gleiche kann nicht mehr am Gleichen gemessen werden, die rechnerisch ermittelte Inflationsrate sagt wenig bis nichts mehr aus in der digitalen Welt. Dank Whatsapp telefonieren wir von überall nach überall gratis, die Roaminggebühren sind kein Thema mehr. Und wer sich dem Giganten Facebook nicht ausliefern will – Whatsapp gehört Facebook –, wechselt zur App «Telegram», die Konkurrenz wächst im Digitalismus schnell.

Der Markt spielt

Drittens, fährt der EU-Gegner Schiltknecht fort, hält die Personenfreizügigkeit in ganz Europa die Löhne tief. Ich erzähle ihm aus dem Leben meines Coiffeurs, eines Kurden aus Syrien, und der ehemalige Bankier Schiltknecht, der mit dem Bankier Martin Ebner in den Neunzigerjahren erfolgsabhängige Honorare in Millionenhöhe verdient hat, zeigt aus dem Fenster des Cafés auf die Strasse, an der er weiter unten in seiner Attika wohnt. Auch hier: zwei neue Coiffeursalons, «Herren 25 Franken». In der Folge hat Schiltknechts Stammcoiffeur seine Preise ebenfalls angepasst. «Der Markt spielt.»

Just die Zuwanderung jedoch führt zu einer neuartigen «Illusion». In Zahlen wächst die Schweizer Wirtschaft wieder, aber nur in absoluten Zahlen. Umgerechnet pro Kopf, herrscht Stagnation.

Und wenn hiesige Gewerkschaften zum letzten Kampf aufrufen, zeigt ihre Wortwahl, wie defensiv das gemeint ist: «Lohnschutz». Das Salär für gewöhnliche Handwerker und andere weniger Privilegierte soll eingefroren werden. «Mehr Lohn», das war früher. «Mehr Reallohn», das war noch früher – zu inflationären Zeiten.

Laut Piketty öffnet sich die Schere zwischen unten und oben systematisch weiter, weil die Rendite des Kapitals seit Jahrhunderten höher ist als das Wirtschaftswachstum. Pikettys Statistiken sind methodisch umstritten, aber Schiltknecht lässt das Prinzip als Prognose gelten: «Wenn Sie heute Nestlé-Aktien kaufen, resultiert in den nächsten zehn Jahren mit grösster Wahrscheinlichkeit eine Dividende von mehr als zwei Prozent.» Der britische Ökonom Paul Collier von der Oxford University, ein Fan des Kapitalismus, sieht schwarz für dessen Zukunft angesichts der Kluft zwischen reichen und armen Ländern, Facharbeitern und Hilfsarbeitern, Provinzstädten und Metropolen, Hausbesitzern und Landlosen.

Aus der Vergangenheit die richtigen Lehren gezogen

«Was würdest du uns heute anders unterrichten, wenn wir immer noch an der Uni Basel wären?», frage ich Silvio Borner. «Weniger Makro.» Mit «Makro» ist das volkswirtschaftliche Ganze gemeint, Inflation, Zinsen, Arbeitslosigkeit, Wechselkurse. Heute sei doch allen klar, wie wenig ein rein mechanistisches Lehrbuch taugt, da macht das wirtschaftspolitische Feintuning, über das wir früher gestritten haben, keinen Sinn mehr. Also setzt Borner auf «Mikro». Damit meint er die Funktionsweise einzelner Märkte, wo die ökonomische Analyse weiterhin ihren Platz hat.

Etwa unter dem Titel «Falsche Anreize». Was die bewirken, zeigt sich im Kleinen wie im Grossen. Warum vor zehn Jahren die Finanzkrise ausbrach, darüber herrscht heute Common Sense: weil die ach so seriösen Bankiers auf einem Auge blind waren und mit dem anderen nur auf ihre Boni schauten. Also liessen sich die Bankdirektoren von den Untergebenen überlisten, sodass Kredite in zweifelhafte Geschäfte flossen, zum Beispiel in Bruchbuden der amerikanischen Prärie. «Am Anfang», betont Silvio Borner, «stand der staatspolitische Auftrag, Wohneigentum zu fördern.» Am Ende wurden riskante Schuldscheine von Finanztechnikern zu Paketen geschnürt, die von niemandem mehr durchschaut wurden, aber bejubelt und mit Boni honoriert.

Für das grosse Erwachen sorgte Alan Greenspan, damals Präsident der US-Zentralbank, als er die Zinsen Schritt für Schritt erhöhte. Weltweit kamen Banken ins Wanken, bis das systemrelevante Institut UBS vom Schweizer Bundesrat und der Nationalbank überbrückt werden musste. Man kann das «Gier» der Manager nennen oder konsequentes Verhalten. Die Bankiers haben den eigenen Nutzen optimiert.

In Kolloquien haben wir solche Prinzipien gern auf andere Gebiete übertragen, etwa auf das Gesundheitswesen: Je öfter Chirurgen operieren, umso mehr verdienen sie. Also operieren sie eher einmal zu viel als einmal zu wenig – mit teils fatalen Folgen, schliesslich ist die Medizin, ähnlich wie die Ökonomie, keine exakte Wissenschaft. Jede Operation kann zu Komplikationen führen. Im Wissen darum habe ich eine second opinion eingeholt. Der zweite Kardiologe bestätigte, die Herzoperation war nötig. Zehn Tage später kam es zur ersten Komplikation, fünfzehn Tage später zur zweiten, notfallmässig musste ein Neurochirurg eingreifen. Die Gehälter solch verantwortungsvoller Spezialisten sind hoch, aber verglichen mit den Boni dreister Bankdirektoren nicht unverschämt hoch. Am meisten von allen Ärzten verdienen die Neurochirurgen – eine halbe Million Franken im Jahr. Zu viel? Einer von ihnen hat mir das Leben gerettet.

«Über das Hirn weiss man viel weniger als etwa übers Herz», vermutet auch Borner. Es ist nicht lange her, da hat der emeritierte Professor im Basler Restaurant Kunsthalle geschäftlich Zmittag gegessen, es wurde ihm drümmelig, er ging aufs WC – und wachte daheim im Bett auf, im Pyjama. Wie viele Enkelkinder er habe, auf solche Fragen wusste der sechsfache Grossvater keine Antwort. Silvio Borner hatte eine vorübergehende Amnesie, die Neurologen haben ein MRI gemacht, nichts gefunden, seither ist er wieder munter.

«Welches war dein einflussreichstes Buch?» Borner hält diese Frage für nicht so relevant. Wichtiger ist ihm, welche Leute er ausgebildet hat. Etwa Aymo Brunetti. Als der an der Uni Basel anfing, war ich schon wieder weg. Brunetti wurde Borners Oberassistent, schaffte es im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zum obersten Direktor, war damit «Chefökonom» der Eidgenossenschaft und ist heute an der Uni Bern Professor für Volkswirtschaftslehre.

«Ausnahmezustand», heisst sein neues Buch. Demnach wurden aus der Vergangenheit die richtigen Lehren gezogen, insbesondere aus dem Crash von 1929 und der darauffolgenden Weltwirtschaftskrise. Man hat erkannt, was damals nicht funktioniert hat, und man hat geahnt, was diesmal – beim Ausbruch der Finanzkrise vor zehn Jahren – helfen könnte. Ausnahmsweise waren sich die meisten Wissenschaftler und Politiker sogar einig. Diesmal brauchte es eine radikale Therapie: eine Geldpolitik, so locker wie nie zuvor, mit Zinsen, so tief wie nie zuvor.

Zuerst kommen die kleinen Leute zu kurz

Was passiert nun, wenn diese Zinsen auf ein Niveau steigen, das dem «gesunden Menschenverstand» entspricht? Ökonomen wissen höchstens, dass sie über Ökonomie nicht sehr viel wissen. Aber ein wenig schon. So wie die Neurologen über die Neurologie erst wenig wissen – aber im therapeutischen Bereich bereits sehr viel.

Als Patient habe ich erfahren: Ja, es gibt bleibende Schäden, mit denen man sich abfinden muss. Aber es bilden sich neue Synapsen. Wer Glück im Unglück hat, kann durch Training verbliebene Fähigkeiten stärken und so einiges «kompensieren», wie es Neuropsychologen ausdrücken.

Und was bedeutet «kompensieren» in der Ökonomie? «Abwälzen.» Sobald die Zinsen steigen, werden Überschuldete straucheln. Die meisten von ihnen sind aber so mächtig, dass sie die Kosten abwälzen können. Überschuldete Immobilienhaie erhöhen die Mieten, überschuldete Industriekapitäne die Preise. Es folgt die ersehnte Inflation, die nicht alle gleich trifft. Zuerst kommen die kleinen Leute zu kurz. Doch was, wenn später die Reallöhne steigen? Dann nenne ich das eine Zins-Preis-Lohn-Spirale.

(Das Magazin)

Erstellt: 11.02.2019, 15:20 Uhr

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