«Die Ölpreise werden sinken»

Erdöl werde nicht knapp, sagt der Ökonom Dieter Helm. Bevor die Quellen versiegen, sei das fossile Zeitalter ohnehin vorbei.

Gemäss Professor Helm müssen sich Automobilisten um die Versorgung mit Öl keine Sorgen machen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Gemäss Professor Helm müssen sich Automobilisten um die Versorgung mit Öl keine Sorgen machen. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Der britische Energieökonom Dieter Helm vertritt in seinem Buch «Burn Out - The Endgame for Fossil Fuels» eine umstrittene These: Die Zeit der dramatischen Öl-Knappheit, vor der viele Experten unter dem Schlagwort «Peak Oil» warnen, werde nie kommen. Stattdessen dürften die Energiepreise von 2020 an sinken – weil die Welt sich von Erdöl, Gas und Kohle löst. Tatsächlich scheint die Entwicklung ihm recht zu geben. Öl ist mit rund 46 Dollar pro Barrel so billig wie lange nicht mehr, und das trotz Wirtschaftswachstum und Förderkürzungen der Opec-Länder.

Professor Helm, wann macht die letzte Tankstelle dicht?
Helm: Das Ende des fossilen Zeitalters ist ein sehr langsamer Prozess, vermutlich werden wir auch am Ende des 21. Jahrhunderts noch kleine Mengen Öl, Gas oder Kohle verbrennen. Aber wir gehen bei allen dreien einem Maximum des Verbrauchs entgegen, und danach wird die Nachfrage kontinuierlich sinken, während das Angebot üppig bleibt. Über die Versorgung mit Öl zum Beispiel müssen wir nicht mehr nachdenken.

Das haben wir jahrzehntelang anders gehört: Irgendwann übersteigt die Nachfrage das Angebot permanent, dann kommt die grosse Wirtschaftskrise.
Viele Experten haben diese Peak-Oil-Theorie vertreten, wonach die Ölpreise immer weiter steigen. Als Beweis galt der Förderrückgang in den USA ab den 1970er-Jahren. Aber die Theorie hat sich auf Annahmen gestützt, die inzwischen widerlegt sind. Damals dachte man zum Beispiel, alle wesentlichen Quellen von Öl zu kennen. Aber dann haben Firmen und Länder noch viel mehr Erdöl entdeckt: in der Tiefsee zum Beispiel. Möglicherweise liegt allein unter der Arktis ein Viertel der gesamten Ölmenge. Und die Industrie hat gelernt, auch aus Schiefergestein mit der Frackingtechnik viel Öl und Gas zu fördern.

«Den Ländern im Nahen Osten dämmert es, dass es vermutlich mehr Profit bringt, ihre Rohstoffe heute zu verkaufen.»

Öl aus Fracking-Bohrungen und anderen unkonventionellen Feldern macht nicht einmal ein Siebtel der Fördermenge aus. Und Geologen sagen, solche Quellen erschöpfen sich schneller als konventionelle Felder.
Diese Technologie wird erst seit weniger als zehn Jahren intensiv genutzt, hat aber schon die Energiemärkte umgekrempelt und zu einem deutlichen Preisverfall geführt. Wir liegen jetzt ungefähr bei 50 Dollar pro Barrel; Ende 2014 waren es noch 100 Dollar. Die förderbaren Mengen in den USA sind im vergangenen Jahrzehnt jedes Jahr gestiegen, das Land produziert jetzt wieder mehr als in den 1970er-Jahren. Und in China, Russland, Algerien, Argentinien und im Nahen Osten ist die Technik noch nicht einmal im Einsatz. Nein, dieser Boom ist noch lange nicht vorbei.

Nach den Gesetzen des Marktes müssten niedrige Preise die Nachfrage fördern.
Nein, denn es ändern sich die Strukturen der Weltwirtschaft. Besonders deutlich sieht man es beim Erdöl, das vor allem für die Petrochemie, also zum Beispiel für die Herstellung von Kunststoffen, und den Transport gebraucht wird. Aber die chemische Industrie steigt bereits in grossem Umfang von Öl auf Erdgas um und arbeitet an vielen neuen Materialien, die gar keine fossilen Rohstoffe mehr brauchen. Und der Verkehr wird zunehmend elektrisch.

Das ist aber optimistisch gedacht. Zunächst steigt mit zunehmendem Wohlstand die Zahl der Autos. Und der Gütertransport nimmt drastisch zu.
Die wachsende Luftverschmutzung zwingt Städte schon heute immer mehr dazu, den Verkehr zu verändern. Die vielen Autos und Lastwagen müssen sauberer werden, wenn sie noch in die Städte fahren wollen. China schreibt darum in Zukunft eine Quote für Elektrofahrzeuge vor. Oder nehmen Sie London mit seiner Citymaut, und Oslo, das Autos an manchen Tagen komplett aussperrt. Die Autos fahren darum vermutlich früher als erwartet mit Strom, die schwereren Fahrzeuge zunächst mit Gas statt Öl. Es dämmert darum den Ländern im Nahen Osten, dass die Ölpreise in Zukunft eher sinken als steigen und es vermutlich mehr Profit bringt, ihre Rohstoffe heute zu verkaufen als morgen.

Video – Der Flugzeugtreibstoff der Zukunft

Die TU München arbeitet am nachhaltigen Fliegen. Quelle: TA/Reuters

Die Opec mit ihren Mitgliedern am Golf sowie Russland und zehn andere Staaten haben gerade beschlossen, die Fördermenge bis März 2018 zu bremsen.
Ach was, dieses Abkommen zeigt doch nur, wie schwach die Opec geworden ist. Die Bremse gilt ja schon eine Weile und ist nur für neun Monate verlängert worden. Die Staaten sind mit ihrem Plan gescheitert, den Öl-Preis wieder in Richtung auf 70 Dollar pro Barrel anzuheben. Und mit jeder Initiative, die Produktion zu beschränken, steigt die Versuchung für einzelne Staaten, das Kartell zu hintergehen.

Wenn die Ölstaaten ihre Bodenschätze lieber heute als morgen fördern und verkaufen, wachsen dann auch die CO2-Emissionen rasant?
Der Verbrauch wird zunächst etwas ansteigen, wenn das Angebot zunimmt. Aber nicht dramatisch. Es geht beim Verhalten der Exporteure vor allem um Marktanteile. Manche Produzenten, etwa solche mit Offshore-Plattformen oder Bohrungen am Rand der Arktis, aber auch die Firmen in Kanada mit den Ölsanden, können beim aktuellen Preisniveau nicht mehr mithalten. Wenn also zum Beispiel die Saudis ihre Produktion hochfahren, verdrängen sie die anderen Lieferanten.

Warum sprechen dann Analysten wie die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) oder die Internationale Energieagentur (IEA) von steigender Nachfrage, die womöglich nicht gedeckt werden kann?
Die IEA hat eine fürchterliche Bilanz bei ihren Prognosen: Sie sind so schlecht, dass man normalerweise besser fährt, wenn man einfach den momentanen Marktpreis fortschreibt. Wie kann man erklären, dass diese Leute unmittelbar vor dem Frackingboom in den USA keine Ahnung hatten, dass er kommt? Die IEA hat doch ein Interesse daran, zu hohe Ölpreise vorherzusagen, schon weil sie in der ersten Ölkrise gegründet wurde. Das zeigen ihre Daten bis zurück in die späten 1970er-Jahre.

Das Ende der fossilen Zeitalters gehe langsam vor sich, sagt Helm. Foto: Matthew Brown (Keytone)

Und die deutsche BGR?
Ihre Regierung hat mit der Energiewende eine Politik gestartet, die sie mit der Erwartung steigender Energiepreise begründet. Gerade Deutschland kann nicht zugeben, dass Peak Oil nicht kommt. Denn dann beginnt eine öffentliche Debatte, warum diese enormen Subventionen in die erneuerbaren Energiequellen geflossen sind.

Die Energiewende wurde doch nicht zentral mit der Annahme begründet, dass das Öl immer teurer wird.
Es gab immer diese industriepolitische Komponente: Die USA würden irgendwann auf teure fossile Energie angewiesen sein, und Deutschland hätte dann eine im Vergleich sehr preiswerte Technologie wie Windräder und Solarparks. Genau das Gegenteil passiert: Amerika hat günstigere Energiepreise, weil es sehr viel billiges Gas zur Stromerzeugung nutzt. In dieser Hinsicht ist die Energiewende gescheitert.

Noch mal zur Ehrenrettung: Die Energiewende sollte demonstrieren, dass auch ein Industrieland seine Wirtschaft klimafreundlich umbauen kann.
Ja, aber sehen Sie doch, was passiert ist. Wenn ein Historiker das in 50 Jahren aufschreibt, würde er sagen: Deutschland ist bei der Energiewende von der Kernkraft auf die Kohle umgestiegen. Und durch die Subventionen für Wind- und Solarenergie hat es die Preise für CO2-Zertifikate gesenkt, die man für den Ausstoss des Treibhausgases kaufen muss. Damit lohnen sich die Investitionen in Kohlekraftwerke erst richtig. Kein Wunder, dass die Emissionen wieder steigen. Deutschland ist ein Negativbeispiel, wie man Klimapolitik nicht betreiben sollte. Worauf es für den Klimaschutz ankommt, ist eigentlich die Kohle.

«Deutschland ist ein Negativbeispiel, wie man Klimapolitik nicht betreiben sollte.»

Ihr Heimatland hat ja mindestens in diesem Punkt seinen Weg gefunden.
Ich würde nie sagen, dass Grossbritannien eine gute Politik betreibt, aber im Vergleich zu Deutschland . . . Wir behalten die Kernkraft nicht nur, wir bauen sie aus. Wir verbrennen mehr Erdgas. Und es gibt ein fixes Enddatum für die Kohlenutzung, nämlich 2025. Da wir ausserdem einen nationalen Mindestpreis für den CO2-Ausstoss von 18 Pfund pro Tonne zusätzlich zum Börsenpreis haben, treiben wir die Kohleindustrie noch schneller aus dem Markt. Es ist darum nicht überraschend, dass sich unsere Emissionen viel besser entwickeln als Ihre. Nicht gut, aber besser.

Was bedeutet all das für die Wirtschaft? Die Peak-Oil-Theorie sagt Wirtschaftskrisen in den Industrieländern voraus.
In Wirklichkeit haben Export-Länder wie Saudiarabien schwere Zeiten vor sich. Dort ist die Bevölkerung seit 1960 von vier auf 32 Millionen Menschen angewachsen, das mittlere Alter liegt bei 28 Jahren. Die Wirtschaft stützt sich komplett auf den Export von Öl und Gas. Das Land hat bereits ein grosses Haushaltsdefizit, weil es seine Ausgaben auf der Basis von 100 bis 140 Dollar pro Barrel berechnet hat, aber nur noch 50 Dollar einnimmt. Es muss schon Anteile an der staatlichen Ölgesellschaft Saudi Aramco verkaufen. Der mögliche Aufstand der 32 Millionen gegen die 5000 Prinzen, die über die Wirtschaft bestimmen, ist eine ernsthafte Bedrohung für das Regime.

Erstellt: 04.07.2017, 09:58 Uhr

Dieter Helm

Professor für Energiepolitik an der Universität Oxford und Direktor der Beratungsfirma Aurora Energy Research. Im Jahr 2011 hat er die EU-Kommission bei der Erstellung ihrer Energie-Strategie 2050 beraten. Foto: PD

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