Plastikmüll verschmutzt immer mehr Länder in Südostasien

Ein NGO-Report zeigt, wie leicht sich der Export von verschmutztem Kunststoffabfall von einem Land ins andere verlagern lässt.

Plastikmüll aus Europa wird massenweise nach Südostasien, etwa nach Malaysia verschifft. Fotos: AFP, Greenpeace

Plastikmüll aus Europa wird massenweise nach Südostasien, etwa nach Malaysia verschifft. Fotos: AFP, Greenpeace

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf den ersten Blick ist es eine gute Nachricht: Seit die malaysische Regierung den Import von stark verschmutzten Plastikabfällen per Gesetz verboten hat, kommt deutlich weniger davon ins Land. Doch es gibt eine Kehrseite: Da das Plastikmüllaufkommen unverändert hoch ist, muss der Abfall nach wie vor irgendwohin.

Anstatt ihn dort zu recyceln, wo er herkommt, haben sich die Länder auf die Suche nach neuen Abnehmern für ihren Müll gemacht. Die heissen nun nicht mehr Malaysia, Vietnam und Thailand, sondern Indonesien, Indien und Türkei. Das geht aus einer Untersuchung der Nichtregierungsorganisation Gaia hervor, die der Redaktion Tamedia vorliegt.

Der Bericht zeigt erstmals, wie rasch sich der Handel mit teils stark verdreckten Plastikabfällen von einem Land ins nächste verlagern lässt und wie bereitwillig die grössten Plastikmüll-Exporteure USA, Japan, Deutschland und Grossbritannien das Risiko eingehen, ein Land nach dem anderen mit ihrem Plastikmüll zu überfluten.

«Das ist ein rücksichtsloses System»

Sie gehen dabei dem Bericht zufolge nach dem gleichen Schema vor wie schon Anfang 2018: Damals hatte die chinesische Regierung den Import von Plastikmüll aus dem Ausland von einem Tag auf den anderen gestoppt. Ein schwerer Schlag für viele Industrieländer, die daran gewöhnt waren, ihre Plastikmüll-Probleme über den Export zu lösen – schliesslich war China über Jahrzehnte der grösste Abnehmer der Welt.

Schon damals lautete die naheliegende Lösung, sich einfach neue Abnehmer für den Abfall zu suchen. «Sobald ein Land die Plastikmüllimporte reguliert, fliessen sie einfach zur nächsten, unregulierten Destination», sagt Kate Lin von Greenpeace Südostasien, «das ist ein rücksichtsloses System, und es ist zunehmend unwirtschaftlich».

Und es ist gefährlich für Mensch und Umwelt. Vor einem halben Jahr enthüllte ein Greenpeace-Report, was Hunderttausende Tonnen Plastikmüll in einem Land anrichten können, das keine funktionierende Recyclingindustrie besitzt. Nach Chinas Importstopp wurde Malaysia binnen weniger Monate zum grössten Importeur dieses Abfalls – und ganze Landstriche zu Müllhalden.

«Plastikmüll verwandelt saubere und blühende Orte in giftige Deponien.»Von Hernandez, Greenpeace Südostasien

Die Folge der teils legalen, teils illegalen Importe waren vor allem in der Region Kuala Langat im Westen Malaysias gravierend: Immer wieder brannten Berge von Plastikmüll unter freiem Himmel, der Gestank von verkohltem Kunststoff reizte die Atemwege der Bewohner, hinzu kamen verdreckte Gewässer und ein enormes Pflanzensterben.

Der Gaia-Report zeigt, dass sich die Situation in Malaysia mittlerweile auf weitere Länder Südostasiens ausgebreitet hat. «Der Plastikmüll industrialisierter Nationen verschlingt regelrecht ganze Gemeinden und verwandelt saubere und blühende Orte in giftige Mülldeponien», sagt Von Hernandez, Leiter von Greenpeace Südostasien. Zwar haben die Regierungen von Malaysia, Vietnam und Thailand bereits Importbeschränkungen verhängt, die Türkei hingegen hat noch nicht reagiert und Indonesiens Industrieminister hat erst kürzlich den Umweltminister des Landes aufgefordert, den Importstopp wieder aufzuheben. Im März kündigte auch die indische Regierung einen Importbann an, jedoch erst ab September 2019. Bis dahin dürften die Plastikmüllexporte munter weitergehen – und sich im Anschluss erneut verlagern.

Plastikmüll soll künftig schärferen Kontrollen unterliegen. Foto: Arne Perras

Norwegen will das nun verhindern und bekommt dabei Unterstützung vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Plastikmüll kann bislang vergleichsweise unkompliziert exportiert werden, weil er keiner strengen Kontrollen unterliegt. Das Land hat den Vorschlag gemacht, gemischten oder verunreinigten Plastikmüll zur Gruppe von Abfällen zu zählen, die besonderer Prüfung bedürfen. Aufgrund der in der EU geltenden Abfallverbringungsordnung würde das einem Exportverbot solcher Abfälle in Nicht-OECD-Länder gleichkommen – auch für Deutschland.

Der Vorschlag wird ab kommender Woche bei der Tagung der Vertragsparteien des Basler Übereinkommens diskutiert werden. Das internationale Umweltabkommen regelt die Entsorgung und den Export gefährlicher Abfälle. 187 Nationen, darunter auch Deutschland, haben sich darin verpflichtet, beim Handel mit gefährlichen Abfällen gewisse Regeln einzuhalten. Eine davon besagt, dass die Herkunftsländer sicherstellen müssen, dass ihr Müll im Zielland weder die Gesundheit von Menschen noch die Umwelt gefährdet – ein Punkt, der hinsichtlich der Lage in Südostasien durchaus relevant ist.

Erstellt: 24.04.2019, 10:20 Uhr

Artikel zum Thema

Eine Woche lang ohne Plastikmüll leben?

Mamablog Ende März beginnt die Plastikfastenwoche. Nie gehört? Eine Familie hats ausprobiert. Zum Blog

Schweizer Regierung nimmt Kampf gegen Plastikmüll auf

Das Parlament in Bern hat zwei Postulate, die sich mit dem Umweltschutz befassen, angenommen. Mehr...

Wut auf Plastikmüll bringt Händler und Hersteller in Zugzwang

SonntagsZeitung Nach dem angekündigten Verbot in der EU reagieren Coop, Migros und Nestlé – wenn auch zögerlich Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...