«Nur eine Nacht!»

Immer mehr Frauen berichten, wie sie im Silicon Valley von Geldgebern sexuell belästigt wurden. Von einer Welt, die das Geben und Nehmen einseitig definiert.

Als Ellen Pao 2012 gegen ihren damaligen Arbeitgeber Kleiner Perkins klagte, kam der Sexismus im Silicon Valley erstmals auf die Agenda.

Als Ellen Pao 2012 gegen ihren damaligen Arbeitgeber Kleiner Perkins klagte, kam der Sexismus im Silicon Valley erstmals auf die Agenda. Bild: Robert Galbraith/Reuters

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Er war immer so nett zu ihr gewesen. Dave McClure hatte ihr Start-up Reclip.It in seinen Inkubator aufgenommen, obwohl die Bewerbungsfrist schon abgelaufen war. Er hatte ihr Geld und viele Ratschläge gegeben und sie zu einem wichtigen Networking-Essen mitgenommen. Einmal, beim Wein, hat er ihr sogar von seinen innersten Ängsten erzählt und davon, wie oft er missverstanden werde. McClure war auf ihrer Seite, dachte Cheryl Yeoh.

Bis zu dieser einen Nacht vor drei Jahren. Yeoh hatte gerade ihre eigene Start-up-Schmiede in Malaysia eröffnet, McClure unterstützte sie. Nach einem Tag voller Meetings trafen sich Yeoh, McClure und eine Handvoll Kollegen noch in Yeohs Wohnung, um über Ideen für die Zukunft zu diskutieren. McClure schüttete immer wieder Scotch in Yeohs Glas nach. Lange nach Mitternacht verabschiedeten sich alle anderen. Ob er nicht auch gehen wolle, fragte Yeoh, doch McClure sagte Nein, weigerte sich, auf dem Gästesofa zu schlafen, folgte ihr ins Schlafzimmer. Sie redete von ihrem Freund, McClure ignorierte das. Sie versuchte ihn zur Tür zu schieben. Er bedrängte sie, versuchte sie zu küssen. «Nur eine Nacht, bitte nur ein einziges Mal», bettelte er. Yeoh rief immer wieder «Nein». Als sie es schaffte, ihn aus ihrer Wohnung zu werfen, war sie in Tränen aufgelöst.

Endlich will jemand ihre Geschichten hören

Yeoh hat sich jetzt getraut, auf ihrem Blog von diesem Erlebnis mit einem der bekanntesten Wagniskapitalgeber des Silicon Valley zu berichten. Vor ihr hatten sechs weitere Frauen von ähnlichen Erlebnissen mit McClure erzählt. Er ist deshalb jetzt von seiner Rolle als Partner der Wagniskapital- und Inkubatorenfirma 500 Start-ups zurückgetreten. «Ich bin ein Widerling», sagte er. «Es tut mir leid.»

Er ist nicht der Einzige. Nur wenige Tage zuvor hatten sich mehrere Frauen getraut, mit Berichten von Übergriffen eines anderen Wagniskapitalgebers an die Öffentlichkeit zu gehen. Justin Caldbeck von der Venture-Capital-Firma Binary Capital, ebenfalls ein mächtiger und geachteter Investor, soll demnach versucht haben, junge Gründerinnen, denen er eine Finanzierung in Aussicht gestellt hatte, nachts in sein Hotelzimmer zu locken. Caldbeck ist nun ebenfalls zurückgetreten – auch weil Geldgeber, die seinem Fonds Kapital zur Verfügung gestellt hatten, ihr Geld zurückhaben wollten.

Einige Branchen-Websites und die «New York Times» haben recherchiert und Frauen gefunden, die nach kurzem Zögern dankbar waren, dass endlich jemand ihre Geschichten hören wollte. Fast alle haben zwei Teile: Der erste erzählt von sexueller Belästigung im Silicon Valley, besonders Wagniskapitalgeber nutzen ihre Machtposition gegenüber Gründerinnen aus. Der zweite Teil erzählt vom systematischen Vertuschen in Start-ups und Investorenfirmen und den Drohungen, die Karriere zu ruinieren, sollten die Frauen reden.

Die Sache wird vertuscht

Doch jetzt haben sie Mut gefasst und berichten von den anzüglichen Kommentaren, von Tipps wie «heirate doch jemanden des Geldes wegen» und von unangemessenen Berührungen. Auch Chris Sacca, ein bekannter Investor, soll einer Gründerin ungefragt das Gesicht gestreichelt haben. Sacca bestreitet, dass der Vorfall unangemessen war, entschuldigt sich aber dafür, dass er Teil einer Kultur war, in der sich Frauen nicht willkommen fühlten.

In den vergangenen Wochen sind so viele Opfer an die Öffentlichkeit gegangen, dass sich langsam die Hoffnung durchsetzt, sie könnten einen Kulturwandel in Gang gesetzt haben. Schliesslich sind mit Caldwell und McClure zwei prominente und bisher gut angesehene Start-up-Unterstützer abgestraft worden. Schliesslich mussten bei Uber nicht nur Vorstandschef Travis Kalanick, sondern auch Dutzende Topmanager abtreten, nachdem bekannt geworden war, wie sehr bei der Taxi-Firma Diskriminierung zum Alltag gehörte. Je mehr über sexuelle Belästigung gesprochen wird, desto leichter wird es anderen Opfern fallen, von ihren Erfahrungen zu sprechen - nur dann kann sich etwas ändern, sagt Yeoh. Es ist ihr wichtig, nicht nur abstrakt von «unangemessenem Verhalten» und «Belästigung» zu sprechen, sondern die Details zu beschreiben, Tränen und unerwünschte Küsse inklusive.

Das Silicon Valley ist extrem männlich dominiert, vor allem Risikokapitalgeberinnen fehlen. Das verstärkt den Frauenmangel unter den Start-up-Gründern. Denn es hat sich gezeigt, dass vor allem Frauen dazu geneigt sind, Gründerinnen Geld zu geben oder gemischten Gründer-Teams. Dabei schreiben von Frauen oder gemischten Teams geführte Start-ups schneller Gewinn, gehen seltener insolvent und bringen Investoren bessere Renditen. Trotzdem bekamen frauengeführte Start-ups im vergangenen Jahr nur magere 2,19 Prozent des gesamten Wagniskapitals der USA. Stattdessen werden die Frauen angebaggert.

Mitarbeiter verpflichten sich, nicht zu klagen

Nach den ersten Berichten in den vergangenen Wochen hatten sich vor allem Frauen über die Standards im Silicon Valley aufgeregt, von den meisten Männern und den Unternehmen selbst war wenig zu hören oder wenn, dann waren es Kommentare, die das Problem herunterspielen. Interessieren sich die Männer nicht für sexuelle Belästigung, finden sie so ein Verhalten normal?, fragte darum die Technikjournalistin Sarah Lacy. LinkedIn-Gründer Reid Hoffman antwortet: «Es interessiert viele von uns», schreibt er in gefetteten Grossbuchstaben. «Das ist ein völlig unmoralisches und empörendes Verhalten. Und es liegt an uns, euch dabei zur Seite zu stehen, etwas zu sagen und etwas zu tun.»

Hoffman, der heute Partner in der Wagniskapitalfirma Greylock ist, schlägt vor, alle im Valley sollten ein #DecencyPledge, ein «Gelöbnis der Anständigkeit», ablegen. Seiner Ansicht nach sollten sich alle Investoren selbst verpflichten, künftig Gründerinnen keine Avancen mehr zu machen oder sie anderweitig in unangenehme Situationen zu bringen. Schliesslich sei die Beziehung zwischen Geldgeber und Gründer ähnlich wie die zwischen Chef und Mitarbeiterin, es müssten also die gleichen Standards gelten, Missetäter müssten geächtet werden. Hoffman will «null Toleranz» für sexuelle Belästigung.

Ob eine Selbstverpflichtung genügt, ist allerdings fraglich. Frauen wie Susan Fowler, die beim Taxi-Unternehmen Uber Opfer sexueller Belästigung geworden war, fordern, dass die bei Tech-Unternehmen üblichen Schweigeverpflichtungen gelockert werden. Üblicherweise verzichten Mitarbeiter per Vertrag darauf, Klagen gegen die Unternehmen vor öffentlichen Gerichten einzureichen und müssen sich stattdessen mit privaten Schlichtungsstellen begnügen. Frauen trauen sich daher entweder gar nicht, etwas gegen Fehlverhalten zu tun, oder ihre Beschwerden werden nie öffentlich. Durch diese erzwungene Kultur des Schweigens entsteht bei Opfern der Eindruck, sie seien Einzelfälle. Wenn aber mehr Frauen aufdecken, was ihnen passiert, ist zu erwarten, dass ihnen auch mehr Frauen folgen werden.

Erstellt: 07.07.2017, 10:18 Uhr

Sexismus in deutschen Start-ups

In Deutschland gab es bislang keine vergleichbare Debatte über Gründerinnen, die von Investoren sexuell belästigt wurden. Bekannt ist nur ein Fall aus dem Sommer 2014: Damals begegnete die Gründerin Gesche H. auf einer Konferenz in Berlin dem Investor und Journalisten Pavel C., der auch als Mentor in einem Berliner Gründerzentrum tätig war. Nach der Veranstaltung schrieb er ihr eine Mail: «Hey G. I will not leave Berlin without having sex with you. Deal? Pavel.» Die Gründerin machte den Vorfall öffentlich - und fand so heraus, dass eine weitere Konferenz-Teilnehmerin eine solche Mail erhalten hatte. C. entschuldigte sich für die E-Mails - er sei auch bereit, sich mit einem grossen Blumenstrauss dafür zu entschuldigen. Seinen Job als Mentor und als Autor für einen Blog war er danach los.

Dass es in deutschen Start-ups ein Sexismus-Problem gibt, will das Marktforschungsinstitut Innofact im Auftrag der Bild am Sonntag herausgefunden haben: Der kürzlich veröffentlichten Studie zufolge hat mehr als die Hälfte deutscher Start-up-Mitarbeiterinnen in den vergangenen zwölf Monaten sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Knapp ein Drittel der Befragten sei gegen den Willen berührt, ein Fünftel geküsst worden. In traditionellen Unternehmen sei sexuelle Belästigung weniger verbreitet - der Umfrage nach waren dort nur 28 Prozent betroffen. Innofact befragte 200 Start-up-Mitarbeiterinnen und 1000 Frauen aus traditionellen Unternehmen. Die Ergebnisse sind nicht bevölkerungsrepräsentativ. Dem Bundesverband Deutscher Start-ups liegen weder Statistiken noch Hinweise vor, dass es dieses Problem gibt. (Sophie Burfeind)

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