Normale Angestellte werden zu Headhuntern

Wie findet man die besten Kandidaten für den freien Job? Arnim Wahls hatte da so eine Idee.

Die herkömmliche Jobsuche ist mit mehr Leerlauf verbunden, als wenn Mitarbeiter ihre Kollegen selbst rekrutieren. Foto: Alamy

Die herkömmliche Jobsuche ist mit mehr Leerlauf verbunden, als wenn Mitarbeiter ihre Kollegen selbst rekrutieren. Foto: Alamy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist in einer Firma eine wichtige Stelle vakant, hat der Arbeitgeber zwei Möglichkeiten: Er publiziert eine Stellenanzeige in einer Zeitung oder auf einem Jobportal; oder – wenns schnell gehen soll oder Diskretion gefragt ist – er beauftragt einen Headhunter mit der Suche und Direktansprache. Beide Strategien haben Nachteile. Im ersten Fall landen oft Hunderte von Bewerbungen auf dem Pult des Personalverantwortlichen, entsprechend aufwendig ist der Selektionsprozess. Im zweiten Fall sind die Kosten beträchtlich, verrechnen Headhunter doch rund ein Drittel des Jahresgehalts des künftigen Stelleninhabers. Und in beiden Fällen ist es eine offene Frage, wie gut der oder die Neue schliesslich ins Team passt.

Arnim Wahls kennt das Dilemma aus seiner Zeit als Personalvermittler und später als Personalleiter einer grossen Wiener Anwaltskanzlei. Dort machte er die Erfahrung: Am besten gelingt die Stellenbesetzung, wenn das bestehende Team den neuen Kollegen oder die neue Kollegin selber findet. Was im HR-Jargon Mitarbeiterempfehlung heisst, funktionierte in der Praxis bisher selten und eher zufällig. Wahls wollte das ändern. Er kündigte seinen Job und lancierte mit seinen zwei Mitgründern Matthias Wolf und Daniel Winter vor fünf Jahren die Firma Firstbird. Ihr gemeinsames Ziel: normale Angestellte zu Headhuntern zu machen und sie dazu zu animieren, in ihrem eigenen sozialen Netzwerk künftige Arbeitskollegen zu suchen.

Netzwerk ersetzt Ausschreibung

Wahls sagt, dass seine Businessidee nicht besonders originell ist. «Schon Julius Caesar hat Söldnern, die einen neuen Mann ins Heer brachten, 30 Prozent mehr Lohn bezahlt», sagt der Österreicher. Auch in jüngerer Vergangenheit haben mehrere Akteure versucht, die Personalsuche an Angestellte zu delegieren und eng mit Netzwerken wie Facebook, Xing oder Linkedin zu verknüpfen. Doch Firmen wie das 2012 gegründete Zürcher Start-up Silp oder andere Pioniere wie Recomy oder Buddybroker schafften den Durchbruch nicht.

Firstbird dagegen wächst vor allem in Deutschland und der Schweiz kräftig. Die junge Firma hat bereits 33 Angestellte und laut Firmenchef Arnim Wahls über 1000 Firmenkunden in 20 Ländern, welche die Firstbird-Technologie fürs interne Empfehlungsprogramm nutzen. Sie zahlen dafür Linzenzgebühren, manche nehmen zusätzlich Beratungsdienstleistungen in Anspruch. Zu den Kunden gehören Konzerne wie die Deutsche Telekom, Sixt oder Arvato Bertelsmann und zahlreiche KMU.

Umfrage

Kollegen als Angestellte anwerben: Eine gute Idee?




Laut Wahls lohnt sich die Investition für Unternehmen, weil offene Stellen über das Programm «effizienter und besser» besetzt werden können. Er sagt, die Rekrutierungskosten würden im Schnitt um 30 Prozent reduziert, das Tempo der Besetzung um 40 Prozent erhöht und offene Stellen müssten dank Firstbird in jedem zweiten Fall gar nicht mehr ausgeschrieben werden, weil Mitarbeiter die passenden Kandidaten finden. Zudem seien Anstellungen nachhaltiger, weil neue Mitarbeiter, die über Kollegen empfohlen werden, schon ein realistisches Bild von Aufgabe und Unternehmenskultur hätten. Aber sind Angestellte denn auch genügend motiviert, die Personalsuche für ihren Arbeitgeber zu übernehmen?

Jobcloud ist beteiligt

Die Bereitschaft hänge stark von der Unternehmenskultur ab, sagt Wahls. Sei diese intakt, reichten der spielerische digitale Ansatz von Firstbird und die in Aussicht gestellte Belohnung für eine erfolgreiche Vermittlung als Motivation. Monetäre Anreize allein seien nicht wirksam, wichtiger sei, dass ein «Wettbewerb unter den internen Talent-Scouts» entstehe. Firstbird fördert diesen durch eine App, die jedem Teilnehmer anzeigt, wie erfolgreich er in seinem Nebenjob als Personalvermittler im Vergleich zu den Kollegen ist.

Anfang Jahr hat Firstbird in einer zweiten Finanzierungsrunde 2 Millionen Euro an Kapital aufgenommen. Investor der ersten Stunde und mit gut 12 Prozent Minderheitsaktionär ist Jobcloud, der Branchenleader unter den Online-Stellenportalen in der Schweiz. (Der Tamedia-Verlag, der diese Zeitung herausgibt, ist an Jobcloud beteiligt). Jobcloud-Geschäftsführer Renato Profico sagt, man habe das Firstbird-Programm im eigenen Haus getestet und zuletzt 40 Prozent der offenen Stellen so besetzen können. Für erfolgreiche Empfehlungen erhielten Angestellte 1500 Franken. Profico sagt, die Kandidatensuche über die eigenen Angestellten werde immer wichtiger, weil Berufsleute heute besser vernetzt seien und dank digitalen Netzwerken einen besseren Zugriff auf Kandidaten hätten als manch ein Headhunter in analogen Zeiten.

Profico, der seit 20 Jahren in der Personalbranche tätig ist, sagt, in den letzten zwei Jahren sei dank neuen Technologien mit Empfehlungssystemen Dynamik in den Markt gekommen. Firstbird sei eine elegante Lösung für den schnell wachsenden Bereich der persönlichen Empfehlungen. «Bei Netflix hat sich gezeigt, dass 70 Prozent der Inhalte aufgrund von Empfehlungen und nicht nach einer spezifischen Suche konsumiert werden», sagt Profico. Er rechne damit, dass persönliche Empfehlungen auch beim Stellenwechsel zunehmend wichtiger würden.

Pflügt Google die Branche um?

Klar ist, dass Wahls und Profico bald gewichtige Konkurrenz bekommen werden. So hat Facebook angekündigt, in diesem Jahr eine Milliarde Dollar zu investieren, um Stellensuchende und KMU auf ihrer Plattform direkt zu vernetzen. «Facebook for Jobs» soll in diesem Jahr in 40 Ländern lanciert werden. Auch Google, der andere Gigant aus dem Silicon Valley, dringt in den Stellenmarkt vor. «Google Search for Jobs» wurde 2017 in den USA und Lateinamerika lanciert, noch in diesem Jahr ist der Sprung nach Europa geplant, vermutlich mit Start in England und Spanien. Profico sagt, vor allem Google sei eine sehr ernst zu nehmende Konkurrenz.

Dank der monopolähnlichen Stellung der Suchmaschine könne der Gigant in jedem Feld rasch Fuss fassen, wie sich in der Reise- und Hotelbranche gezeigt habe. Für lokale Anbieter sei wichtig, sich über qualitativ hochwertige Inhalte abzuheben. Gefragte Zusatzinformationen zu einer Stellenausschreibung seien etwa, wie Mitarbeiter und Kunden das Unternehmen bewerten und wie das Lohngefüge im Unternehmen aussehe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2018, 23:44 Uhr

Artikel zum Thema

Karrieretipps eines Profis

«Fish where the fish are» – so lautet das Motto des Headhunters Hans Hofmann. Deshalb spielen Facebook und Twitter eine wichtige Rolle in der Personalsuche. Mehr...

Finanzbranche: Wo Personal gefragt ist – und wo nicht

Das Zerbröckeln des Bankgeheimnisses nagt an den Erträgen der Schweizer Privatbanken. Und das hat Folgen für die Personalsuche. Ganz anders die Grossbanken. Mehr...

Firmen fehlen Fachkräfte aus dem Ausland

Unternehmen in der Schweiz können aktuell keine Spezialisten aus Drittstaaten mehr rekrutieren – das Kontingent ist erschöpft. Die Folgen könnten weitreichend sein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...